Kein Anschluss in der Taiga, eine Liebe in der Provinz sowie ein kleiner Mann von großer Macht – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Pinnow, 20.11.2020 (lifePR) – Erstens kommt es anders. Und zweitens als man denkt. An dieses bekannte Sprichwort fühlt man sich erinnert, wenn man sich das zweite der insgesamt fünf Angebote zur Hand und vor die Augen nimmt , die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 20.11.20 – Freitag, 27.11. 20) zu haben sind. Dessen Autor ist ebenso wie bei Sonderangebot Nr. 3 und Nr. 4 Siegfried Maaß (es ist also heute gewissermaßen ein äußerst Maaß-voller Newsletter geworden). In „Mäxchen und Pauline, eine Patchwork-Familie“ bietet eine Geburtstagsparty Gelegenheit, neue Menschen kennenzulernen und neue Beziehungen auszuprobieren. Aber manches kommt eben manchmal anders. Und zudem anders als Mäxchen und Pauline und zumindest jeweils einer ihrer Erziehungsberechtigten denken. Außerdem ist da noch Kakadu „Kakasie“ (Achtung, Wortspiel!), der mit einer Flucht für heftige Aufregung sorgt. Aber ob und wie sich am Ende alles wieder zum Besten findet, das sollte man schon selber lesen. Schließlich haben wir derzeit und wohl noch eine ganz Weile möglicherweise mehr Zeit dazu als uns lieb ist. Da passt es gut, dass auch wieder alle Sonderangebote jeweils mehr als ein E-Book enthalten …
Das gilt auch für die anderen beiden Sonderangebote mit Texten von Siegfried Maaß, der mit seinen Büchern immer sehr dicht am Alltag nicht zuletzt junger Leute und deren Konflikten ist  – „Junge Liebe in der Lindenstraße“ und „Die Milchstraße“ eingeschlossen.
Eine Art Lebenswerk präsentiert das fünfte und letzte Sonderangebot. Erika und Dr. Jürgen Borchardt befassen sich schon lange und sehr intensiv mit einem kleinen Mann mit großer Macht. In ihrem ebenfalls mehrteiligen E-Book „Die schönsten Sagen und Geschichten vom Schweriner Schlossgeist Petermännchen“ ziehen sie eine Bilanz ihrer Erkundungen und Erforschungen und lassen die geneigten Leserinnen und Leser daran teilhaben. Und man staunt, was sie alles herausgefunden haben. Außerdem zweifelt man am Ende dieser Lektüre nicht mehr daran, dass Petermännchen, dieser ebenso liebenswerte wie nach Gerechtigkeit dürstende Held mit dem großen Herzen für die kleinen Leute lebt. Nur manchmal fragt man sich, warum zum Teufel, greift er denn nicht ein, verdammt …
Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Und da hat die Literatur schon immer ein gewichtiges Wort mitzureden und heute erst recht. In dieser Woche gehen wir wieder mit einem Autor auf Zeitreise, der immer wieder bewiesen hat, dass sich historische Genauigkeit und spannende Schreibweise nicht ausschließen, sondern ganz im Gegenteil zusammengehören. Und auch wenn dieser große Roman inzwischen schon 66 Jahre auf dem Buckel hat, zieht er einen sofort in seinen Bann. Und wenn man sich noch einmal vor Augen führt, was aus den ersten Anfängen der deutschen Nazis, sich in der Weimarer Republik einzumischen und ihre menschenverachtende Weltanschauung in praktische Politik umzusetzen und die ganze Welt in Brand zu setzen, geworden ist, dann darf man heute erst recht nicht wegschauen, wenn es wieder anfängt …
Oder sind wir schon über die Anfänge hinaus? Noch aber ist es Zeit. Es ist wieder an der Zeit. Bleiben wir aufmerksam.
Erstmals 1954 veröffentlichte Wolfgang Schreyer im Verlag Das Neue Berlin seinen Roman „Unternehmen Thunderstorm“, für den er zwei Jahre später mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet wurde: Dies ist ein Tatsachenbuch über den Warschauer Aufstand. Es schildert Dinge, wie sie waren; es verschweigt nichts. Wolfgang Schreyer schrieb nach gründlichem Materialstudium diesen packenden Bericht eines von den Engländern geplanten militärischen Großunternehmens, über das jahrelang fast nichts bekannt geworden ist. Wir erleben das Schicksal einer deutschen Flakbatterie, verfolgen den Weg einer kleinen Gruppe britisch-amerikanischer Fallschirmspringer und das Ringen polnischer Untergrundkämpfer. Der Autor enthüllt die Methoden internationaler Spionagedienste, zeigt Generale, Konzerndirektoren und Diplomaten bei der Arbeit, schildert Verhandlungen in Moskau ebenso wie Operationen der Roten Armee. Durch das ganze Buch weht der heiße Atem einer pausenlosen dramatischen Handlung. In der prallen Fülle ihrer Gestalten und Schicksale ersteht noch einmal eine Welt des Aufstiegs und des Untergangs. Steigen wir ganz am Anfang in die Handlung ein, die zunächst einmal bei den Engländern spielt, bei der englischen Armee. Und noch hat Deutschland die Oberhand, bombardiert englische Städte:
„Erstes Buch: Kurs auf Warschau
1. Tausend Gallonen Benzin
Die beiden Männer zuckten kaum merklich zusammen.
Irgendwo in der Ferne rollte ein dumpfer, Unheil verkündender Donner. Die Fenster klirrten leise. Es waren mehrere schwere Detonationen; wie viel genau, ließ sich nicht feststellen. Captain Roberts versuchte auch nicht, mitzuzählen. Er wusste, und alle wussten es, dass die fliegenden Bomben seit kurzem in Rudeln heranjagten und wahllos in das riesige Häusermeer Londons stürzten, strudelnde Wolken rötlichen Ziegelstaubs und schmutziggraue Rauchpilze aufwerfend. Fünfunddreißig Tage dauerte der Beschuss schon an; denn die Deutschen hatten zehn Tage nach D-Day (der Landung in der Normandie) begonnen, die Stadt auf diese ebenso neuartige wie nervtötende Weise zu bombardieren. Bis heute war es noch nicht gelungen, eine wirksame Abwehr gegen ihre so genannte V 1 zu finden…
„Schauen wir uns doch mal die Karte an, Captain!“, rief Colonel Hayes. Er erhob sich unvermittelt und trat zu der zwei bis drei Quadratmeter großen Europakarte, die einen Teil der Längswand des kargen Raumes bedeckte.
Wahrscheinlich, überlegte Roberts, wird er jetzt sagen, was er von dir will. Bisher waren nur belanglose Redensarten ausgetauscht worden. Es kam zwar vor, dass der Oberst in späten Nachmittagsstunden unterstellte Offiziere nur deshalb zu sich rief, um zu plaudern; oder genauer gesagt, um ihnen eine seiner allbekannten arabischen Geschichten zu erzählen. Doch geschah dies in letzter Zeit immer seltener. Außerdem lag da das Aktenstück auf dem Schreibtisch; einer der üblichen hellbraunen Schnellhefter, in denen Nachrichten und Agentenmaterial, bestimmte Einzelobjekte betreffend, gesammelt wurden. Roberts warf einen verstohlenen Blick auf den Deckel, vermochte aber die Beschriftung nicht zu erkennen. Sie schien nur aus einem kurzen Wort zu bestehen. Nun, du erfährst es schon noch.
„Sehen Sie, hier!“, brüllte Hayes, dem es nicht möglich war, leise zu reden, es sei denn, er flüsterte. Seine überraschend große, blond behaarte Hand beschrieb einen Halbkreis, der den gesamten östlichen Frontbereich einschloss.
Captain Fred Roberts betrachtete die Karte, die er übrigens genau kannte, mit höflicher Aufmerksamkeit. An drei Stellen steckten Fähnchen. Es gab drei Sorten: rote, blaue und grüne. Die roten Fähnchen hatte Major Fawcett, der die Markierung der Frontlinien persönlich vornahm, für die britischen Truppen reserviert; wahrscheinlich, weil auf den Landkarten das britische Territorium gewöhnlich rot dargestellt ist. Vielleicht auch, weil die englischen Musketiere vor hundertfünfzig Jahren rote Waffenröcke trugen. Fawcett war die rechte Hand des Kommandeurs und im Zivilleben Rechtsanwalt. Für alles, was er tat, gab es gute Gründe.
Die roten Fähnchen steckten im Ostabschnitt der Invasionsfront in der Mündung des Flüsschens Orne, dann unterhalb Caen und in den Orten Villiers Bocage, Caumont und Torigny. Darüber stand: „1. kanadische Armee“ und „2. britische Armee“. Von St. Lô an wurden die Fähnchen blau; sie zogen sich über Coutances bis zur Küste des Golfe de St. Malo, den sie bei Granville, zehn Kilometer nördlich Avranches, erreichten. „1. US-Armee“ und „3. US-Armee“ war hier eingetragen.
Ein ähnliches Bild bot Italien, wo die blauen Standarten der 5. US-Armee den linken Flügel der Front beherrschten. Sie steckten fünfzig Kilometer südlich Florenz und am Trasimenischen See, während die Kennzeichen der ruhmreichen 8. britischen Armee (der Besiegerin Rommels) sich bis Ancona am Strande der Adria hinzogen.“ Und damit zu den ausführlicheren Vorstellungen der anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters.
In dem E-Book „Mäxchen und Pauline, eine Patchwork-Familie“ stecken drei bei EDITION digital veröffentlichte E-Books von Siegfried Maaß. 2015 erschien „Mäxchen und Pauline“ sowie 2016 „Flaschendrehen“ und „Das Glashaus“: Ganz zufällig begegnen sie sich – Mäxchen und Pauline. Er kommt von Herrn Berger, der ihm hilft, seine Angst vor dem Mathemonster zu überwinden. Sie hat bis soeben mit dem Fußball das Toreschießen trainiert, denn sie möchte einmal in einer richtigen Mannschaft spielen. Bei diesem überraschenden Zusammentreffen kommt Pauline die Idee, den fremden Jungen zu ihrer Geburtstagsparty einzuladen, denn sie wird bald zehn und Mädchen wollen mit der „Verrückten“, die Fußball spielt, nichts zu tun haben. Erfreut stimmt Mäxchen zu, denn das Mädchen gefällt ihm. Aber seine Mutter möchte erst einmal Paulines Eltern kennenlernen – doch da ist nur ihr Papa, denn ihre Eltern sind getrennt. Genau wie Mäxchens Eltern.
Auf diese Weise nimmt unsere Geschichte einen unerwarteten Verlauf, denn auch die beiden Erwachsenen gewinnen Gefallen aneinander, sodass der Geburtstagsparty nichts im Weg steht. Wenn da nicht Kakasie gewesen wäre, Herrn Bergers Kakadu. Den bringt Mäxchen zur Party mit, weil Herr Berger krank geworden ist. Aber mitten in der schönen Party bricht Kakasie aus seinem Käfig aus und sorgt für große Verwirrung. Diese setzt sich in der folgenden Zeit auf andere Weise fort, bis schließlich alles zu einem guten Ende führt und Mäxchen und Pauline ein merkwürdiges Weihnachtsfest feiern, an das sie sich immer erinnern werden.
Max Stange ist ein Träumer. Einer, der sich in Wunschwelten denken kann, in denen er als Weltenfahrer neue Pfade entdeckt. In der Wirklichkeit muss er sich jedoch mit Blicken auf sein Aquarium begnügen und den Welsen und Neons zusehen, statt die „Zunge Gottes“ im Regenwald zu finden. Auch musste er Pauline nicht im Amazonas vor fresswütigen Krokodilen schützen, sondern vor angriffslustigen Jungen in einem Schwimmbad. So muss er lernen, dass sich in der Wirklichkeit nicht alle Träume erfüllen. Inzwischen ist er Schüler eines Gymnasiums. Ebenso wie Pauline, mit der er wie Bruder und Schwester in der neuen Familie lebt. In Frieden und Eintracht. Solange sich nicht Corinna zwischen sie zu drängen versucht und Mäxchen für sich gewinnen will.
Eines Tages führt Pauline ein neues Spiel ein: Flaschen drehen. Immer, wenn es darum geht, sich zwischen mehreren Möglichkeiten zu entscheiden. Dran ist der, auf den der Flaschenhals wie ein Zeiger weist. Das ist gut für sie, denn meistens wird Mäxchen vom Zeiger ausgesucht. Nur zur Bewerbung für das Landessportgymnasium hat sie sich selbst entschieden. Ohne dass Harry, ihr Vater, etwas davon weiß. Danach wartet sie ungeduldig auf Antwort. Muss sie ihren Zukunftsplan, Profifußballerin zu werden, aufgeben?
Mit Irene und Harry, dem neuen Elternpaar, erleben beide eine schöne Zeit voller Abwechslungen. Entweder beim gemeinsamen Angeln oder auf dem Reiterhof und im Heuhotel. Dorthin werden sie von ihrer alten Bekannten Birkhuhn eingeladen und treffen auf Isa, dieses auffällige Mädchen, mit dem Pauline einige Zeit im Krankenhaus verbrachte. Aber Isa hat sich verändert. Zu ihrem Vorteil, befinden Max Stange und Pauline und werden zu Isas Freunden.
Wartend verbringt Max Stange, von früher als Mäxchen bekannt, wertvolle Zeit auf dem Bahnhof. Weil der seit der Nacht tobende Sturm Bäume gefällt und über die Gleise geworfen hat, verspätet sich der Zug, mit dem Pauline ankommen soll. Er selbst hat sie mit SMS benachrichtigt: Sie müsse kommen, weil Harry, ihr Papa, bei diesem Sturm von einem Ast getroffen und in das gläserne Dach des Gewächshauses geschleudert wurde. Nun liegt er mit vielen schweren Schnittwunden im Krankenhaus. Zum ersten Mal befindet sich Max Stange in der Lage, selbst etwas entscheiden zu müssen.
Seine Mutter Irene hält sich zu einem Familienbesuch in Russland auf, während Pauline ins Trainingslager der Landesauswahl berufen worden ist. Damit ist sie ihrem Ziel, als leidenschaftliche Fußballspielerin einmal in der Nationalmannschaft zu spielen, ein Stück näher gekommen. Doch voller Ungeduld und bangend um die Gesundheit ihres Papas muss sie nun tatenlos in dem Zug ausharren, dessen Schienenweg ebenso vom Sturm betroffen ist wie ihr Papa Harry. Ungern hat ihr Trainer die Heimfahrt gestattet, denn ein wichtiges Spiel steht bevor, für das er sie braucht.
In ihren unterschiedlichen Situationen gleichen sich ihre Verhaltensweisen: Bei beiden stellen sich längst vergessen geglaubte Erinnerungen ein – sowohl an die Gemeinschaft in der noch jungen Patchworkfamilie wie auch an Freizeiterlebnisse und Schule. An wahre Freunde und solche, die Freundschaft vortäuschen und sich als Neider herausstellen. Sie werden sich jedoch auch bewusst, dass sie selbst Neider waren. Wenn sich beispielsweise ein Mädchen wie Corinna bei Max einzuschmeicheln versuchte oder Marco sich auffällig um Pauline bemühte. Als hätte einer von ihnen Besitzansprüche am anderen!
Irene ist in dem Dorf in der russischen Weite mit dem Handy nicht erreichbar, darum beschließen Max Stange und Pauline, nachdem sie sich endlich zusammengefunden haben, Irene zu informieren, sobald diese in Moskau zur Zwischenlandung angekommen ist. Dann erhält Pauline die Nachricht, dass ihr Trainer sie aus seinem Spielkader entlassen hat. – Ihre ganze Zukunftsplanung bricht damit zusammen. Weil ein Sturm gewütet und ihren Papa verletzte, weswegen sie das Training unterbrechen musste. In der Zwischenzeit leben weitere Erinnerungsbilder auf, die sie ebenso zu ihrer Freundin Isa wie zu deren Großmutter Birkhuhn führen. Diese befindet sich im Rollstuhl und ist eifriger Fan der Mannschaft Paulines, sodass Max Stange sie zu deren Spielen fährt. Birkhuhns Sohn besitzt einen Reiterhof mit Heuhotel, wohin Max und Pauline eingeladen werden und wo Fuchs, der Reitlehrer, sie mit den Haflingern vertraut macht.
Nach Irenes Rückkehr und der Aussicht, dass Harry bald die Klinik verlassen wird, erfährt Pauline, dass der Trainer seine Entscheidung zurückgenommen hat, sodass Pauline sofort ins Trainingslager zurückkehrt. Ihre Wünsche scheinen sich zu erfüllen. Und Max Stange pflegt nach wie vor seine Vision von dem Weltenfahrer, der er einst sein möchte, um sowohl im Amazonasgebiet wie auch in Feuerland Neues zu erkunden. Aber soweit ist es noch nicht. Und die bereits erwähnte Geburtstagsparty hat auch noch nicht stattgefunden, sondern sie steht erst noch bevor – genau wie die allererste Begegnung von Mäxchen und Pauline:
„Mäxchen und Pauline
1. Geburtstagsparty mit Hindernissen
Die Einladung
Das Haus hockt auf einem Hügel am Ende der holprigen Straße. Wie ein alter König auf seinem Thron, wenn er sich nicht mehr aufrecht halten kann. So jedenfalls erscheint es dem Jungen, bevor er das Haus betritt. Durch ein hohes Tor mit einer schweren knarrenden Tür. Der Griff aus geschmiedetem Eisen ist kalt. Ihm kommt es vor, als müssten seine Finger steif werden, sobald er den Griff berührt. Auch das Haus ist alt und sieht aus, als würde es sich kaum noch aufrecht halten können.
Jedes Mal, wenn er sich dem Haus nähert, fällt dem Jungen dieser merkwürdige Vergleich mit dem altersschwachen König ein. Denn ganz früher hat ihm Irene Märchen vorgelesen. Darin wimmelte es nur so von Königen und Prinzessinnen.
In Märchen sind die Könige oft die Bösen, die anderen nichts Gutes gönnen. Außer der eigenen schönen Tochter, für die ein hübscher reicher Prinz gerade gut genug ist.
Oder sie sind die Dummen, die nicht wissen, was sie tun.
Das wird er aber von dem Mann, zu dem er geht, niemals behaupten. Er ist weder böse noch dumm auch und kein König, sondern ein Lehrer, der seinen Ruhestand erlebt. Es ist Herr Berger. Er hat einen kahlen, fast runden Schädel und der Junge muss jedes Mal an eine Kegelkugel denken, wenn er vor Herrn Berger steht. Einen haarlosen Schädel also, dafür aber einen spitzen Bart. Wie bei dem Ziegenbock, den der Junge aus dem Tierpark kennt. Wenn er Herrn Berger dann gehen sieht, wird aus der Ziege mit einem Mal ein Tier, das er nicht kennt. Für das er jedenfalls keinen Namen weiß. Ein Tier aber, das so schleichen und schlurfen würde wie Herr Berger. Eine Schleichkatze vielleicht. Wenn es sie überhaupt gibt.
Im Halbdunkel des Hausflurs im ersten Stock steht der Junge dann vor einer grün gestrichenen Tür. Die Farbe ist schon alt. Wie alles in dem Haus. Aber das wissen wir schon. Die Risse in der alten Farbe zeichnen eine Landschaft mit vielen Flüssen auf die Tür. Flüsse, die in ein Meer münden. Es hat die Form wie ein Ei. Wenn er längere Zeit warten muss, denkt sich der Junge auf ein Schiff, das auf einem der großen Flüsse fährt, diesem Eimeer entgegen und von dort dann in die weite Welt. Wie er es sich für später wünscht. Wenn er erwachsen und tatsächlich in der weiten Welt unterwegs ist. Alles, was es noch zu entdecken und erforschen gibt, will er finden und herausbekommen. Dann wird er berühmt sein und sich freuen, wenn man ihn auf der Straße erkennt und freundlich grüßt.
Das hat er sich vorgenommen. Davon will Irene aber nichts wissen. Sie lacht immer, wenn er solche Gedanken auch nur mit zwei, drei Worten andeutet. Dann streicht sie über seinen Lockenkopf und meint, dafür müsse er sich aber gewaltig anstrengen. Um Weltenfahrer zu werden, müsse er sich in Länderkunde gut auskennen, ebenso in Meereskunde. „Und auch in der Wissenschaft der Mathematik!“ Dieses Wort kann sie besonders gut betonen. Fast, als würde es eine Melodie besitzen.
Ihr Blick trifft ihn dann jedes Mal wie ein eiskalter Lappen, der in seinem Gesicht landet. Das Gefühl der Kälte bleibt ihm noch eine Weile erhalten.
Dass er jetzt hier steht, hat genau damit zu tun. Denn hinter dieser grünen Tür mit den vielen Farbrissen beginnt das Land, in dem er lernt, was ein Entdecker und Forscher unbedingt wissen muss.
Jeden Nachmittag prüft er, ob die Flüsse breiter geworden sind und das eiförmige Meer größer. Er stellt sich vor, dass auch sein Wissen größer wird, sobald die Flüsse anschwellen. Der Junge holt tief Luft und atmet heftig aus, es hört sich an, als fauche ein wildes Tier. Er weiß, dass er sich etwas vorstellt, was mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Schade, denkt er und lacht.
Diese Flüsse an der Tür und das Meerei darf er vor Irene niemals erwähnen. Sofort würde sie sagen: „Du bist ein Träumer! Was du dir nur immer ausdenkst!“
Damit hätte sie Recht.
Heute kann er an der Tür keine Veränderungen feststellen. Darüber wird sich Herr Berger freuen, wenn er es hört. Denn Herr Berger nimmt sich schon sehr lange vor, einen Maler kommen zu lassen, der seine Tür streicht. Aber er ist ein sehr sparsamer Mann und hat seine Absicht darum immer wieder verschoben. So wird es auch dieses Mal wieder sein.
Der Junge vor der Tür heißt Max. Sein Wuschelkopf lässt vermuten, dass er sich am ganzen Tag noch nicht gekämmt hätte. Aber er hat. Darauf achtet Irene. Sie hat es ihm so eindringlich ans Herz gelegt, dass er sofort ein schlechtes Gewissen bekäme, wenn er ungekämmt losginge, wenn sie nicht zu Hause ist. Was leider oft vorkommt. Irene ist seine Mutter. Inzwischen weiß Max, dass sie eigentlich Irina heißt und irgendwo im fernen Russland zur Welt gekommen ist. Auch zur Schule ist sie dort gegangen, jedenfalls zuerst. Ihre Eltern sind dann nach Deutschland ausgesiedelt. Weil sie hier für ihr Mädchen einen deutschen Namen haben wollten, haben sie es Irene genannt.
Irene Stange. So heißt sie, nachdem sie Manfred Stange geheiratet hatte. Seinen Vater. Der irgendwann verschwand, ehe es Max möglich war, sich sein Aussehen einzuprägen. Deshalb kann er sich auch nicht an ihn erinnern. Aber er braucht ihn nicht. Nur Irene. Irina.“
Auch „Junge Liebe in der Lindenstraße“ von Siegfried Maaß präsentiert zwei seiner Bücher in einem E-Book. 1980 druckte der Verlag Neues Leben Berlin „Lindenstraße 28“. 1986 folgte im selben Verlag „Abschied von der Lindenstraße“: „Weil ich endlich leben will, wie es mir gefällt!“, sagt Vera. Sie hat ihr Elternhaus verlassen, um der Enge sowie der Aufsicht ihrer uneinsichtigen Eltern zu entkommen, die fürchten, mit ihrer aufmüpfigen Tochter unangenehm aufzufallen und dem eigenen Ansehen zu schaden.
In einem abrissreifen Hinterhaus der Kleinstadt findet Vera Unterschlupf und trifft in einer Diskothek auf Stuck, der dort in seiner Freizeit Platten auflegt. Er sträubt sich gegen das Vorhaben seiner Eltern, ihn auf die Schauspielschule zu schicken. Er zieht zu Vera, die sich um das Kind ihrer Freundin kümmert, denn gern wäre sie Erzieherin geworden. Aber ihrer Zeugnisse wegen hatte man sie abgelehnt.
Im ständigen Widerstreit mit der Gesellschaft der Erwachsenen, die sie nach ihrer Lebensauffassung formen will, versuchen Vera und Stuck ihren Platz zu finden und sich zu behaupten. Trotz schmerzhafter Erfahrungen entscheiden sie selbstbewusst über ihren Lebensweg.
„Ich bin wie eine Klette!“, sagt Vera zu Stuck. „Mich wirst du nie wieder los!“ Auch Stucks Einberufung zur Armee wird daran nichts ändern. „Stuck“, sagt Vera, „es ist ja nur, weil ich dir etwas zu sagen habe. Darauf warte ich schon seit ner halben Stunde. Darauf nicht. Ich bin schwanger, Stuck, das ist es.“ Mit diesem neuen Konflikt nehmen die Lebensgeschichten der jungen Leute Vera und Stuck ihren weiteren Verlauf.
Stuck ist aus der Armee entlassen und hat Pläne für die Zukunft. Natürlich gemeinsam mit Vera. Er hofft, dass sie ihre Unbeständigkeit überwindet und nie wieder Kontakt zu Egons Bande aufnimmt und damit in ihre kriminelle Vergangenheit zurückfällt. Darin stimmt er mit den Frauen der Abpackstation, in der Vera arbeitet, überein. In ihnen findet er Verbündete, die sich Veras annehmen und sich um sie kümmern. Aber auf die Tatsache, dass er Vater werden wird, war er nicht vorbereitet. Damit stellt sich  eine scheinbar unüberwindbare Hürde in den geplanten Lebensweg, den er auch für Vera ebnen will.
Gelingt es beiden, hinter den Horizont sehen zu können und sich den Platz erobern zu können, den ihnen niemand streitig machen kann? Zu haben ist eine spannende Lebensgeschichte junger Leute aus den achtziger Jahren in der ostdeutschen Provinz. Und wie schon im vorigen E-Book-Paket beginnt die Geschichte mit einer Haus-Beschreibung:
„Lindenstraße 28
Das Haus
Das Haus ist ein griesgrämiger dreistöckiger Kasten aus der sogenannten guten alten Zeit und steht in einer von großen Linden gesäumten Straße der Brückstedter Altstadt.
Stuck bekommt jedes Mal schlechte Laune, wenn er mit seinem Fahrrad in die Lindenstraße einbiegt und schließlich vor Nummer 28 anhält. Das Haus hat hohe schmale spitzbogige Fenster, die Stuck wie Schießscharten einer mittelalterlichen Burg vorkommen. Sobald die Linden ihre Blätterfülle entfalten, dringt kaum Tageslicht in die Wohnungen. Hoch und schmal ist auch die Haustür, und will Stuck mit seinem Fahrrad hindurch, muss er erst die verriegelte Hälfte öffnen und darf nicht vergessen, die unverriegelte zuvor mit einem Haken an der Wand zu befestigen, denn sie ist mit einem Mechanismus versehen, der jeden zur Eile drängt: „Sotu schließt selbst“.
Früher soll es verboten gewesen sein, sein Fahrrad durch den Flur zu führen, früher, als es noch einen Hauswirt gab, der an jedem Monatsersten das Mietgeld kassierte. Heute trägt man es auf die Bank oder die Sparkasse, wo man es auf ein Konto einzahlt, das der KWV gehört. Was die mit dem Geld macht, weiß Stuck nicht, er sieht nur, dass sie es nicht für das Haus verwendet, sonst hätten die Fenstersimse längst neue Bleche erhalten, und die Blatternarben in der Fassade wären wenigstens verputzt worden.
Wenn Sotu-schließt-selbst tätig geworden ist, befindet sich Stuck mit seinem Fahrrad bereits in dem schmalen Flur, den er am anderen Ende durch eine enge Tür wieder verlässt, denn er muss erst den Hof überqueren, um sein Ziel zu erreichen. Dort, im Schatten des Vorderhauses, klebt an der das Grundstück Nummer 28 abschließenden Backsteinmauer ein kleines einstöckiges Haus, das einmal als Lager für einen Lebensmittelladen errichtet worden war. Dieser hatte sich im Vorderhaus befunden und dient längst als Wohnraum, wie das ehemalige Lager auch. Gelingt es der Sonne manchmal doch, einige Strahlen durch das Blätterdach der Linden zu zwängen und das Innere des Vorderhauses vorübergehend zu erhellen und zu wärmen, so ist das kleine Hinterhaus in dieser Beziehung noch mehr vernachlässigt, weil es von allen Seiten eingeschlossen ist und Sonne noch seltener zu spüren bekommt. Es bietet jedoch seinen Bewohnern den nicht zu unterschätzenden Vorteil, unter sich sein zu können. In diesem Penthouse, wie es Stuck gleich zu Anfang getauft hat, wohnen Vera, Stucks Freundin, und Elke, die Veras Freundin ist. Auch sie haben bisher Geld auf das Konto der KWV gezahlt, aber Stuck hat damit Schluss gemacht. Eines Abends hatte er die Festbeleuchtung im Penthouse eingeschaltet, beide Fenster weit aufgerissen und laut den Bewohnern des Vorderhauses verkündet, dass aus dem Penthouse kein Pfennig mehr auf das Konto der KWV fließen würde, solange die Bürokraten dort nichts für das Penthouse tun würden. Für diese vermieften und kaputten Buden sollten auch sie dort im Vorderhaus kein Geld mehr zum Fenster rausschmeißen. Dann hatte er sich umgewandt und mit ausgestreckten Armen auf das Innere des Penthouse gewiesen, wo Putz von der Decke rieselt, sobald man nur die Tür zuklappt, wo die verblichene Tapete in den Ecken mit Reißzwecken festgehalten werden muss, weil die salpeterhaltigen Wände sich gegen die Papierverkleidung sträuben, und wo die Lichtleitungen schwungvoll herabhängen. Und in diesem Sommer, der einer afrikanischen Regenzeit gleicht, können die morschen Fensterrahmen die auf sie stürzenden Fluten nicht aufhalten, so dass es fast jeden Tag eine Überschwemmung im Penthouse gibt.
Nachdem Stuck den unsichtbar gebliebenen Bewohnern des Vorderhauses dies alles hinübergeschrien hatte, beruhigte er sich bald, nur an das Mietgeld durfte ihn keiner erinnern, dann flammte seine Wut gleich wieder auf. Jeden Monat 21 Mark, und Elke wohnte nun schon über zwei Jahre hier! Die machen sich damit vielleicht einen Fetten oder staffieren damit für andere erstklassige Komfortwohnungen aus. „Ab sofort wird das Geld verprasst, Mädchen, da machen wir lieber ’ne tolle Fete von. Die von der KWV müssen euch überhaupt dankbar sein, dass ihr diese Bude bewohnt! Draufzahlen müssten sie euch noch was, Gefahrenzulage und was weiß ich noch alles.“
Vera hatte hinter ihm vor Vergnügen gekreischt, während ihn Elke aufforderte, mit seiner Vorstellung Schluss zu machen. Im Vorderhaus hatte man schnell die Fenster geschlossen, aber Stuck war natürlich klar, dass die Leute hinter den dunklen Scheiben standen und herübergafften. Sollen sie nur, die Fettbäuche! Aber er hatte dann die Fenster wieder geschlossen, weil es stärker zu regnen begann und ihm Elke keine Ruhe ließ. Also gut, Schluss der Vorstellung! Stuck schaltete auch die Festbeleuchtung aus und ließ nur die kleine Stehlampe neben dem Fenster an, die er wegen ihres roten Schirms scherzhaft „rote Laterne von Sankt Petri“ genannt hat, weil sich am Ende der Lindenstraße die Kirche gleichen Namens befindet. Aber diese „rote Laterne“ kann keine Besucher ins Penthouse locken, weil das große Vorderhaus es völlig verdeckt und kein noch so winziger Schein roten Lichts zur Straße dringen kann. Es hätte auch kaum etwas genützt, weil der Dicke aus der ersten Etage, der sich sonst um nichts weiter im Haus kümmert, immer halb acht die Haustür abschließt. Es kann Sommer oder Winter sein, halb acht schlurft der Dicke hinunter und schließt die Tür ab. Manchmal schleicht Stuck, sobald der Dicke in seiner Wohnung verschwunden ist, über den Hof und schließt mit Elkes Schlüssel wieder auf, wenn er zum Beispiel Johannes, mit dem er im Fruchthof im Bananenkeller arbeitet, ins Penthouse eingeladen hat.“
Auch das E-Book „Die Milchstraße“ von Siegfried Maaß enthält zwei E-Books. 2008 war „Das Haus an der Milchstraße“ erschienen, 2010 erschien dann „Im Schatten der Milchstraße“: Wenige Jahre nach dem Ende des letzten großen Krieges in einer ostdeutschen Kleinstadt. Steffens Vater befindet sich noch immer in sowjetischer Gefangenschaft, und der Zwölfjährige hofft täglich auf die Nachricht von dessen Heimkehr. Inzwischen hat sich ein Fremder bei ihnen breit gemacht und zwingt ihm ein ungewohntes Leben auf. Seine Mutter ist schwanger. Zunächst freut er sich. Das Neugeborene empfängt er feierlich mit einer Girlande. Aber bald spürt er, dass die halbe Schwester seiner Mutter scheinbar mehr bedeutet als er. Neid und Eifersucht beherrschen ihn und treiben ihn in seine Höhle. Auf der Flucht vor dem erdrückenden Alltag findet er in Fede einen wahren Freund. Schließlich begegnet er Susi, die im Laden ihres Vaters Milch verkauft. Umso bereitwilliger geht er nun seine Milchstraße entlang, um sich von ihr bedienen zu lassen.
Vom Standesamt führt sie ihr Weg direkt zum Kleinen Franzosen, in dessen Fotoatelier. Als das junge Brautpaar dieses wieder verlässt, hat es einen echten Freund gewonnen, in dessen Haus es unerwartet seine Unterkunft findet. Susanne und Steffen sind glücklich.
Der Autor erzählt von der Liebe zweier Menschen unter den Bedingungen der noch jungen DDR. Ihr gemeinsamer Lebensweg wird von dem bestimmt, was sie Staatsmacht nennen. Die Familie der besten Freundin ist über Nacht abgehauen, der beste Freund meldet sich freiwillig zur Volksarmee, weil ihm dafür ein Studienplatz versprochen wird. Dann trifft ein Brief aus dem Westen ein und bald darauf erscheint der darin angekündigte Besuch, der Ärger mit der Staatsmacht bedeutet. Von nun an wird vieles anders.
Episoden, die Lebensgeschichten aus einer scheinbar vergessenen Zeit vermitteln. Und so lesen sie sich:
„2. Kapitel
Irgendwann in der Nacht hatte das Ereignis stattgefunden. Jedoch hatte ich davon nichts mitbekommen, weil mich Kati, wohl in weiser Voraussicht, mit zu sich genommen hatte.
Ihr Mann arbeitete im Rathaus unserer kleinen Stadt und hatte hier ein Zimmer gemietet, um die tägliche Fahrt in die Großstadt zu vermeiden. Nun hatte sich Kati vorübergehend dort einquartiert, damit sie meine Mutter unterstützen konnte.
Es war eine Mansarde mit schrägen Wänden, und weil ihr Mann recht groß war, musste er oft den Kopf zwischen die Schultern ziehen, wollte er nicht anstoßen. Mir gefiel es dort, weil ich von dem Fenster in der Dachschräge weit ins Land blicken konnte. Ich erkannte den dicken Wasserturm des einen Nachbarortes und den Kirchturm des anderen. Wie ein Schatten hob sich in der Ferne die Kontur des Gebirges ab. Genau unter dem Fenster stand die alte Couch, die mir Kati als Bett hergerichtet hatte.
Doch völlig uneigennützig hatte sie mich bestimmt nicht bei sich aufgenommen.
Sie konnte nämlich nirgendwo lange allein sein, selbst in dem Zimmer ihres Mannes nicht, in dem sie sich nicht „wie zu Hause“ fühlte. In den letzten Wochen des Krieges, nach einem Bombenangriff auf die große Stadt, hatte sie zwei Tage und Nächte allein in einem Hohlraum unter Trümmern zugebracht, bis man sie endlich fand. Deshalb fürchtete sie die Einsamkeit. Auch dunkel sollte es nicht sein, weshalb sie am liebsten immerzu eine Lampe eingeschaltet hatte. Oder eine Kerze brannte. Kerzen waren jedoch knapp und jeder von uns versuchte, wo wir auch waren, Kerzen für sie zu „ergattern“, wie wir es nannten. Meine Quelle war dafür die sicherste: Schwarzkopf.
Einmal hatte er wissen wollen, wozu ich sie brauchte, und ich hatte ihm darauf von Kati und den Folgen ihrer Verschüttung berichtet. Verständnisvoll hatte er genickt und war gleich darauf hinter seinem Vorhang verschwunden. Danach schob er mir eine aus Zeitung gedrehte Rolle über den Ladentisch.
„Steck schnell weg!“
Doch auch für mich fiel manchmal eine Kerze ab. Ich konnte sie gut für meine „Höhle“ gebrauchen, wo ich dann auch im Regendunkel oder in der Dämmerung lesen konnte. „Seit dieser Zeit habe ich Angst, allein zu sein“, erklärte Kati mir. „Jedes Mal muss ich dann an die Dunkelheit und die Stille denken. Du glaubst gar nicht, wie schlimm es ist, wenn du kein einziges Geräusch wahrnimmst. Nur dein eigenes Atmen. Und dabei war es mein Glück, dass ich noch Luft zum Atmen hatte. Ich war dort wie in einer großen Käseglocke. Wer weiß, wie lange ich noch Luft bekommen hätte.“ Sie versuchte ein Lächeln, als sie hinzufügte: „Sonst gäbe es dieses neue Leben …“, sie strich über ihren Bauch, „… nicht.“
Sollte ich ihr gestehen, wie wohl ich mich in meiner „Höhle“ fühlte? Allein und abseits von allen? Nur mit einem Buch oder einem von Schwarzkopfs Heften in dem schmalen Streifen Tageslicht?
Vielleicht machte ich ihr sogar Mut, wenn sie davon hörte und erfuhr, dass man sich überhaupt nicht zu fürchten brauchte?
Doch dann überlegte ich mir, dass ich mir die Einsamkeit und Stille selbst wählte, während sie damit unter schlimmen Bedingungen Bekanntschaft geschlossen hatte. Wie lange hätte sie noch in ihrer „Käseglocke“ überlebt, wenn die Männer der Feuerwehr nicht noch rechtzeitig bis zu ihr vorgedrungen wären?
Deshalb behielt ich meine Erfahrung mit meiner „Höhle“ für mich.
Jedenfalls erfuhr ich erst von Kati, dass es nun Franziska gab; da war meine Schwester bereits einige Stunden alt. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wie es nun bei uns weitergehen würde. Den zum Bett umgewandelten Wäschekorb in unserem Schlafzimmer hatte ich mir inzwischen schon angesehen. Er sah recht gemütlich aus. Dass sich ein Baby darin wohlfühlen konnte, wollte ich gern glauben. Meine Mutter hatte mit Katis Hilfe aus irgendwelchen Teilen ein Gestell gebastelt und darüber einen „Himmel“ aus blauem Stoff gespannt. Wie ein wolkenloser Sommerhimmel sah er aus. Woher sie diesen himmelblauen leichten Stoff hatte, wusste ich nicht. Vielleicht hatte Onkel Franz seine gute Beziehungen spielen lassen?“
In den Jahren 2017 bis 2020 veröffentlichten Erika und Dr. Jürgen Borchardt bei EDITION digital „Die schönsten Sagen und Geschichten vom Schweriner Schlossgeist Petermännchen“ – schöne Ausgaben mit Illustrationen/Fotos von Horst Schmedemann, Inge Selke, Jürgen Willbarth, aus den Archiven der beiden Autoren und von EDITION digital, darunter historische Ansichtskarten des Schweriner Sammlers Andreas Bendlin. Und noch etwas ist wichtig – die schöne Widmung, die Erika und Jürgen ihren Petermännchen-Büchern mit auf den Weg gegeben haben:
„Für Anna
und für alle, die Geschichten voller Geheimnisse mögen“
Und was steht nun drin? Hier zunächst wie immer eine kurze Inhaltsbeschreibung: Der Schweriner Schlossgeist Petermännchen ist ein ungewöhnlicher Geist in der deutschen Mythologie: Obotritengott? Verwunschener Slawenprinz? Mittelalterlicher Poltergeist? Oder zwergenhafter Hofnarr? Auf jeden Fall nun Hausgeist des Schweriner Schlosses. Aber er geistert nicht allein im Schloss. Petermännchen ist zugleich ein Wandelgeist, lebt auch in einem Berg bei Schwerin, bewegt sich in Gängen unter der Erde, hat Behausungen und Schatzkammern im Wasser und kann durch die Lüfte fliegen. Der kleine Mann ist von großer Macht: Er macht sich unsichtbar, beobachtet alles, lohnt gute und straft böse Taten. Und er besitzt die Gabe eines Sehers und Warners, kündigt schlimme oder schöne Ereignisse an. All dies ist selten, wenn nicht gar einmalig bei ein und derselben Sagenfigur.
Völlig wundersam sind die vielen verschiedenen Erlösungsarten, durch die der Schlossgeist seine frühere Gestalt wieder gewinnen könnte. Manche sind lustig, gar närrisch, andere dagegen unheimlich, unfassbar, geradezu haarsträubend – im Wortsinn. Vielleicht ist die Erlösung des kleinen Kerls aber gar nicht wünschenswert; die Folgen wären katastrophal für das Schloss, die Insel und ganz Schwerin! Andererseits: Wäre er erlöst, würde er als ein gerechter Herrscher das Land regieren. Wie soll man da den Bitten des Geistes um Erlösung begegnen?!
Die mehrteilige Sagensammlung besteht aus neuen und aus bereits früher erschienenen Geschichten der Autoren, letztere sind zumeist stark überarbeitet.
Dies sind frei gestaltete Geschichten nach Volksüberlieferungen. Benannt sind auch die Sagenorte. Sie aufzusuchen, um dort das geheimnisvolle Geschehen in der eigenen Fantasie zu erleben, wofür die Illustrationen einen zusätzlichen Raum bieten, mag ein weiterer Reiz des Buches sein. Schauen wir doch zum Beispiel einmal in die „Franzosentid“. Hier der Anfang einer Sage, in der Petermännchen als Patriot gefordert war:
„Napoleon hat die Nase voll
Der französische Kaiser Napoleon eroberte vor über 200 Jahren viele Länder Europas. Als Statthalter für Mecklenburg entsandte er General Laval nach Schwerin. Dieser nahm seinen Sitz in dem alten Fürstenschloss.
Der neue Herr und seine Soldaten benahmen sich recht manierlich, soweit das in Kriegszeiten möglich ist. Sie gewannen sogar einiges Wohlwollen, vor allem bei den Stadtarmen, weil diese mit Brot und Fleisch versorgt wurden. Und so manches Mädchen erwiderte die Schäkereien der fremden Soldaten in ihren schmucken Uniformen mit einem geschmeichelten oder gar koketten Lächeln.
Allein, es war doch Krieg. Erst zogen russische Kosaken durchs Land, dann preußische Jäger und Grenadiere, schließlich sächsische Husaren. Die Franzosen jetzt schienen sich gar festsetzen zu wollen. Der Herzog hatte sich mit seiner Familie außer Landes begeben, nur seine hochbejahrte Mutter blieb im Schloss. Sie musste mit ansehen, wie die mecklenburgischen Wappen entfernt oder überdeckt wurden. Überall erschien statt dessen der französische Adler als Herrschaftszeichen. Ständig marschierten französische Truppen mit viel Lärm durch die Stadt. Häufig donnerten Kanonen und kündeten von neuen Siegen des Kaisers der Franzosen. Die vielen Einquartierungen waren lästig, in so manchem Haus mussten die Familien für fünfzehn, manchmal sogar für zwanzig Soldaten Platz schaffen.
Petermännchen verbitterte das ganze Getöse der Eindringlinge. Auch tat ihm die Herzoginmutter leid. Auf ihre alten Tage solch eine Unruhe im Schloss.
Der empörte Kleine beschloss: Hier muss wieder Ruhe einziehen. Also hatten die fremden Herren und ihr ganzes Gefolge zu verschwinden. Schön gedacht, aber: Wer oder was konnte den Kaiser der Franzosen, den mächtigsten Mann der Welt, zwingen, diese Eroberung hier aufzugeben? Da schmiedete Petermännchen einen gewitzten Plan. Er würde dafür sorgen, dass die Franzosen von selber abzogen! Und sogleich machte er sich ans Werk.
Er blieb unsichtbar, war aber überall. Vorm Aufstehen versteckte er dem einen der Franzosen die Stiefel, die der dann fluchend suchte, dem andern machte er das Rasiermesser stumpf, so dass er sich in die Wange schnitt. Beim Essen schob er öfter eine Schüssel vom Tisch und die heiße Suppe ergoss sich bei jemandem auf die schöne Uniformhose. Und der hatte sie gerade gesäubert! Wenn einer einen Befehl des Generals ausführen wollte und loseilte, stolperte er, fiel hin und schlug sich die Nase blutig. Einem Offizier verpasste er mir nichts dir nichts handfeste Puffe, einem anderen gar Maulschellen. Ihnen wurde ganz wirr im Kopf, sie wussten gar nicht warum und von wem das kam. Nicht mal vor dem Schlaf und erst recht nicht im Schlaf fanden die Franzosen die ersehnte Ruhe. Bei dem einen wurde abends ständig die Kerze ausgeblasen, er stolperte über den Schemel und das Schienbein schmerzte ihm, es schmerzte so sehr, dass er überhaupt keinen Schlaf finden konnte. Im Raume eines anderen qualmte der Kamin fürchterlich, dass er im Schlaf beinahe erstickte. Und dann die ewige Polterei, gerade in der Nacht, das Türen- und Fensterzuschlagen, das Tisch- und Stühleumkippen, als ob das ganze Schloss wackelte, dazu das Gekrächze und Gejaule vom Dachboden her. So ging das über Monate hinweg, fast ein ganzes Jahr lang, jeden Tag und jede Nacht aufs Neue.
Was für Petermännchen beinahe vergnüglich war, wurde für die Franzosen mit jedem Tag immer schrecklicher. General Laval hörte das Geschimpfe und Klagen seiner Leute, was für ein widerwärtiges Dasein es doch wäre in diesem Schloss.
Nach außen schwiegen sie davon; sie wollten zu dem Ungemach nicht auch noch das Gespött und den Hohn der Mecklenburger ertragen. Laval berichtete seinem Kaiser Napoleon immer öfter von den unheimlichen Vorgängen, denen niemand seiner Leute gewachsen war. Einige waren sogar schon bei Nacht und Nebel desertiert. Ihm selber wäre auch sehr unbehaglich zumute in diesem Schloss. Überall wäre es kalt und zugig und ihn plage das Reißen in sämtlichen Gliedern. Am schlimmsten aber wäre, dass auch außerhalb des Schlosses niemand seiner Leute sicher war. Erst gestern sei auf dem Alten Garten ein großer Wagen mit Munition explodiert, die Granatsplitter flogen in alle Richtungen und verletzten viele seiner Leute. Nur der Teufel konnte wissen, wie das passierte.
Der Kaiser der Franzosen, das muss man so sagen, hatte, nach den vielen Beschwerden Lavals und jetzt nach dieser Explosion, die Nase einfach voll. Vor Wut wäre Napoleon fast selber explodiert; seine Soldaten, das wusste er nun wirklich, schlugen so manche Schlacht und gewannen sie alle, sie waren tapfere Leute und beklagten sich nicht ohne Grund. Diesem unheimlichen Wesen im Schweriner Schloss aber war offenbar nicht beizukommen. Kurz entschlossen befahl er General Laval, mit seinen Leuten das Schloss und das Land überhaupt zu verlassen, und als Herrscher setzte er wieder den Herzog von Mecklenburg ein. Sollte der doch diesen schrecklichen Bau bewohnen!
Nicht nur Petermännchen war erleichtert. Das ständige Poltern und Aushecken neuer Streiche hatte ihn ermüdet. Er war ja nicht gerade mehr der Jüngste. Auch die abziehenden Franzosen waren erleichtert. Hatten sie doch nun das Unwesen, wie sie sagten, nicht mehr am Halse. Niemand von ihnen ahnte die wahre Ursache.
Sagenort: Schloss Innenräume“
So kann man es also auch anstellen, um unliebsame Gäste loszuwerden. Manchmal hilft eben Poltern oder wenn man einen Poltergeist bei der Hand hat. Das war eine schöne Geschichte. Und die die vielen anderen Sagen und Geschichten, die die beiden Schweriner Petermännchen-Forscher zusammengetragen und frei nacherzählt haben, sind des Lesens allemal wert. Dabei sind sie nicht nur informativ, sondern auch einfach vergnüglich zu lesen. Fragt sich nur, wie man am besten mit Petermännchen in Kontakt kommen und mit ihm besprechen kann, damit Ngoc ganz andere Leute wieder vertrieben werden …
Aber das sind schon wieder Fragen, die an dieser Stelle vielleicht zu weit führen, und anderswo diskutiert und beantwortet werden sollen. Bis dahin begnügen wir uns mit dem Sammelband über den zumindest aus unserer Sicht liebenswerten Schweriner Schlossgeist und natürlich auch mit den spannenden Büchern von Siegried Maaß. Da kann man noch einmal erfahren, wie es war oder wie es zumindest gewesen sein könnte. Wie es wohl Mäxchen und Pauline heute geht? Was meinen Sie? Lassen Sie Ihrer Phantasie ruhig freien Lauf.
Viel Vergnügen beim Lesen, weiter einen schönen Herbst, bleiben Sie weiter gesund und vorsichtig und bis demnächst. Aber ach, ehe wir es vergessen: Können Sie sich noch an den vorigen Newsletter und an die „Happy Rolliday“-Reiseberichte von Hans-Ulrich Lüdemann erinnern und an seinen Hinweis auf Alexander Hamilton, einen der Gründerväter der USA. Zu diesem Mann haben wir ganz aktuell eine vielleicht überraschende Neuigkeit. Hamilton kommt nämlich bald nach Deutschland, genauer gesagt nach Hamburg. Die Rede ist von dem gleichnamigen Musical von Lin-Manuel Miranda: „Diese Show sollte man nicht verpassen: HAMILTON, Gewinner von 11 Tony Awards, unter anderem für Bestes Musical, feierte am Broadway, Chicago sowie in London bereits enorme Erfolge. Nun kommt die von den Kritikern hochgelobte musikalische Inszenierung über den amerikanischen Gründungsvater Alexander Hamilton auch nach Hamburg“, heißt es dazu auf der Website des Stage Operettenhaus der Hansestadt, wo es im November 2021 seine Deutschland-Premiere feiern wird – also in genau einem Jahr. Mehr dazu unter https://www.stage-entertainment.de/musicals-shows/hamilton-hamburg. Und damit jetzt aber Schluss für heute …

Unternehmen: EDITION digital Pekrul & Sohn GbR