Klimawandel hat erhebliche wirtschaftliche Folgen

Wiesbaden, 02.09.2020 (PresseBox) – Der Klimawandel trifft Länder vorwiegend durch eine Zunahme und Verschärfung von Naturkatastrophen – häufig zu einem hohen menschlichen, wirtschaftlichen und sozialen Preis. Die Pazifik- und Karibikinseln sind aufgrund ihrer hohen Gefährdung durch den steigenden Meeresspiegel, der großen Häufigkeit von schweren Hurrikans und Zyklonen und ihrer geringen Fläche mit Abstand am stärksten bedroht. In größeren Länder sind die Schäden durch Naturkatastrophen hingegen in vielen Fällen örtlich begrenzt und beeinträchtigen damit nur einen relativ kleinen Teil der Wirtschaft. Gleichwohl bleiben auch größere Länder von den negativen Auswirkungen des Klimawandels nicht verschont. Immer mehr Staaten – insbesondere in Lateinamerika, Australasien und Subsahara-Afrika – werden regelmäßig von Dürren geplagt, die aufgrund des Klimawandels sowohl an Häufigkeit als auch an Intensität zunehmen. Im Vergleich zu schweren Erdbeben, Hurrikans und Zyklonen mögen sich die Auswirkungen dieser Dürren auf Volkswirtschaften, insbesondere kurzfristig, weniger sichtbar und stärker im Verborgenen manifestieren. Die langfristigen wirtschaftlichen Folgen sollten jedoch nicht unterschätzt werden.
Dürren führen selten zu einer direkten Zerstörung von Sachwerten, was ihre wirtschaftlichen Auswirkungen verschleiert
Naturkatastrophen können durch beschädigte Infrastruktur, zerstörte Enten oder eine Produktionsunterbrechung eine Verringerung der Produktivität bewirken. Infolgedessen liegt das reale BIP-Wachstum in dem Jahr, in dem ein Land von einer schweren Naturkatastrophe heimgesucht wird, meist deutlich unter dem durchschnittlichen BIP-Wachstum der Vorjahre (s. Grafik 1). Bei einem Vergleich unterschiedlicher Naturkatastrophen ist festzustellen, dass schwere Erdbeben, Hurrikans und Zyklone die stärksten Auswirkungen auf das reale BIP-Wachstum in dem Jahr aufweisen, in dem sich die Katastrophe ereignet (Jahr „t“), insbesondere bei kleinen Inseln. Dahingegen verringern Dürren das reale BIP-Wachstum im Jahr „t“ um „nur“ einige wenige Prozentpunkte gegenüber dem historischen Fünfjahresdurchschnitt. Der Hauptgrund – neben der Größe des Landes und dem Ausmaß der Naturkatastrophe – liegt darin, dass schwere Erdbeben, Hurrikans und Zyklone erhebliche direkte Auswirkungen haben (z. B. durch die Zerstörung von Sachwerten) und oftmals sämtliche Sektoren eines Landes treffen. Dürren verursachen anfänglich eher geringe Kosten, die jedoch über einen längeren Zeitraum hinweg anschwellen. Des Weiteren treffen Dürren die Landwirtschaft am härtesten, gefolgt von verarbeitenden Unternehmen, je nach deren Abhängigkeit von Wasserkraft und Landwirtschaft (überwiegend in Subsahara-Afrika und Lateinamerika). Andere Sektoren verspüren hingegen geringere direkte Auswirkungen. Dies unterstreicht die Bedeutung der Struktur und Diversifizierung einer Volkswirtschaft. Im Übrigen treten Dürren tendenziell häufiger auf und ihre Häufigkeit und Schwere dürfte angesichts des globalen Klimawandels mit der Zeit zunehmen. Folglich wird das Wirtschaftswachstum in Ländern, die oft von Dürren geplagt werden, regelmäßiger reduziert, was das reale BIP-Wachstum auf lange Sicht beeinträchtigt. Weiterhin wird Sachkapital bei Dürren oftmals nicht direkt beschädigt (es sei denn, sie gehen mit Lauffeuern einher). Gleichwohl kann die Zerstörung sich über einen längeren Zeitraum entwickeln, in Form von Bodendegradation, Gebäudeschäden aufgrund von Bodenabsenkungen, langfristigen Auswirkungen auf mehrjährige Pflanzen und Viehzucht usw. Auf diese Art verschlechtert sich auch das langfristige Wirtschaftswachstum. Wiederkehrende Dürren können außerdem die Migration erhöhen, was (im Falle von Binnenmigration) sozialen Druck verursacht und die Länder (bei Migration ins Ausland) langfristig ihrer Erwerbsbevölkerung beraubt. Schließlich werden schwere Dürren oftmals von verheerenden Überschwemmungen gefolgt. Diese zerstören Sachwerte im Allgemeinen direkt und schwächen das Wirtschaftswachstum. Auf diese Weise können Dürren indirekt zu einem Rückgang des Wirtschaftswachstums führen.
Auswirkungen von Naturkatastrophen auf den öffentlichen Haushalt
Naturkatastrophen können auch die öffentliche Finanzlage schwächen, obgleich ihre Auswirkungen aufgrund der verschiedenartigen Einflussfaktoren nicht immer klar erkennbar sind. Üblicherweise werden die Staatsausgaben nach einer großen Naturkatastrophe erhöht, um das Land oder die Region wiederaufzubauen oder Hilfe zu leisten, während die Steuereinnahmen zurückgehen. Staatsunternehmen, die aufgrund der Katastrophe Verluste hinnehmen müssen, stellen unter Umständen eine zusätzliche Belastung dar. Im Übrigen wirken Dürren sich weniger sichtbar auf die Staatsverschuldung aus als schwere Erdbeben, Hurrikans und Zyklone (s. Grafik 2). In vielen Fällen ist nach einer verheerenden Dürre kein sprunghafter Anstieg der Staatsverschuldung zu beobachten. Dies hat verschiedene Gründe. Erstens spielen Art und Ausmaß der Naturkatastrophe sowie die Struktur der Wirtschaft eine große Rolle. Dürren verursachen niedrigere, aber wiederkehrende Kosten, die zu einem sukzessiven Anstieg der Staatsverschuldung führen. Zweitens weisen Entwicklungsländer für gewöhnlich einen niedrigeren Diversifizierungsgrad auf, was sie von relativ wenigen Sektoren abhängig macht. Viele von ihnen sind in hohem Maße auf Rohstoffe wie landwirtschaftliche Erzeugnisse, Metalle, Öl und Gas angewiesen. Da auch ihre Staatseinnahmen weitgehend von diesen Gütern abhängen, haben Rohstoffpreisschwankungen größeren Einfluss auf ihren Haushalt. Drittens können Naturkatastrophen die Prioritäten von Regierungen verschieben und dafür sorgen, dass Mittel produktiveren öffentlichen Investitionen wie der Stärkung des Bildungs- oder Gesundheitswesens entzogen werden. Auch wenn die kurzfristigen Folgen für die Staatsverschuldung in diesem Fall geringer sind, führen solche Verschiebungen langfristig zu einer Belastung des öffentlichen Haushalts. Außerdem könnte die Regierung zur Vermeidung einer höheren Schuldenlast und somit eines höheren Schuldendienstes zur Monetarisierung der Haushaltsdefizite verleitet werden und damit die Inflation anheizen (die angesichts steigender Agrarpreise bereits unter Druck stehen dürfte). Schließlich spielen Rohstoffpreise, wahlbedingte Ausgaben, Haushaltskonsolidierung (mitunter als Auflage eines IWF-Programms) sowie politische Instabilität in der Praxis oftmals eine große Rolle.
Auswirkungen auf externe makroökonomische Indikatoren sind von der Wirtschafts- und Finanzstruktur abhängig
Naturkatastrophen können verheerende Auswirkungen auf die Leistungsbilanz haben, da sie oftmals die Exportkapazitäten reduzieren, wohingegen die Importe tendenziell zunehmen (insbesondere von Agrar- und Investitionsgütern). Während die Auswirkungen auf die Außenhandelsbilanzen von Schwere, Art und Ausmaß der Naturkatastrophe abhängen, ist auch die Struktur der Wirtschaft eines Landes von zentraler Bedeutung. So erlebte der Süden Afrikas in den Jahren 2015 und 2016 die schlimmsten Dürreperioden seit 80 Jahren. Die Trockenheit hielt lange an und traf die gesamte Region. Dies hatte eindeutige negative Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit, da der Agrarsektor in diesem Teil der Welt einen bedeutenden Wirtschafts- und Arbeitsplatzfaktor darstellt. Eine Gegenüberstellung der Auswirkungen der Dürre in Malawi und Südafrika verdeutlicht die Bedeutung der Wirtschaftsstruktur und einiger anderer Elemente, die die makroökonomischen Indikatoren beeinflussen können. Malawis Außenhandelsbilanz wurde bei Weitem am schwersten getroffen (Grafik 3) und sein Leistungsbilanzdefizit hat sich gegenüber dem historischen Fünfjahresdurchschnitt nahezu verdoppelt. Auch die Währungsreserven, die sich in den fünf Vorjahren um einen jährlichen Durchschnitt von 20 % erhöht hatten, wiesen in den Jahren nach der Dürre einen wesentlich langsameren Anstieg von 8 % auf. Ferner stieg die Auslandsverschuldung im Vergleich zum BIP in den Dürrejahren gegenüber dem historischen Durchschnitt rapide an (um einen jährlichen Durchschnitt von nahezu 3 % ggü. 1,7 %). Im Gegensatz dazu zeigten die Dürren kaum Auswirkungen auf die Entwicklung der externen makroökonomischen Indikatoren Südafrikas (Grafik 4). Das Leistungsbilanzdefizit nahm kaum zu, während die Auslandsverschuldung in den Dürrejahren sogar weniger stark anstieg als in den fünf Vorjahren. Obwohl die Währungsreserven während der Dürren um etwa 5 % zurückgingen, ist dies im Vergleich zu Malawi eine relativ unerhebliche Entwicklung, da Südafrika in den fünf Vorjahren nur einen leichten jährlichen Anstieg von durchschnittlich 3 % zu verzeichnen hatte. Die Hauptursache liegt im Diversifizierungsgrad und in der wirtschaftlichen Struktur des Landes. Landwirtschaftliche Erzeugnisse (hauptsächlich Tabak) generieren etwa die Hälfte der malawischen Leistungsbilanzeinnahmen, während ihr Anteil in Südafrika bei unter 10 % liegt. ADI-Zuflüsse, Portfolioinvestitionen und Hilfsgelder spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Diese Zuflüsse sind eine Alternative zur Ausgabe von Auslandsanleihen und der Verwendung von Währungsreserven zur Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits, was eine Wirtschaft langfristig anfälliger für externe Schocks macht. Einige Länder sind robuster, da sie dank als stabil wahrgenommener Institutionen und einer orthodoxen makroökonomischen Politik auch in schwierigen Zeiten leicht Portfoliozuflüsse und ausländische Direktinvestitionen anziehen können. Auch ausländische Hilfsgelder können eine Option darstellen und nach einer Naturkatastrophe schnell ins Land fließen, etwa zur Verhinderung einer Hungersnot nach einer schweren Dürre. Doch auch in diesem Fall handelt es sich bei den bereitgestellten Hilfen nicht immer um zusätzliche Zahlungen. Die Kombination aus begrenzten Gebermitteln und Beschränkungen hinsichtlich inländischer Finanzierungsbeteiligung (häufig eine Vorgabe) kann bestehende Entwicklungshilfe in der Praxis jedenfalls teilweise ersetzen.
Einfluss auf die Credendo-Bewertung des mittel- bis langfristigen politischen Risikos
Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Auswirkungskanäle und Ausgleichsfaktoren werden der Klimawandel und der damit einhergehende Anstieg der Häufigkeit und Schwere von Naturkatastrophen nunmehr in die Länderanalyse von Credendo miteinbezogen. Dürren verursachen verglichen mit verheerenden Naturkatastrophen wie schweren Erdbeben, Zyklonen und Hurrikans geringere, weniger sichtbare und über einen längeren Zeitraum anschwellende Kosten. Darüber hinaus kann die Risikobewertung auch vom Zusammenwirken verschiedener makroökonomischer Entwicklungen, unterschiedlicher Wirtschafts- und Finanzstrukturen sowie des Umfangs einer Volkswirtschaft erschwert werden. Nichtsdestoweniger können die wirtschaftlichen Auswirkungen von Dürren auf lange Sicht erheblich sein, insbesondere da sie sowohl an Häufigkeit als auch an Intensität zunehmen Die Länder, die künftig am stärksten von Dürren bedroht sind, befinden sich in Subsahara-Afrika, gefolgt von Lateinamerika und Australasien.

Unternehmen: Credendo Short-Term Non-EU Risks