Zwei Arten von Neid, Trauer und Heiterkeit sowie eine glückhafte Spurensuche in eigener Sache

Pinnow, 11.12.2020 (lifePR) – Wenn man den Berichten über die Auswirkungen der aktuellen Corona-Krise glauben darf – aber was darf man in diesen unsicheren und mitunter mehr als quergedachten Zeiten schon noch glauben? -, dann wirkt sich COVID-19 natürlich auf die menschlichen Beziehungen und speziell auf Zweierbeziehungen welcher Art auch immer aus – und zwar völlig gegensätzlich. Entweder die ungewöhnliche und mitunter auch ungewöhnlich schwierige Situation treibt die Ehepartner auseinander oder die ungewöhnliche und mitunter auch ungewöhnlich schwierige Situation lässt die Ehepartner noch stärker zusammenstehen und sich gegenseitig Kraft, Liebe und Hoffnung geben. An dieser Stelle haben Sie genau 60 Sekunden Gelegenheit, sich selber zu befragen und zu entscheiden, wo man sich und seine mehr oder weniger wilde oder brave Ehe denn in dieser Beziehung (schöne Anspielung, nicht wahr?) sieht?
Die 60 Sekunden sind um. Wir machen weiter und verweisen darauf, dass es mit dem zweiten der insgesamt fünf Angebote, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 11.12. 20 – Freitag, 18.12. 20) zu haben sind, genauso gemacht werden kann. Denn Karl Sewart stellt darin „99 Ehen und eine Scheidung“ vor und zumindest indirekt die Frage, für welches Modell Sie sich denn entschieden haben. Aufschlussreich und ziemlich vergnüglich, welche Varianten des Zusammenlebens Sewart damals entdeckt hatte …
Aber auch die schönste Ehe und das längste Leben geht naturgemäß irgendwann einmal zu Ende und dann bekommt der Mensch einen Langzeit-Parkplatz wie in Schwerin zum Beispiel auf dem Alten Friedhof, der zu den ältesten, berühmtesten und schönsten derartigen Anlagen in Europa gehört. Dort liegen berühmte und weniger berühmte Leute, die zu ihrer Zeit mitunter Rang und Namen hatten. Aber wie war es genau? Wie und von wann bis wann haben sie gelebt? Und welche Verdienste haben sie sich während ihrer Erdentage erworben? Antworten auf solche Fragen will die in unregelmäßiger Folge erscheinende Schriftenreihe des Fördervereins Alter Friedhof Schwerin e.V. „Orte der Erinnerung“ in der Redaktion von Lutz Dettmann („Reise nach Jerusalem“ und „Wer glaubt schon an den Weihnachtsmann“) geben. Dieser Newsletter präsentiert heute die 2. Auflage von Heft 1, in dem Dettmann unter anderem von seiner ganz persönlichen Beziehung zum Alten Schweriner Friedhof berichtet.
Geboren 1929. Da kann mensch schon eine ganze Menge erzählen. Und genau das tut Gisela Heller – bekannt durch ihre Bücher über Fontane, Potsdam und die Mark Brandenburg – in ihrer Spurensuche in eigner Sache „Mit Glück ins Leben. Schlesische Kindheit, sächsische Jugend“. Und sie tut es temperamentvoll und pointiert, lebendig und warmherzig. Absolut lesenswert.
Auch schon eine große Portion Leben hinter sich hat der Rostocker Autor Michael Baade, der hier und heute mit seinem gerade eben erschienenen Band „Geboren am Meer. 50 Gedichte aus 50 Jahren“ vertreten ist. Seinen zusätzlich künstlerischen Reiz bekommt diese sensible Selbstoffenbarung durch die Grafiken von Professor Armin Münch.
Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Und da hat die Literatur schon immer ein gewichtiges Wort mitzureden und heute erst recht. Heute kommt wieder einmal ein Autor zu Wort, der Abenteuer und politische Aufklärung, akribisches Recherchieren und spannendes Schreiben ausgezeichnet miteinander zu verbinden verstand. Und er deckte gern Hintergründe auf, machte viele Dinge sichtbar, die meist lieber unsichtbar geblieben wären. So auch im heutigen FfF-Angebot:
Erstmals 1962 veröffentlichte Wolfgang Schreyer im Deutschen Militärverlag Berlin sein Buch „Piratenchronik“. Dem E-Book mit dem etwas veränderten Titel „Augen am Himmel – Eine Piratenchronik“ liegt die 4. überarbeitete und erweiterte Auflage zugrunde. Sie erschien 1968 im Deutschen Militärverlag Berlin: Nach jahrelangem Materialstudium schrieb Wolfgang Schreyer dieses Tatsachenbuch – die fesselnde Geschichte der Luftaufklärung und Luftspionage. Sein Thema reicht von Alaska bis Israel, von Nicaragua bis Sibirien, vom ersten Späh-Ballon im Jahre 1794 bis zum modernen Foto-Satelliten. Was der Welt lange Zeit verborgen gehalten wurde, wird hier im Einzelnen berichtet: Illegale Flüge von Sportfliegern, Abenteurern und Göring-Piloten, der Radarkrieg am Ärmelkanal, die britische Luftaufklärung des V-Waffen-Zentrums Peenemünde, antisowjetische Geheimaktionen der fünfziger Jahre wie U-2-Flüge, B-52-Vorstöße und die Operation „Moby Dick“, Spähunternehmen der 1960er Jahre – die „Voodoo“-Flüge über Frankreich und Kuba und der Einsatz von Robotern über der Demokratischen Republik Vietnam (DRV).
In dokumentarisch belegten Szenen nimmt der Leser teil an Stabsbesprechungen am Tirpitzufer, an der Themse und am Potomac River; an internationalen Pressekonferenzen, Gerichtsverhandlungen und der Einweisung von Spionagefliegern. Es begegnen ihm namhafte Wissenschaftler, Diplomaten, Konzernvertreter, Juristen, Politiker und Generale. Er erlebt Luftkämpfe über der Ostsee und dem Eismeer, eine Notlandung in Japan sowie Beginn und Verlauf der USA-Aggression gegen Vietnam.
Der Autor schildert den Entwicklungsgang strategischer Erfindungen (Höhenflug, Luftbild, Radar, Infrarot, Satelliten-Erkundung) und entwirrt das daran geknüpfte Netz technischer Tricks. Gestützt auf Expertengutachten erläutert er die Details so anschaulich, dass auch Leser ohne Fachkenntnisse seiner Darstellung gespannt folgen.
Dieses ausgezeichnet recherchierte und spannend geschriebene Buch ist inzwischen selbst ein Stück Zeitgeschichte und lässt erahnen, was heute alles am Himmel unterwegs ist. Hier ein Auszug, der im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkrieges handelt:
„Sind wir Gott?
Eine Woche nach der Normandie-Invasion, in der Nacht zum 13. Juni, schlagen vier Flügelgeschosse in Großlondon ein – Fehlschüsse, wie Dr. Jones vermutet. Wirklich ist der übereilt befohlene Eröffnungsschlag missglückt, wie so vieles an Hitlers Vergeltungswaffen. Lord Cherwell triumphiert; Jones beschwört ihn, dies nicht mit einem Lachen abzutun. Captain André Kenny, inzwischen von Medmenham zur Abwehr versetzt, springt am Fallschirm über Frankreich ab. Er soll den Einsatzkommandeur der Flügelgeschosse, Oberst Wachtel (Max Wachtel, der, wie „Der Spiegel“ in seiner Nr. 49/1965 zu berichten weiß, später Flughafendirektor von Hamburg-Fuhlsbüttel war.), ausschalten.
Am 15. Juni 1944, kurz vor Mitternacht, setzt reguläres V-1-Feuer auf „Ziel Nr. 42“ – die britische Hauptstadt – ein. Der PK-Mann Dr. Holzamer, heute Fernsehintendant in Mainz, spricht seinen ersten „Ohrenzeugenbericht von der Kanalfront“ ins Mikrofon: „Donnernd zieht, während der Kriegsberichter das Erlebnis für die Heimat, für die Ohren der Welt festhält, V 1 seine Bahn…“
Im Morgengrauen meldet ein deutsches Aufklärungsflugzeug starken Feuerschein überm Zielgebiet. Erwartungsvoll fliegt Hitler nach Soissons; er hofft, die Westalliierten zu einer zweiten Landung im schwer befestigten Abschnitt Calais zu provozieren. Als ein V-1-Irrläufer in der Nähe des Konferenzortes einschlägt, macht er sich davon. Am nächsten Tag wird das fünfhundertste Flügelgeschoss gestartet; es tötet nahe dem Buckinghampalast 121 Menschen. Doch der alliierte Invasionsplan bleibt unverändert. Churchill versichert Eisenhower, London werde die Prüfung ertragen. Er fühlt sich von dem Flügelgeschoss „wieder in die Frontlinie gestellt“, wirkt plötzlich zehn Jahre jünger. Acht Jägerstaffeln und 480 Sperrballons setzt er gegen die V 1 ein, deren Abschuss-Stellen das Bomberkommando neuerdings mit fünfeinhalb Tonnen schweren Erdbebenbomben („Tallboy“) belegt.
Am 28. Juni stürzt ein Flügelgeschoss auf das Luftfahrtministerium und bringt 198 Menschen um. Das Kabinett erwägt, Giftgas gegen die V-1-Startplätze einzusetzen. Den Stabschefs ist dieser Gedanke schon früher gekommen; man könnte den Gaskrieg mit überlegener Luftmacht tief ins feindliche Hinterland tragen. Doch die Abwehr warnt vor der fortgeschrittenen Kampfstofftechnik der Deutschen. Auch die Amerikaner protestieren: Der Gaskrieg lasse sich nicht auf die V-1-Basen beschränken, er werde zur weiteren Verzettelung der alliierten Luftstreitkräfte führen.
Insgesamt steigen 10 452 Flügelgeschosse auf; knapp ein Viertel erreicht London und tötet 6000 Menschen. Ihr Zielpunkt ist Tower Bridge, die Einschläge streuen in weitem Umkreis. Churchill nennt sie „eine Waffe, die buchstäblich keinen Unterschied macht“. Sein Kabinett beschließt, wie David Irving in N. 48/1965 des Hamburger Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ sagt, aus moralischen Gründen, dass zwar versucht werden darf, den Feind zu verwirren, nicht aber, das Feuer auf andere Stadtteile zu lenken. Eben das tut die britische Abwehr. Mit einem von Dr. Jones erdachten speziellen Trick lanciert sie Agentenmeldungen über angebliche Einschlagstellen, und auf Lord Cherwells Rat hin fälscht sie Todesanzeigen in der Londoner Presse. Am 2. August – der Zielpunkt Tower Bridge ist gerade erstmals getroffen, die Brücke stark beschädigt worden – bittet Duncan Sandys den Premier, die Kabinettsentscheidung aufzuheben. Dem der Labour Party angehörenden Innenminister kommen Skrupel. Erregt ruft er: „Wer sind wir, dass wir handeln dürfen wie Gott?“ Das Kabinett stimmt Morrison zu, die Abwehr aber setzt ihr Täuschungsmanöver heimlich fort. Mehr als drei Viertel der Flügelgeschosse fallen nun auf die Industrie- und Arbeiterviertel südlich der Themse“. Und damit zu den ausführlicheren Präsentationen der anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters.
Erstmals 1978 erschien im Mitteldeutschen Verlag Halle – Leipzig „99 Ehen und eine Scheidung“ von Karl Sewart: 99 Ehen sind auch für einen potenten Zeitgenossen zuviel des Guten. Hier liegt kein Leitfaden der Ehekunst vor, sondern der Autor bietet Beispiele für jene kleineren und größeren Misshelligkeiten, die das Zusammenleben von Mann und Frau manchmal so schwierig machen, er bietet Beispiele, die dieses Beieinander auf vergnügliche Weise zeigen. Man lese das Buch nach einem Ehestreit, anstelle eines Ehestreites, in Maßen und nicht wie einen Roman. Wer will, darf die letzte Seite zuerst aufschlagen und in der Lektüre seine Erfahrungen beitragen zu einem Thema, das hier kurzweilig und problemreich vorgeführt wird. Karl Sewart behandelt das so problemreiche Thema Ehe auf recht kurzweilige Art. All die vielen größeren und kleineren Möglichkeiten, die das Zusammenleben zwischen Mann und Frau manchmal arg trüben können, werden hier in komisch-ironischer Verkürzung vorgeführt. Der Autor zeichnet seine Ehe-Porträts mit knappen, kräftigen Strichen, ihre Wirkung beruht auf komischer Übertreibung und Vergröberung. Lachend könnte deshalb mancher Leser nachzudenken beginnen, wenn er sich in diesem oder jenem Porträt abgebildet finden sollte. Das noch immer aktuelle Buch erschien erstmals vor nunmehr 42 Jahren. Hier eine kleine Auswahl der vergnüglichen Beschreibungen, von denen nur wenige oder vielleicht auch nur eine einzige nicht mehr zeitgemäß sind – Nr. 33, „Eine Ehe mit einer Erweiterten Oberschülerin“. Aber sonst. Man/frau lese selbst:
„23
Eine Ehe mit einer Träumerin
Eines Nachts träumte sie, er sei ihr untreu geworden. Sie erwachte weinend, und als er sie fragte, was sie denn habe, fing sie noch schlimmer an zu weinen. Er wusste sich keinen besseren Rat, als ihr erst einmal das Frühstück ans Bett zu bringen, als ihr dann die Wohnung sauberzumachen, als ihr darauf die Teppiche auszuklopfen, als ihr danach die Kohlen heraufzuholen, als ihr schließlich das Mittagessen zu kochen, als ihr endlich auch noch das Abendbrot zu bereiten.
Von da an träumte sie öfters so hässlich von ihm. Er aber, er hatte fortan einen völlig traumlosen Schlaf.
24
Eine Ehe mit einer Wahrsagerin
In die Zukunft schauen, das ist für ihn gar nichts Besonderes, er weiß genau, was wird, und zwar ganz genau!
Er wohnt ja nicht umsonst mit einer Prophetin in ein und denselben vier Wänden, steckt nicht von ungefähr mit einer Wahrsagerin unter einer Decke, und da raunt sie ihm allabendlich geheimnisvoll ihre Gesichte vom morgigen Tag ins Ohr: „Morgen früh“, orakelt sie, „da gehst du um 7.15 Uhr Brötchen holen, und zwar um 7.15 Uhr, und zwar Brötchen… Und dann, dann weichst du die Wäsche ein, und zwar die Wäsche, und dann machst du dir deine Schnitten zurecht und gehst zur Arbeit, und zwar… Und zwar auf dem Heimweg, da gehst du beim Fleischer vorbei und dann ins Blumengeschäft, und zwar… Und zwar am Abend, wenn alles eingetroffen ist, da sag ich dir dann, was übermorgen wird, und zwar…“
…Und zwar trifft alles ein, was sie ihm prophezeit, Tag für Tag, Jahr um Jahr. Da bleibt ihm wirklich nichts anderes übrig, als sie für die größte Prophetin aller Zeiten zu halten, und zwar für die allergrößte…
25
Eine Ehe mit einer Fahrlehrerin
Am Anfang, da hatte er sich, ehrlich gesagt, wirklich manchmal ein bisschen darüber geärgert, wenn sie ihm immer und immer wieder erklärte, dass er rechts, wenn er nach rechts, und dass er links, wenn er nach links abbiegen wollte, dem Nachfolgeverkehr die beabsichtigte Fahrtrichtungsänderung durch das entsprechende Blinkzeichen anzeigen müsse und dass er bald das Licht einzuschalten habe, wenn es entsprechend dunkel geworden sei, und dass er nun, da sie dank ihrer Anleitung und Kontrolle wieder heil und unbeschadet zu Hause angelangt seien, bloß noch, ohne links und rechts anzuecken, in die Garage zu steuern brauche…
Doch jetzt, wo er nun jahrelang ihren Nachhilfeunterricht genossen hat, sieht er endlich restlos ein, dass er ohne sie keinen Meter weit gekommen wäre!
26
Eine Ehe mit einer endlich zu Besuch kommenden Frau
Jahrelang hat sie vergeblich versucht, ihn dazu zu bringen, sich auch, wenn sie alleine zu Hause sind, ein bisschen ordentlicher anzuziehen und sorgfaltiger zu kämmen und manierlicher zu gebärden. Bis sie endlich auf die Idee kommt, sich selber mal gehörig in Schale zu werfen und sich anständig vor die Tür zu stellen und ihn höflich herauszuklingeln…
Und wirklich, nachdem sie ein Viertel- oder auch ein halbes Stündchen gewartet hat, empfängt er sie wie ein vollendeter Gentleman und behandelt sie wahrhaftig, als sei sie nur zu Besuch!
27
Eine Ehe mit einer Nichtfußballerin
Er erklärt ihr jeden Abend aufs Neue, dass man einen Fußballer doch auch nicht nach einem Spiel beurteilen kann… Doch sie, sie versteht einfach nichts vom Sport!
28
Eine Ehe mit keiner Leserin
Abends, nachdem er ihr die Verse, die er tagsüber geschaffen, verstohlen auf ihr Kopfkissen hinübergeschmuggelt hat, kuschelt er sich immer aufgeregt an sie heran und schließt erwartungsvoll seine Augen und krault abwesend ihren Rücken, während sie wirklich in einen Begeisterungsruf nach dem anderen über seine tollen Einfälle und sein flottes Talent und seinen fetzigen Rhythmus usw. ausbricht…
29
Eine Ehe mit einer Schauspielerin
Wie ihn die anderen Männer darum beneiden, dass er sie auch noch zu Hause hat!
Wie er die anderen Männer darum beneidet, dass sie sie nur auf der Bühne erleben!
30
Eine Ehe mit einer Ariadne
Sie versteht es wirklich, ihm auch noch die einfachste Aufgabe derart kompliziert zu stellen, dass er sich wahrhaftig ohne ihre Hilfe niemals wieder herausfinden würde…
31
Eine Ehe mit einer pädagogisch unfähigen Frau
Er versteht nicht, dass sie mit den Kindern nicht im Geringsten klarkommt, wenn sie mit ihnen die paar Hausaufgaben lösen und die paar Schuhe putzen und das bisschen Abwasch erledigen will! Während sie ihm aufs Wort gehorchen, wenn er mit ihnen in den fernen Tierpark und zum gefährlichen Riesenradfahren und das kalte Eis essen gehen soll!
32
Eine Ehe mit einer störenden Frau und deren Kindern
Abend für Abend und das ganze Wochenende über sitzt er mit zurecht gelegtem Notizblock und gezücktem Kugelschreiber da – doch da fängt auch schon der Kleine wieder an, eins seiner selber verbrochenen Gedichte vorzulesen, und dann übt der Mittlere die Rolle für sein nächstes Laienspiel ein, und dann legt die Große ihre neue Schallplatte auf und klimpert schließlich selber auf ihrer Gitarre herum, und zu guter Letzt blättert auch noch die Alte selber wieder derart laut die Seiten in ihrem neuen Schmöker um – so dass er wirklich die ganze Zeit nicht dazukommt, sich auf die prinzipielle Planung der kulturellen Gestaltung der Freizeit der gesamten Familie zu konzentrieren!
33
Eine Ehe mit einer Erweiterten Oberschülerin
Während sie sich auf den Hosenboden setzt und die ungeschlechtliche Vermehrung der Einzeller paukt, rennt er wohl oder übel in die Schwangerenberatung …“
Soeben ist die 2., überarbeitete Auflage von Heft 1 „Orte der Erinnerung“ der SCHRIFTENREIHE VOM FÖRDERVEREIN ALTER FRIEDHOF e. V. erschienen – und zwar sowohl als gedruckte Ausgabe wie auch als E-Book. Worum es dem Herausgeber geht, das erklärt ein Geleitwort des Vereinsvorsitzenden:
„In Ihren Händen befindet sich die erste Ausgabe unserer Schriftenreihe des Fördervereins Alter Friedhof Schwerin e.V.
Die Schriften dieser Reihe sollen in Zukunft in unregelmäßiger Folge an vergessene und unvergessene Persönlichkeiten, die auf dem Alten Friedhof der Landeshauptstadt ihre letzte Ruhe gefunden haben, erinnern. Wir möchten an Personen erinnern, deren Grabstätten aufgehoben, gefährdet, noch erhalten oder auf der Denkmalliste stehen. Dabei werden wir keine Klasse, Gesellschaftsschicht oder einen Bekanntschaftsgrad bevorzugen, auch wenn dies schwer fallen wird. Denn in den Archiven findet man wenig oder nichts über einfache Eisenbahnbeamte, zu Hutmacherinnen oder Schlachtern, über Menschen, die ihrer täglichen Arbeit nachgegangen sind und keine besonderen Verdienste geleistet haben. Bei der Anlage des Friedhofs hatten die Gründer Theodor Klett und G.A. Demmler die Idee, keine „Schlossallee“ oder schäbige Vorstadt für die hier Ruhenden zu schaffen. Reich und Arm sollten nebeneinander ruhen. Durchsetzen konnten sie sich nicht mit dieser Idee einer klassenlosen letzten Ruhe.
Unsere Autoren sind Mitglieder des Vereins. Einige der Texte sind bereits in Zeitschriften veröffentlicht worden, aber in dieser Geschlossenheit bisher nicht erschienen.
Der erste Beitrag wird an Karl-Heinz-Oldag erinnern. Sein Grab ist noch nicht alt, auch nicht vergessen oder gefährdet. Trotzdem gebührt ihm dieser Platz, denn Karl-Heinz Oldag forschte viele Jahre über die Geschichte des Alten Friedhofs, riss mit seinen Artikeln Menschen aus dem Vergessen, die für die Stadt oder Mecklenburg viel geleistet und gewirkt hatten und rückte so den Alten Friedhof gartengestalterisch und kunstgeschichtlich in die Öffentlichkeit.
An dieser Stelle möchten wir uns auch bei der SDS, bei Frau Saß und Frau Böther, für die Unterstützung bei der Recherche für diese Arbeit bedanken. Der Erlös dieser Broschüre wird für die Vereinsarbeit verwendet.
Schwerin, im April 2012
Uwe Lange
Vereinsvorsitzender im Namen
des Fördervereins Alter Friedhof Schwerin e.V.“
Soweit der Anfang dieser neuen Schriftenreihe, von der inzwischen auch Heft 2 vorliegt. Aber zurück zu Heft 1:
„STATT EINES VORWORTES
Meine erste Erinnerung an den Alten Friedhof in Schwerin ist nicht positiv. Ich mag sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein. Der Tag war grau und kalt, es nieselte. Krähen hockten fett auf den großen Kastanien. Ein schlimmes Wetter wie am Totensonntag. Es war Totensonntag! Ein Wetter wie an allen Totensonntagen, eben Novemberwetter im Norden Deutschlands, damals der DDR. An der Hand meiner Großmutter ging es zu unserer Familiengrabstätte, auf der mein Großvater, meine andere Großmutter und weitere Ahnen der Familie ruhten. Für mich war dieser Gang zum Grab kilometerweit und stundenlang, obwohl sich unsere Grabstätte in der Nähe des Krematoriums, also fast am Eingang des großen Friedhofs, befindet.
Meine Großmutter schien sämtliche alte Damen Schwerins zu kennen, die hier ihre Männer für den Winter mit Tannengrün versorgten. Immer wieder blieb sie stehen, grüßte und wechselte einige Worte mit den Damen (natürlich auf Platt), während ich vor Kälte zitternd daneben aushalten musste. So manche lederhandschuhgeschützte Hand strich über meinen Scheitel. Viele Damen stellten auf Platt fest, dass ich schon wieder gewachsen sei und noch immer viel zu dünn wirke. Meine Stimmung war grauenvoll. Die Bläser vor dem Eingang des Krematoriums, das im feinsten Bauhaus errichtet wurde, werden diese noch verstärkt haben. Genug – ich brachte diese Tage hinter mich. Mein kleiner Bruder lernte laufen. So begleitete er künftig unsere Großmutter. Ich hingegen lernte den Friedhof nun auf eine ganz andere Art kennen.
Der Alte Friedhof ist als Landschaftsfriedhof von Theodor Klett ab 1862 angelegt worden. Zuvor hatte es Diskussionen um den Standort eines neuen Friedhofs gegeben; Schwerin, seit einigen Jahrzehnten wieder Residenzstadt, war aus den recht engen Nähten geplatzt. Sie beherbergte an die 25 000 Seelen, was für eine mecklenburgische Residenzstadt schon recht gewaltig war.
Der Architekt G.A. Demmler hatte diesen Platz vor dem Feldtor, zwischen dem alten Galgenberg und dem Ostdorfer See, angeregt. Diesen Ort wählte er, weil wie er sagte: „… eine Anhöhe, damit die schnelle Verteilung und Verflüchtigung der Leichendünste garantiert werden kann.“ Außerdem sei: „ein hügeliges, von Osten nach Westen ansteigendes Friedhofsgelände zu wählen, da man in einem bewegten Gelände eine viel natürlichere, parkähnliche Umgebung schaffen könnte.“ (Regina Saß: „Planung und Bau des Alten Friedhofes in Schwerin“, in „Friedhofskultur – Zeitschrift für das gesamte Friedhofswesen, Heft 6, Juni 2009) Demmlers Argumente überzeugten den Bürgerausschuss, der wiederum den Magistrat, alle gemeinsam den Großherzog, denn der hatte in Schwerin das eigentliche Sagen. Die wenigen Spökenkieker, die nicht am Fuß des Galgenbergs begraben werden wollten, konnten überstimmt werden. So wurde Theodor Klett, seines Amtes Gartendirektor und verantwortlich für die großherzoglichen Gärten und Parks, mit genügend Geld ausgestattet und nach Frankreich zum Studium der dortigen Landschaftsfriedhöfe geschickt.
Und die Investition hat sich gelohnt! Wir Kinder stellten dies immer wieder unbewusst fest, wenn wir beim Kastaniensammeln oder beim Anlegen unseres Herbariums stundenlang über das verschlungene Wegenetz zwischen den Grabfeldern streunten. Die Wege zwischen den Kapellen unter den alten Bäumen, zwischen den mit Efeu überwachsenen Grabstellen und Denksteinen hatten so gar nichts von Trauer für uns. Das war Abenteuer, eine Naturlandschaft inmitten der Stadt, die wir eroberten. Auch wenn die Wege unsere Indianerpfade waren, sahen wir diesen Ort als Friedhof, auf dem man sich nicht pietätlos bewegte. Ich muss gestehen: Natürlich war auch eine große Portion Schauer dabei, wenn wir durch das Schlüsselloch der Masiuskapelle schauten und die aufgereihten eichenen Särge der Familie bestaunten.
Bei Demmlers Kapelle war das Gruseln nicht so groß, denn sein Sarg und der seiner Frau waren hinter Glas zu sehen. Damals hausten noch keine Vandalen auf dem Friedhof und niemand zertrümmerte die Glasscheiben. Später wurden die Särge zum Schutz in die Gruft versenkt. Demmler, zu Lebzeiten Freimaurer, hat deren Symbole auf seiner Gruft verewigt. Dieses ist wohl einmalig für einen Freimaurer. Seine Kollegen werden darüber nicht gerade erfreut gewesen sein. Die Demmlerkapelle ist dank öffentlicher und privater Mittel seit 2005 wieder restauriert. Man sollte sie sich ansehen, wenn man auf dem Friedhof ist. Sie befindet sich unweit des Krematoriums, eingebettet in einem Hang am Kapellenberg mit Blick auf das ehemalige Gelände des Schlachthofes. Zurück zu Theodor Klett: Klett setzte die Ideen Demmlers konsequent um und gestaltete einen wundervollen Landschaftsfriedhof. Man wird nicht einen geradlinigen Weg auf diesem Terrain finden! Wie gezeichnete Höhenlinien passen sie sich den natürlichen Geländeformen an. Baumgruppen lockern die Grabfelder auf. Ursprünglich wurden nur heimische Gehölze und Sträucher gepflanzt. Die Hauptwege sind als Alleen angelegt. Sichtschneisen gaben in den ersten Jahrzehnten Blicke in die damals noch unbebaute Gegend frei. Der Mensch sollte trauern können und trotzdem ein heiteres Bild der Natur erleben. Das sollte ihm bei der Trauerbewältigung helfen. Dieses Ziel Kletts kann man auch heute noch nachvollziehen.
Am 28. Juli 1863 wurde der Friedhof geweiht und ist somit einer der ältesten Landschaftsfriedhöfe Norddeutschlands. Im selben Jahr wurde mit dem Bau der Trauerkapelle von Theodor Krüger, der auch die Schweriner Paulskirche erbaute, begonnen. Für ein Projekt, was er mal so nebenbei entworfen hat, ist sie wirklich gut gelungen. Die Kapelle steht auf dem höchsten Punkt des Geländes. Nach dem Bau des Krematoriums wurde sie viele Jahre zweckentfremdet als Lagerraum verwendet. Inzwischen ist die Kapelle restauriert. In ihrer unmittelbaren Nähe haben viele Schweriner Pastoren ihre letzte Ruhe gefunden.
In den Jahren 1881,1883,1897 und 1916 wurde der Friedhof nach Süden und Westen erweitert. In diesem Zeitraum entstanden auch die imposantesten Grabanlagen und Kapellen. Der Alte Friedhof ist ein Spiegelbild der großherzoglichen Residenz. Wenn mein Bruder und ich mit unseren Eltern den obligatorischen Sonntagnachmittagspaziergang über den Friedhof machten, erforschten wir die Grabreihen. Gesucht wurde nach unbekannten Titeln und Berufsbezeichnungen, die in Stein gemeißelt, den heutigen Schwerinern Rätsel aufgeben: Hofschauspieler, Hofrat, Hofbäckermeister, Hofposaunist … Ob es den „Schrankenwärter in Ruhestand“ wirklich gab oder ob wir ihn uns ausgedacht haben, kann ich nicht mehr sagen.
Demmlers Vorschlag, die Schweriner Dahingegangenen nicht nach Herkunft, sondern nach der Zeit ihrer Abkunft ohne Standesunterschiede zu beerdigen, war abgelehnt worden. So findet man auch auf dem Alten Friedhof das noble „Schloßgartenviertel“ und die einfache „Vorstadt“.
Ein Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie muss nun einmal seine standesgemäße Umgebung durch Militäradel haben …
Natürlich sahen wir auf unseren Streifzügen die Eisernen Kreuze auf den Gräbern. „Gefallen vor Ypern“, „ …starb den Heldentod vor Orel“. Wie viel menschliches Leid und Trauer, auch oft falsches Pathos sich hinter diesen wenigen Worten versteckten, begriffen wir erst später. Nicht nur der Hof, auch das Militär, die Kunst, die Kultur, die Wissenschaft gehörten zum Leben der Residenz-, Haupt-, Gau-, Bezirks- und jetzt wieder Landeshauptstadt.
Friedrich von Kücken (Hofkompositeur und großzügiger Stifter der Stadt), Karl Hennemann (Maler und Grafiker), Hans Franck und Adam Scharrer (der eine bürgerlicher, der andere proletarischer Schriftsteller), Hermann Willebrand, Ernst Lübbert (Maler), G.C.F. Lisch (Altvater der Archäologie) – die Liste ließe sich fast endlos erweitern. Ein who is who der Stadt- und Landesgeschichte. Der Alte Friedhof – das kulturelle Gedächtnis der Stadt Schwerin.
Der Backsteinbau des Krematoriums und der Feierhalle, am Ende der Zwanzigerjahre von Andreas Hamann geplant, war wegen seiner Geradlinigkeit und Schlichtheit eines unserer beliebtesten Motive, wenn wir mit Zeichenblock und Farben während des Zeichenunterrichts auf dem Friedhof unterwegs waren. Er ist eines der wenigen Gebäude des Bauhausstils in Schwerin. Der Anbau, kurz nach dem zweiten Weltkrieg entstanden, beeinträchtigt leider in seinem Stilbruch den sachlich schönen Zweckbau.
Beeindruckend ist für mich immer wieder der trauernde Soldat auf der Kriegsgräberstätte unweit des Grimkesees, im tieferen, fast abgelegenen Teil des Friedhofs. Obwohl 1937 geschaffen, drückt dieses Denkmal von Wilhelm Wandschneider in seiner Schlichtheit und ohne Pathos die Trauer und Sprachlosigkeit angesichts eines sinnlosen Todes aus. Da bedarf es keiner Inschrift! Zum Glück hat dieses Denkmal die Bilderstürme des vergangenen Jahrhunderts unbeschadet überstanden. Doch nicht nur der Ort am Grimkesee schützt die Gebeine von Kriegsopfern. Auch auf anderen Teilen des Friedhofs ruhen Kriegsopfer: Zivilisten, die in der Stadt während des Trecks umkamen, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene. Insgesamt sind über 4 000 Kriegstote bestattet. Und auf den Ort des Friedens fielen im April 1945 Bomben! Der angrenzende Stadtteil mit seinem Straßenbahndepot war Ziel eines amerikanischen Angriffs. Die Einschläge der Splitter sieht man noch heute auf einigen Grabkreuzen.
Ab 1969 sollte der Alte Friedhof peu à peu in eine Parklandschaft umgewandelt werden. Einzelne Gräber waren unter Schutz gestellt worden. Neuanlagen wurden nicht mehr zugelassen, lediglich Familiengrabstätten wurden noch belegt. Im Laufe der Jahre verfielen etliche Grabstellen, die Anlagen wurden nicht mehr ausreichend gepflegt.
Auch als Jugendlicher zog es mich auf den Friedhof, nicht nur der Familiengrabstätte wegen, auf der nun inzwischen auch meine Großmutter lag. Die verwunschenen Wege mit ihren Bänken, die versteckten Ecken luden zum Bummel mit den Freundinnen ein. Die ersten Zigaretten wurden hier ungestört konsumiert.
Später dann war ich verheiratet und lebte mit meiner Familie in meiner eigenen Wohnung. Mein Sohn lernte auf dem Alten Friedhof seine ersten Schritte und sammelte mit seiner jüngeren Schwester Kastanien. Seit 1997 werden auf dem Friedhof wieder neue Nutzungsrechte für Gräber vergeben. Der Friedhof wurde als Gartendenkmal unter Schutz gestellt. 870 Einzeldenkmäler sind erfasst. Doch viele Gräber sind gefährdet. Auch heute zieht es mich auf den Alten Friedhof, mit meiner Frau oder auch alleine, um Atem zu holen, auch um an die Gegangenen aus der Familie zu denken. Der Weg zu unserer Familiengrabstätte, das kurze Verweilen, dabei Ruhe zu finden – Minuten, die nur mir gehören. Nirgendwo in Schwerin kann man den Gang der Jahreszeiten so gut wie hier erleben: Das frische Weiß der wilden Anemonen zwischen den Bäumen am Grimkesee, das saftige Grün der weiten Rasenfläche vor der Backsteinfeierhalle, im Herbst das Feuer des wilden Weins in der späten Sonne an der Wand der Wrisbergkapelle und im Novembergrau das Tropfen der Nässe von den kahlen Ästen der alten Kastanien. Der Friedhof ist ein Ort der Vergängnis, aber auch ein Ort des Lebens. Eichhörnchen und Kaninchen tummeln sich, Amseln singen und Spechte hämmern an den Bäumen. Der Alte Friedhof ist ein Ort des Gedächtnisses. Auch darum muss er erhalten werden. Genau darum habe ich mit anderen Enthusiasten den Förderverein Alter Friedhof Schwerin gegründet. Seit über zwei Jahren versuchen inzwischen etwa 30 Mitglieder ehrenamtlich und mit viel Elan Grabstätten vor dem Verfall zu retten. Es werden Arbeitseinsätze durchgeführt, Spenden gesammelt und zusammen mit der Friedhofsverwaltung neue Wege gesucht, um möglichst viele erhaltenswerte Grabanlagen vor dem Verfall zu retten. Karl-Heinz Oldags Buch „Unvergessen“ erschien 1995. Er stellt beispielhaft Persönlichkeiten, die auf dem Alten Friedhof ihre letzte Ruhestätte fanden, vor. Im Vorwort dieses Buches schreibt Axel Ferchland: „Friedhöfe vermitteln auch die Erkenntnis, dass die Erinnerung an Menschen Jahre oder Jahrzehnte nach ihrem Tode oft nur noch durch ein altes Grabmal unter hohen Bäumen und ausgewachsenen Hecken wachgehalten wird. Den Lebenden ist meist nicht bewusst, dass die Verstorbenen, deren Wirken, Arbeitsleistungen, Ängste und Hoffnungen oft vergessen scheinen, ein Mosaiksteinchen auch unser Vergangenheit und Zukunft sind – auch die Namenlosen.“ (Karl Heinz Oldag: „Unvergessen. Ihre Namen kennt man noch – Ein Spaziergang über den Alten Schweriner Friedhof“, Stock und Stein Verlag 1995)
Der vor Ihnen liegende dünne Band ist ein erster Versuch des Fördervereins Alter Friedhof Schwerin e.V, Personen, die einmal Zeitgeschichte schrieben und heute fast oder ganz vergessen sind und Namenlose auf diesem Wege aus dem Vergessenen zu reißen. Etliche Grabanlagen der Vorgestellten sind gefährdet, einige Grabstätten bereits verschwunden. Der Erlös dieses Buches wird für die Bewahrung und Wiederherstellung einzelner Grabanlagen verwendet.
Der Verein ist dankbar für jede Zuwendung. Und wenn Sie, lieber Leser, Interesse an unserer Arbeit haben, sich sogar einbringen wollen, ob als Mitglied, Grabpate oder Förderer – Sie sind willkommen!
Lutz Dettmann,
Schwerin im März 2012“
Erstmals 2007 veröffentlichte Gisela Heller im Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn GmbH Würzburg ihren Memoirenband „Mit Glück ins Leben. Schlesische Kindheit, sächsische Jugend“: In ihrem Buch begibt sich die Autorin – bekannt durch ihre Bücher über Fontane, Potsdam und die Mark Brandenburg – auf Spurensuche in eigener Sache. Temperamentvoll und pointiert, lebendig und warmherzig schildert sie ihre schlesische Kindheit und sächsische Jugend. Die geborene Hielscher des Jahrgangs 1929 wuchs bis fast zu ihrem sechzehnten Lebensjahr in Breslau auf, um dann in Leipzig ihre Rundfunk-Laufbahn zu beginnen. Der Leser begegnet prägnant gezeichneten Charakteren, erlebt das Breslau der Kriegsjahre im Spiegel der Familie und gewinnt ein atmosphärisch dichtes Bild vom Leipzig der unmittelbaren Nachkriegszeit. Vor allem jedoch behandelt die wunderbare Erzählerin Gisela Heller das zeitlose Thema des Erwachsenwerdens – bei ihr zuweilen ein steiniger, aber auch von glücklichen Wendungen bestimmter Weg.
„Hin und wieder gelingt es jemandem, auf dem dornigen Pfad, der aus den Tälern des Journalismus zum Parnaß der Literatur führt, vorwärts zu kommen. So der Hellerin …“ Diese trefflichen Worte über die Schriftstellerin und Journalistin Gisela Heller schrieb der Zeichner Harald Kretzschmar im „Eulenspiegel“. Und so beginnt ihr Bericht über einen glücklichen Start ins Leben:
„Prolog
„Die beste Schule für einen, der Schriftsteller werden will, ist eine unglückliche Jugend“, behauptete Hemingway.
Wenn er Recht hätte, wäre dies die einfachste Erklärung, warum aus mir keine Schriftstellerin werden konnte: Meine Kindheit war denkbar glücklich. In der Erinnerung erscheint sie mir als eine Kette leuchtender Tage: Sommertage mit süßen Beeren; Herbsttage mit wedelnden Drachen; Wintertage mit Bratapfelduft; Schneeglöckchen als Herolde des nahenden Frühlings und in den Bäumen geheimnisvolles Knistern – alles voller Erwartung des Wunderbaren, das ganz bestimmt, früher oder später, eintreffen würde …
In kritischem Licht betrachtet, kommen einem natürlich Bedenken: So sonnig kann es gar nicht gewesen sein, denn ich wurde im Sommer 1929 geboren. Deutschland litt unter der Weltwirtschaftskrise. Sechs Millionen Menschen suchten verzweifelt nach Arbeit. Auch mein Vater. Er hatte die Flucht nach vorn angetreten, sich vor den Toren der Stadt Breslau ein Stück Ackerland gekauft und begonnen, eine Baumschule anzulegen. Nach eigenem Entwurf baute er mit seinen eigenen Händen einen Bungalow, Brett für Brett vom Munde abgespart. Zuerst Stube und Küche, später ein Schlafzimmer und – aus Frühbeetfenstern zusammengefügt – eine Veranda. Durch diese betrat man, zwei Stufen höher, einen winzigen Flur, der zur Hälfte aus einer Falltür bestand, die in einen ebenso winzigen Keller führte, wo Kartoffeln und Gemüse frostsicher überdauerten. Neben einem Fass Sauerkraut, eingewecktem Obst und einigen kostbaren Gläsern mit Schmalz und Grützwurst halfen sie uns zu überleben.
Die ersten sieben Ehejahre meiner Eltern müssen bitter gewesen sein. Dreimal in der Woche kutschierte meine Mutter mit dem Kinderwagen in die Stadt – anderthalb Stunden hin, anderthalb zurück – wo der jüdische Kinderarzt Dr. Mohr an Bedürftige kostenlos Lebertran ausgab. Er musste wohl meine schüchterne und ängstlich-besorgte Mama besonders in sein Herz geschlossen haben, jedenfalls bekam ich, rachitisches Würstchen, aus seiner eigenen Tasche allerlei Aufbaupräparate, und den ekelhaften Lebertran versüßte er mir – Inbegriff der Glückseligkeit! – mit Schokoladenplätzchen.
Dr. Mohr schwor auf Freikörperkultur und vegetarische Kost. So verbrachte ich die ersten Lebenssommer im Evakostüm und gedieh bei frischem Obst und Gemüse zusehends.
Nie hörte ich meine Eltern von Geld reden oder gar um Geld streiten. Es kam mir auch nie zu Bewusstsein, dass wir arm waren. Es gab ja keine Vergleichsmöglichkeiten. Unsere einzigen Nachbarn, eine Blumen- und Gemüsegärtnerfamilie, machte ebenso fleißig Klimmzüge am unteren Ast der Gesellschaft wie wir. Nur erschien mir dort alles grob und unaufgeräumt, während es bei uns trotz Enge und Einfachheit schön und harmonisch war. Vater hatte nach Art des Bauhauses raumsparende Einbaumöbel entworfen und gebaut, nicht nur zweckmäßig, sondern auch ästhetisch: Die honigfarbenen Sperrholzplatten zum Beispiel, die die Wände verkleideten, waren an den Stößen kunstvoll mit dunkelgrün lackierten Leisten abgesetzt. Alles selbst gemacht, selbst modelliert, gezeichnet … Immer war aufgeräumt. Jederzeit konnte Besuch kommen. Und es kam oft Besuch: Verwandte väterlicherseits oder „Brüder und Schwestern“ aus Mamas Baptistengemeinde. Die „Brüder“ halfen für ein paar Möhren oder Kartoffeln beim Umgraben in der Baumschule; die „Schwestern“ brachten ein Tütchen Kaffeebohnen mit, taten sich an Mamas Obstkuchen gütlich und barmten über die schlechten Zeiten. Ich hab noch heute ihren Singsang im Ohr. Am Schluss trösteten sie sich mit einem frommen Lied und schieden in der Gewissheit, dass der liebe Gott einen guten Menschen nicht auf die Dauer verlassen und es am Ende doch „wohl machen würde“. Davon war auch Mama überzeugt. Im Gegensatz zu den „Schwestern“ klagte sie nie. Jedenfalls habe ich es nie gehört. Am liebsten erzählte sie von ihrer pommerschen Heimat, vom Enzigsee bei Nörenberg, dessen Wasser so durchsichtig war, dass man bei Vollmond den riesigen Krebs sehen konnte, der unversehens auftauchte, um fürwitzige nächtliche Schwimmer oder Spaziergänger in die Tiefe zu ziehen. Es wimmelte in ihren Erzählungen von Lüchtemännchen und Spökenkiekern, von weisen Frauen, die das „zweite Gesicht“ hatten und voraussahen, wann einer sterben musste. Die gruseligsten Lauschen und Riemels fand ich am schönsten und konnte nie genug davon hören. Die Baptistenschwestern aber hoben zuweilen abwehrend die Hände und meinten – nachdem sie sich genügend daran geweidet hatten – es sei unchristlich, solchen Teufelsspuk weiterzusagen. Lieber wollten sie – und das immer wieder! – die Geschichte vom Gnädigen Herrn von Hugo hören und wie Schwester Charlotte ihren Hermann kennengelernt. Sie brauchten nicht lange zu bitten. So oft habe ich diese Story gehört, dass ich sie heute noch weiß: Mama, in einer Kate im abgeschiedenen Ihnatal geboren, war in der stolzen Hafenstadt Stettin großgeworden; doch in den Hungerjahren des Ersten Weltkrieges und danach sehnten sich die Eltern nach den heimatlichen Kartoffelfeldern und zogen zurück in die Gegend, in der in jedem der verstreuten Dörfchen irgendeine Tante oder Cousine wohnte. Man half sich gegenseitig in der Ernte, beim Schweineschlachten oder Gänsefedernschleißen, tröstete sich in Trübsal und hielt zusammen. Keiner konnte so ganz verloren gehen.“
Fast noch druckfrisch ist der Band „Geboren am Meer. 50 Gedichte aus 50 Jahren“ von Michael Baade. Mit Grafiken von Professor Armin Münch, einem langjährigen Freund des Autors, über den kein Geringerer als Walter Kempowski einmal gesagt hat: „Michael Baade ist Rostocker wie ich. In seinen empfindsamen Versen und Prosaaufzeichnungen spüre ich die karge und dröge Schönheit meiner mecklenburgischen Heimat.“
In der „Ostsee-Zeitung“ war über die Neuerscheinung zu lesen: „Die Prosa- und Lyriktexte des mit Graphiken von Professor Armin Münch erschienenen Buches weisen Michael Baade als einen sensibel empfindenden Poeten aus, der sich bei aller Begeisterung für die Landschaft am Meer und speziell für Hiddensee und auch in seiner von Zärtlichkeit geprägten Liebeslyrik nie in den Elfenbeinturm und auch nicht in private oder naturgegebene Reservate zurückzieht.“
Und die „Norddeutschen Neuesten Nachrichten“ lobten eine ganz besondere Eigenschaft des „Michael Baade zeigt sein sensibles Wahrnehmungsvermögen an Wirklichkeit in Liebesdingen, Naturbeobachtung, und er kann schwelgen für Orte und Landschaften.“
Und hier ein paar Einblicke in die Texte von Michael Baade, der klar und deutlich sagt, wofür er und seine Texte stehen:
„MEIN CREDO
Ich schreibe nicht
Um zu schreiben
Etwas sagen möchte ich
Subjektivieren das Objektive
Objektivieren Subjektives
EIN Baustein sein
Beim großen Aufbau
Etwas bewegen
Das Starre ins Rollen bringen
Und das sich Bewegende
Festhalten
Schwangergehen mit
Gedanken
Gefühlen
Entwürfen
Sie austragen
ANFANG
Angefangen hat der Anfang
Und ein Ende soll es nicht geben
Und die Seele öffnet sich
Dem Frühling
Und sie verschließt sich nicht
Dem Licht und dem Strömen
Und dem Wunder
Das Liebe genannt
Die allgewaltige und neue
Die offen ist und fähig
Zu allem
Das Mögliche
Ist möglich
Geworden
GEBOREN
Geboren am Meer, liebt er es, wenn es sich mit dem sonnigen Stern vermählt, aber auch, wenn die brausende Majestät Schaumkronen aufsetzt und Sturmvögel auf wilden Wolkenpferden reiten. Verbunden ist er mit dem Gartenhaus an der Ilm und des Reformators Burg, den versinkenden Steinen des Jüdischen Friedhofes und der Madonna. Wie der Meister am Frauenplan Musikanten kommen ließ, die Seele zu lindern und die Geister zu entbinden, liebt er die Orgelwerke des Mannes, der Meer heißen sollte, und die gewaltigen Visionen des tauben Genius. Den Wanderer im Wind und das Gesicht der Kollwitz. Tanzende Geigen, schwebende Kirchen und Liebespaare, skurrile Vögel und fliegende Blumensträuße. Die Mädchen von Avignon und seine Jacqueline. Gewissheit ist ihm, dass man über unsere Tage sagen wird, und es Sternstunden der Menschheit und den Faust tatsächlich gibt. Er lebt mit Tonio und denkt über Christa nach, die Verwandlung und Maxie, folgt der Ermüdung und besucht das Haus ohne Hüter.
FREUDEN
Knospe
Erster Schritt
Neuer Gedanke
Sehen
Auf das Meer
In deine Brunnen
Beginnen
Denken
Beethoven
Bach
Beatles
Heißer Sommer
Frostwinter
Lesen
Verstehen
Fühlen
Denken
Lieben
Leben“
Und wir Leserinnen und Leser dürfen an dieser Stelle einfach nur eine weitere Freude hinzufügen, die Freude, die Texte von Michael Baade zur Kenntnis nehmen, sie genießen und uns an ihnen erfreuen zu dürfen. Man könnte sie vielleicht ohne Übertreibung auch als eine Art poetischer Positionslichter bezeichnen …
Viel Vergnügen beim Entdecken, Stöbern und Lesen und vielleicht sogar beim Kaufen einiger oder aller Sonderangebote dieses Newsletters, und natürlich beim Lesen weiter einen schönen Advent, bleiben Sie weiter gesund und vorsichtig und bis demnächst. Und bitte dran denken: In gut zwei Woche ist Weihnachten!

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