Lesen statt Kuscheln, die Erfindung des Kaiserschnitts und eine Frau mit Fahrrad und Frechheit – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Pinnow, 09.04.2020 (lifePR) – Also, das mit der Frechheit in der Überschrift dieses Newsletters, das müssen wir gleich wieder zurücknehmen oder zumindest relativieren. Denn von Frechheit ist in dem Text aus dem letzten der insgesamt fünf Angebote, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 10.4.20 – Freitag, 17.4.20) zu haben sind, zwar tatsächlich die Rede. Allerdings geht es in dem Textausschnitt aus „Der Schamanenstein“ um eine konkrete Situation, in der einer engagierten Frau von einem DDR-Verkehrspolizisten vorgeworfen wird, so eine Frechheit habe er bislang noch nicht erlebt. Dabei hat die Frau mit dem Fahrrad es nicht nur wirklich eilig und das dazu noch aus einem guten Grund. Aber lesen Sie selbst.
Um einen Menschen, der um eine Katastrophe zu verhindern, im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben opfert, geht es in „Bäckerbrot und Bergkristall“ von Klaus Möckel. Sein Buch beruht auf einer wahren Geschichte, die ihm die Tochter dieses Mannes erzählt hat. Und diese Tochter, die dürfte Ihnen auch irgendwie bekannt vorkommen …
Gleich zwei Mal reisen wir in diesem Newsletter mit Waldtraut Lewin ins Alte Rom – einmal geht es in der Biographie „Gaius Julius Caesar“ um den Aufstieg und Fall eines römischen Politikers. (Vielleicht auch eine Anregung zum Nachdenken in heutigen Zeiten.) In „Die stillen Römer“ kreuzen sich zur Zeit des Kaisers Augustus in Rom, der Stadt der Verzweiflung und der Hoffnung, die Lebenswege vier junger Menschen. Wie wird es ihnen ergehen?
Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Und da hat die Literatur schon immer ein gewichtiges Wort mitzureden und heute erst recht. In dieser Woche geht es um Verantwortung und um die Pflicht, sich zu entscheiden – auch wenn man Angst hat. Und wenn man sich am Anfang als Einzelner oder als Einzelnen gegen viele andere stellen muss. Wir erinnern uns an die ersten einsamen Schulstreiks von Greta Thunberg …
Erstmals 2007 erschien im Dorise-Verlag Burg „Das Versteck im Wald“ von Siegfried Maaß: Es wird Regen geben. Zeit, dem Großvater Tobias zuzuhören. Dieser erzählt eine aufregende Geschichte aus seiner Kindheit: Er wollte nie ein Held sein, nur größer und stärker. Dann hätte er in der Turnriege nicht immer am Schluss stehen müssen und sich auch gegen Rake und dessen Bande zur Wehr setzen können. Doch eines Tages im späten Herbst trifft Tobias auf Jan, den jungen Polen, und er muss allen Mut zusammennehmen. Jan befindet sich in großer Gefahr. Im folgenden Textausschnitt geht es die Frage, was klüger ist – sich einer unvermeidlichen Niederlage auszusetzen oder sich der gefährlichen Situation durch Ausweichen zu entziehen. Feigheit oder doch eher Mut? Hintergrund ist der in dieser Szene beschriebene Wettstreit beim „Haut-den-Lukas“ auf dem Rummel den Bolzen bis zum Anschlag zu wuchten und sich damit als der Stärkste zu erweisen:
„Auf einen eigenen Versuch wollte ich es jedoch nicht ankommen lassen. Sollte Rake mich doch beschimpfen und beleidigen, soviel er wollte. Daran war ich ja längst gewöhnt. Ich wandte mich einfach wortlos um, nutzte die Menschenmenge auf dem Platz als Deckung. Hier sollten mich Rake und seine Meute erst einmal finden!
Einen Augenblick lang kam ich mir dann feige vor. Doch schließlich tröstete ich mich mit dem Gedanken, klüger als Rake zu sein. Hätte ich es wirklich auf einen Versuch ankommen lassen, wäre ich wieder einmal der Unterlegene und Dumme gewesen. Ich wusste doch genau, dass ich den „Lukas“ nicht bezwingen konnte. Dazu fehlte mir einfach die Kraft. Aber es gefiel mir die Vorstellung, dass es mir einmal ganz überraschend gelingen könnte. Es war wirklich ein schöner Traum. Dazu musste ich nicht einmal die Augen schließen. Ich sah und hörte es geradezu, wie mich der Tiroler mit dem Hut grüßte und seinen Jodler ausstieß. Nur für mich. Danach pfiffen die Zuschauer vor Begeisterung auf den Fingern und andere klatschten anerkennend in die Hände. Rake stand staunend dabei. Sein Mund klaffte wie ein dunkles Loch. Als hätte er vergessen, ihn wieder zu schließen. Der „Lukas“-Besitzer trennte sich dann sogar wortreich von einem seiner Stofftiere und überreichte es mir feierlich als meinen Gewinn. Stofftier? Ach was! So bescheiden wollte ich gar nicht sein. Jedenfalls nicht in meinem Traum. Einen Matrosen würde ich als Preis haben wollen! Einen von der obersten Stufe des Regals in der kleinen, grün und gelb gestrichenen Bude des „Lukas“-Besitzers. Dort war nämlich eine ganze Schiffsbesatzung angetreten und einer davon sollte nun unbedingt mir gehören.
Vielleicht, dachte ich, streckt mir sogar Rake nach diesem Sieg neidlos die Hand hin? Das wäre überhaupt das Größte! Es hätte mir nicht nur außerordentliche Anerkennung bedeutet, sondern zugleich auch das Versprechen, dass Rake mich nicht weiter hänseln und jagen würde! Wie auch seine ganze Gefolgschaft mich in Zukunft als Gleicher unter Gleichen ansehen würde. Ich war ja nun so stark wie sie.“ Und damit zur ausführlicheren Vorstellung der anderen Angebote dieses Newsletters.
Erstmals 2012 veröffentlichte Klaus Möckel als Eigenproduktion der EDITION digital und zwar sowohl als gedruckte Ausgabe wie auch als E-Book „Bäckerbrot und Bergkristall. Nach den Aufzeichnungen von Gisela Pekrul“: Was passiert da?! Das gibt ein Unglück, eine Katastrophe! Ich muss das verhindern! Es darf nicht sein, dass hier alles zu Bruch geht, Menschen zu Tode kommen! Solche Gedanken müssen dem Bergarbeiter und Protagonisten dieser wahren Geschichte durch den Kopf gegangen sein, als er sich mit einer Brechstange in der Hand und dem Mut der Verzweiflung dem Unheil entgegenstemmte. Eine Tat, die anderen das Leben rettete, ihm aber viel zu früh den Tod brachte. Der Berliner Autor Klaus Möckel, bekannt durch Krimis, historische Romane und Kinderbücher, aber auch durch vielbeachtete Werke wie „Hoffnung für Dan“, diesem literarischen Bericht über ein behindertes Kind, schildert in diesem Buch das wechselvolle Leben des 1906 in einem schlesischen Dorf geborenen Paul Grabs. Als Bäckergeselle 1926 nach Sachsen-Anhalt gekommen, wo er mit seiner Familie ein Siedlungshaus in der Delitzscher Gegend bezieht, hofft der spätere Wismutkumpel für sich wie für seine Familie, in einer aus den Fugen geratenen Welt ein Stückchen Glück zu ergattern. In diesem Buch, das nach Erinnerungen von Grabs‘ Tochter geschrieben wurde, geht es um duftendes Bäckerbrot und schimmernde Bergkristalle, um Gewinn oder Verlust in Kriegs- und Nachkriegsjahren, um die nie erlöschende Hoffnung, auch unter schwierigen Bedingungen ein anständiges Leben führen zu können. Auf zum Teil dramatische, zum Teil poetisch-humorvolle Art wird ein Mann gewürdigt, der sich, nicht frei von Widersprüchen, in spannungsgeladener Zeit erfolgreich als Mensch zu behaupten vermag. Hier die ersten beiden Kapitel, in denen wir Paul schon ein bisschen kennenlernen und verstehen, warum er nicht anders handeln konnte als er es getan hat:
1. Kapitel
Was für ein Tag, und was für eine Reise! Die Züge verkehrten nicht pünktlich in jenen Jahren, eine halbe Stunde Verspätung, eine ganze Stunde bedeutete nichts, Hauptsache, man kam letztendlich an. Denn überfüllt waren die Wagen auch, und manchmal fiel der Zug sogar ganz aus. Eine Entschädigung durch die Bahn, wie heutzutage, war natürlich nicht drin. Das Ende des Zweiten Weltkrieges lag nur wenige Jahre zurück, und man fuhr, wenn überhaupt, eingleisig, denn das zweite Schienenpaar war im Land zwischen Plauen und Rostock längst abgebaut worden. Als Reparationsleistung von den Russen in die Sowjetunion verfrachtet. Eine kleine Entschädigung für die riesigen Zerstörungen, die Deutschland dort angerichtet hatte.
Aber bei dieser Fahrt klappte irgendwie alles. Die kleinen Widernisse und Umständlichkeiten berührten mich nicht, auch das möglicherweise hässliche Wetter – es ging auf den Winter zu – machte mir nichts aus. Ob die Sonne schien oder der Sturm an den lang gedienten Waggons rüttelte, ob der Regen gegen die klapprigen Fenster prasselte oder ein letzter sanfter Oktoberwind draußen die Wolken vertrieb, weiß ich nicht mehr. Die schnaufende Lok, die graue Dampfwolken ausstieß, pfiff hin und wieder schrill, sie hatte Mühe, die zum Gebirge hin ansteigende Strecke zu bewältigen, doch wir kamen voran. Ich war glücklich, denn ich hatte einen Fensterplatz, und vor allem: Auf der hölzernen, von vielen Dutzend Hintern blank polierten Bank neben mir saß mein Vater. Ich war damals neun Jahre alt, und es war durchaus nicht selbstverständlich, dass ich ihn so lange Zeit für mich allein hatte. Bereits seit jenem Augenblick nämlich, da wir uns im Dorf Wolteritz nördlich von Leipzig, wo unser Häuschen stand, von meiner Mutter und meinen drei Geschwistern verabschiedet und auf den Weg nach Bad Elster gemacht hatten. „Jetzt kommen wir nach Reichenbach, das ist eine schöne Bergstadt im Vogtland, ein alter Handelsplatz, hier wurden schon immer wertvolle Stoffe hergestellt.“
„Warum heißt das Land Vogtland, Papa?“
„Warum? Weil es früher wahrscheinlich einem Vogt gehört hat. Das war eine Art Fürst. Das Vogtland ist sehr reizvoll, mit vielen Hügeln und Tälern. Nachher werden wir noch die Göltzschtalbrücke sehen. Das ist ein großartiges Bauwerk. Die größte Ziegelsteinbrücke der Welt.“
„Göltzschsch…?“
Vater lacht. „Göltzsch heißt der Fluss, den sie überquert. Das Wort ist wirklich schwer auszusprechen. Aber du wirst sehen, wie weit man von da oben aus ins Tal schauen kann. Ich war schon früher mal hier, als junger Mann auf der Walz, wie es damals hieß.“
Vater besaß „nur“ eine Volksschulbildung, was ich damals natürlich nicht wusste und was mich auch kaum interessiert hätte. Aber er kannte sich in allem aus und beantwortete ausführlich jede meiner Fragen. Als wir die Brücke dann erreichen, bin ich in der Tat so beeindruckt, wie ein kleines Mädchen nur beeindruckt sein kann. Diese Höhe und der weite Blick. Die klein gewordenen, zum Teil noch bunt belaubten Bäume, das Flüsschen unten, das sich sanft dahinschlängelt, die winzigen Häuser hier und da. Vater erzählt mir, dass die Brücke aus Ziegeln gebaut ist, seit fast hundert Jahren steht und 1945 beim Rückzug beinahe von der Wehrmacht gesprengt worden wäre. Zum Glück ist das dann doch nicht passiert.
„Sonst könnten wir heute nicht hier langfahren“, sage ich nach einiger Überlegung.
„Du bist ein schlaues Kind, echt meine Tochter“, erwidert mein Vater und drückt mich an sich.
Kapitel
Der Aufenthalt in Bad Elster in einem Diakonissenhaus brachte nicht das von meinen Eltern und den Lehrern gewünschte Ergebnis. Ich war ein für Erkältungen und andere Krankheiten anfälliges, mageres, groß gewachsenes Kind, das Mühe hatte, sich gerade zu halten. Ich sollte zum orthopädischen Turnen nach Delitzsch oder gar Leipzig fahren, wo es die Fachleute für so etwas gab, doch das war zu weit. So bekam ich diese Kur verordnet. Die Schwestern in diesem bekannten Kurort taten gewiss auch ihr Bestes, aber sie waren unnachgiebig streng und konnten nicht mit Kindern umgehen. Sie kamen nicht mit mir zurecht und ich nicht mit ihnen. Ich hatte mich zwar sehr auf den Aufenthalt gefreut, aber die Freude verging schnell.
Doch das sind Geschichten, auf die ich vielleicht später zurückkomme. Zunächst will ich weiter von meinem Vater erzählen. Manchmal, wenn ich am Computer sitze, umgeben von Manuskripten und Geräten, die mich mit der ganzen Welt verbinden, von denen aber zu seiner Zeit noch kein Mensch etwas ahnte, taucht sein Gesicht vor mir auf. Was würde er wohl sagen, wenn er all das sähe. Mich beim Tippen, Scannen, Ausdrucken und Korrespondieren beobachten könnte. Er war wissbegierig, las gern, wenn es seine knappe Zeit erlaubte oder er zufällig ein Buch in die Hände bekam. Einmal, in einer einzigen Nacht, verschlang er den ganzen „Oliver Twist“ von Dickens, den ich von der Dorfbibliothek mit nach Hause gebracht hatte. Den Regeln folgend, die ihm seine Tätigkeit vorschrieb – nur beim Wechsel von der Tages- zur Nachtschicht konnte er es einrichten -, war er an einem Sonnabend nach dreiwöchiger Abwesenheit abends heimgekehrt, musste aber schon am Montag wieder zur Arbeit. Seine Frau hätte ihn in diesem Augenblick gewiss lieber für sich gehabt: „Du liest und liest“, ruft sie aus der Kammer nebenan, „willst du nicht endlich ins Bett kommen?“ „Gleich, ich bin gleich soweit. Nur noch diesen einen Abschnitt.“
„Das hast du schon zweimal gesagt. Es geht auf elf. Bist du denn gar nicht müde?“
„Doch, bin ich, aber das hier ist wirklich spannend.“
Mama ist ein bisschen verärgert. Da hätte man mal eine Stunde Zeit füreinander, und wenn’s bloß zum Kuscheln wäre. „Ja, wenn das Buch so spannend ist, dann dreh ich mich jetzt auf die Seite“, murmelt sie resigniert.
Vater freilich hört das gar nicht. Vielleicht reißt er sich später, als das Kapitel zu Ende ist, mal kurz los, schaut nach ihr, doch da er sie fest schlafen sieht (auch für sie war es wieder mal ein anstrengender Tag), kehrt er schnell zu seiner Lektüre zurück.
Heute wundere ich mich etwas über ihre Nachgiebigkeit und darüber, dass am Morgen der Haussegen nicht schief hing. Doch sie war es von klein auf gewohnt, sich unterzuordnen. Es war normal für sie, dem Mann gegenüber zurückzustecken. Damals war ich allerdings nur verblüfft, weil er, erschöpft, wie er sein musste, ohne Pause das ganze Buch durchgeschmökert hatte.
Paul Grabs, mein Vater, wurde zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts geboren, am 2. September 1906, in einem Ort mit dem Namen Neubertelsdorf im zu jener Zeit noch deutschen Niederschlesien. Seine Eltern waren alles andere als wohlhabend. Der Vater, Ziegeleiarbeiter, plagte sich am Wochenende auf einem Stückchen Land ab, das er erworben hatte. Er musste etwas dazuverdienen, um die Hypotheken für sein Häuschen bezahlen zu können. Die Mutter besorgte den Haushalt und packte mit an, wo immer es nötig war. Auf das Kind, das zweite nach einem inzwischen fünfjährigen Mädchen, freute sich die junge Familie, und dass es dann ein Sohn wurde, mehrte das Glück noch. Niemand im Dorf, weder der Pfarrer, in dessen Kirche Paulchen getauft wurde, noch der Schulmeister, der seine ersten Zeugnisse unterschrieb, der Kaufmann, von dem er manchmal Süßigkeiten bekam, der Bäcker, dem man das Brot abkaufte, oder der Gastwirt, bei dem die Familie wohl bloß selten einkehrte, verschwendeten damals auch nur den Schimmer eines Gedankens daran, dass im Laufe dieses kriegsgeschüttelten Jahrhunderts ein Fanatiker namens Adolf Hitler mit seinen Gefolgsleuten die geliebte, von Gewässern, Wäldern, sanften Hügeln und weitgestreckten Feldern geprägte Heimat auf immer verspielen würde.“
Erstmals 1980 veröffentlichte Waldtraut Lewin im Verlag Neues Leben Berlin die Biographie „Gaius Julius Caesar. Aufstieg und Fall eines römischen Politikers“: Die Autorin spürt dem Leben und Wirken des G. Julius Caesar nach. Sie zeigt die Taten des römischen Feldherren und Staatsmannes im Zusammenhang mit den sozialen und politischen Gegebenheiten dieser Zeit. Gleichzeitig versucht sie, aus dem Überlieferten Rückschlüsse über Caesars Leben im Kreise der engsten Vertrauten, über seine Einstellungen und Gefühle zu ziehen. Dabei werden die Sitten und Gebräuche der späten Republik anschaulich geschildert und durch zahlreiche Zitate antiker Schriftsteller untermalt. Beginnen wir diese Biographie ebenfalls von Anfang an, also mit der Geburt, die in diesem Falle auch in medizinhistorischer Hinsicht eine ganz besondere ist und bis heute unter dem Namen dieses Kindes bekannt ist:
„1. Im Jahre 100
Nach römischem Brauch erhält der erstgeborene Sohn den Namen des Vaters.
Das Kind, das am 12. Juli des Jahres 100 vor unserer Zeitrechnung dank der Kunst griechischer Arztsklaven durch eine Schnittentbindung das Licht der Welt erblickt, wird deshalb mit Vornamen Gaius, mit Gentilnamen Julius, mit Zunamen Caesar genannt.
Wie die Ärzte heißen, weiß niemand. Die Operation, die sie ausführten, wird seitdem Caesar- oder Kaiserschnitt genannt.
Die Wiege ist aus edlem Holz, die Leintücher sind fein und bestickt, die Sklavenschaft ist zahlreich – das kann man voraussetzen.
Selbst in einem politisch einflusslosen und nicht sehr vermögenden Haus, wie das der Julier zu dieser Zeit war, wird das Hausgesinde, die familia, wohl kaum weniger als hundert Sklaven betragen haben. Die großen vorangegangenen Kriege hatten die Ware Mensch billig gemacht. Die Sklavenmärkte quollen über. Es war nicht schwer, sich verwöhnen zu lassen, wenn man Geld genug hatte.
Das Kind, so wird berichtet, hat lebhafte schwarze Augen, ein rundes Gesicht und eine weiße Haut. Seine Gesundheit ist robust. Grund zur Freude für die Eltern.
Ein Heer von kleinen Göttern überwachte die Lebensfunktionen eines Kindes von vornehmer Geburt. Ungläubigkeit bedeutete Gotteslästerung, und so waren die aberwitzigsten Zaubereien auch in den vornehmen Kreisen weit verbreitet. Die Welt war undurchschaubar und voll dunkler Ecken, es half vielleicht, überallhin zu beten. So wurden alle Verrichtungen des Lebens mit Gottheiten bedacht, sicher ist sicher.
Der erste Schrei des Neugeborenen steht unter dem Schutz des Gottes Vaticanus, und seine artikulierte Sprache behüten die drei Helfer Fabulinus, Farinus und Locutius. In Essen und Trinken unterweisen den Knaben (neben seinen Ammen vermutlich) die Göttinnen Educa und Potina. Wenn das Kind zu laufen anfängt, ist das das Verdienst der Genien Abeona und Adeona. Ossipago festigt seine Knochen, Statanus streckt seine Glieder, und Carna fördert die Entwicklung seiner Muskeln, alles zur Zufriedenheit der Familie der Julier.
Neben diesen hilfreichen kleinen Göttern, die weiter nichts waren als personifizierte Begriffe, führt zudem noch der Genius, der Schutzgeist der Person, sein ganz besonderes Eigenleben. Man rechnet durchaus mit ihm. In Petronius’ „Gastmahl des Trimalchio“, dem genialen satirischen Roman der frühen Kaiserzeit, lässt der fette, reiche Raffke von Trimalchio einen Sklaven kreuzigen, weil er „den Genius seines Herrn gelästert habe“.
Der Genius des Kindes, um das es hier geht, erweist sich als recht zuverlässig.
Als Dreißigjähriger wird Caesar anlässlich der Totenfeier seiner Tante vor allem Volk erklären:
„Mütterlicherseits stammt mein Geschlecht von Königen ab, das väterliche ist mit den unsterblichen Göttern verwandt. Denn von Ancius Marcius stammen die Marcii Reges, deren Namen meine Mutter führte, von Venus die Julier, zu deren Geschlecht unsere Familie gehört …“
So etwas macht Eindruck. In Wirklichkeit war es mit den Familien nicht so weit her. Die Julier, aus denen früher eine Reihe hoher Beamter hervorgegangen waren, spielten keine politische Rolle mehr. Die Aurelier, von denen Caesars Mutter abstammt, waren mittlerer plebejischer Adel.
Immerhin, man gehörte zur Nobilität.
Nobilitas
Ursprünglich, zu den Zeiten, als Rom noch kaum etwas Besseres als ein Kuhdorf war und andere Leute sich um die Weltherrschaft plagten, soll es da zwei Arten von Leuten gegeben haben: die Väter (oder Patrizier) und die Plebejer.
„Die Patrizier“, sagte Sallust, Historiker und Publizist der Caesarzeit, „behandelten die Plebs wie Sklaven, sie verfügten über ihr Leben und ihre Person nach der Weise von Königen, verjagten sie von ihrem Land, schoben alle anderen beiseite und regierten den Staat allein.“
Es war das alte Lied. Die Plebs zahlte die Steuern und ging zum Militärdienst, und wenn sie nach Haus kam, war ihr Bauernhof unterm Hammer. So riss ihr denn eines Tages der Geduldsfaden, und sie verließ das römische Gemeinwesen und besetzte den Heiligen Berg. Ihre Waffen nahm sie vorsorglich mit.
Die Patrizier sahen ziemlich schlecht aus ohne die Leute, die für sie die Arbeit machten, und mussten verhandeln. Die Plebs erkämpfte sich eine Reihe von Rechten und Privilegien, unter anderem die Versicherung, dass einer der beiden jeweils auf ein Jahr gewählten Staatsregenten, Konsuln genannt, ein Plebejer zu sein hatte. (Im Lauf der Zeit geriet das wieder in Vergessenheit.) Ein weiteres, ungeheuer bedeutendes Recht war die Einsetzung von Volkstribunen – eines der wichtigsten Charakteristika des römischen Gemeinwesens und bisher ohne Beispiel in der Geschichte. Von ihm wird noch zu berichten sein.
Zu der Zeit, als Caesar geboren wurde, war die alte Feindschaft zwischen Patriziern und Plebejern eine vergessene Sache. Am Prozess der gesellschaftlichen Bereicherung hatten beide Seiten teilgenommen, und inzwischen gab es plebejische Adelshäuser genauso gut wie patrizische. Die alte Kluft war gegenstandslos geworden, und den Namen Plebs führten jetzt die armen Bevölkerungsschichten der Stadt Rom, an denen ein plebejischer nobilis genauso hochmütig vorüberging wie ein patrizischer.
Die Nobilität war der Würdenträgeradel des römischen Reichs – was beileibe nicht mit einer Art von Beamtentum gleichzusetzen ist.
Diese großen Latifundisten, denen ihr Reichtum es erlaubte, in die (ehrenamtliche) Staatslaufbahn einzusteigen, in der Gewissheit, dass sie durch die Verwaltung einer Provinz früher oder später das Zehnfache ihres Aufwands zurückbekommen würden, diese traditionsbewussten Nachkömmlinge ehemaliger Konsuln, deren Sitz im Senat schon durch den Familiennamen garantiert war, diese Leute, die mit dem Hochmut von Weltbeherrschern auf alles Nichtrömische herabsahen, waren eher so etwas wie Fürsten, ihre Familien Dynastien, ihre Töchter Prinzessinnen, die in Ehen verkuppelt wurden, um Ansehen und Einfluss ihres Hauses zu festigen.
Die Hausmacht einer solchen Familie, das persönliche Ansehen ihres Oberhauptes, seine dignitas, bekamen die von Rom unterworfenen Völker oft zu spüren. In beispiellosem Egoismus und Hochmut sahen sich Statthalter und Feldherren nicht als Diener ihres Staates, sondern nutzten die ihnen verliehene Machtvollkommenheit zur Vermehrung ihres privaten Schatzes und ihrer Herrschaftlichkeit.
Solche Generale wie Lucullus oder Pompeius zählten zu ihrer clientela, zur Anhängerschaft ihrer Familie, italische Landstädte ebenso wie unterworfene Könige. Das Imperium, die uneingeschränkte Gewalt eines Statthalters über seine Provinz, erlaubte ihm eine Gerichtsbarkeit der Willkür und ein Auspressen der zu verwaltenden Gebiete.
Natürlich, es gab Unterschiede in der Nobilität. Das lag an den Traditionen innerhalb der Geschlechter und daran, ob eine Familie gerade „oben“ war oder nicht.
Aber hier, wo wir anhalten, im ersten Jahrhundert v. u. Z., waren diese nobiles insgesamt, durch die Verwandlung ihres Stadtstaates in ein Weltreich und die maßlose Machtfülle, die sich in ihren Händen ansammelte, durch Reichtum, Ehrsucht und Größenwahn, entartet, böse und korrupt. „Sie sind“, schreibt unser Gewährsmann Sallust, „auf ungeheuerliche Weise degeneriert. Ihr Reichtum dient ihnen zu wüstem Zeitvertreib, denn anders ist es nicht zu erklären, dass manche Privatleute aus reiner Laune Berge abtragen und Bauwerke im Meer errichten.“
Was diese Maßlosigkeit begünstigte, war das Fehlen eines echten sozialen Gegenspielers.
Die heftigen Kämpfe zwischen Großgrundbesitzern und Kleinbauern, die Jahrhunderte das politische Leben der römischen Republik bestimmt hatten, waren entschieden – zugunsten der Latifundisten. Die römischen Bauern waren dahin, aufgesogen vom riesigen stehenden Heer der Republik und von dem städtischen Lumpenproletariat, der neuen Plebs, einer Schar durch Hunger und Armut korrumpierter Nichtstuer, einer Masse, die Arbeit als Sklavensache verachtete, vegetierend von Kornspende zu Kornspende aus der öffentlichen Hand, zwischen Gladiatorenspielen und Bestechungsgeldern, mit denen die Herren ihre Stimmen kauften. Die schmale Mittelschicht der Handwerker und Pächter war ohne Bedeutung.
Andere indessen, Geldleute, verlangten nach politischem Einfluss. Man nannte sie „Ritter“.
Gaius Marius, der Onkel
Caesars Vater schafft es in der Ämterlaufbahn bis zur Prätur. Er verwaltet eine dubiose asiatische Provinz. Die Mutter Aurelia ist eine Dame mit gesundem Menschenverstand, die sich ihren Einfluss auf den Sohn lange bewahren wird. Im öffentlichen Leben spielt ihre Familie keine Rolle.
Aber eine glückliche Heiratsverbindung bringt den Namen der Julier wieder ins Spiel. Caesars Tante Julia ist verehelicht mit einem der bedeutendsten politischen Köpfe der Epoche, mit dem Mann, dessen rühmliches Vorbild Caesar später noch oft für diesen oder jenen Zweck wie einen Schild vor sich hertragen wird: Marius, der Konsul, der berühmte General, der Germanenbezwinger.
Humor hatte er nicht, der große Gaius Marius, wenn man seine Porträtbüste befragt. Dafür eine Menge anderer Eigenschaften, die man zweifellos braucht, wenn man von unten kommt und hoch hinauswill. Zum Beispiel Entschlusskraft und eine gehörige Portion Brutalität.
Sein Gesicht ist im Museo della Civiltà Romana zu studieren: zerklüftete Züge, sinnliche Lippen, eine Löwennase, viel Falten, die eher auf Gewaltsamkeit und Jähzorn hindeuten als auf Leiden der Seele. Darüber buckelt sich eine gewaltige Stirn.
Er kam vom Dorf und hatte weder Rang noch Namen, noch Bildung. Dafür um so mehr Unternehmungsgeist. Klug genug, trat er der clientela des hochmögenden Metellus bei, der ihn protegierte und den er später verriet, indem er ihn aus seinem Posten beim Militär verdrängte. In der Armee diente er sich nach oben, rücksichtslos gegen sich und andere. Um in Schlüsselpositionen zu gelangen, musste er in die Politik einsteigen. Der erste Schritt dazu war die Ehe mit einer patrizischen „Prinzessin“ aus dem Haus der Julier – so wird Caesar später sein Neffe.
Nun geht es aufwärts. Als Volkstribun setzt er einige Bestimmungen zugunsten des Lumpenproletariats durch, gewinnt damit Wählerstimmen für die nächste Stufe der Ämterlaufbahn. Den Rest besorgt das Geld der Julier. Marius wird zum Prätor gewählt, bald auch, aufgrund militärischer Tüchtigkeit, in einer für die Republik peinlichen Situation, zum Konsul. Er besiegt den rebellischen Numiderkönig Jugurtha, der die Weltmacht Rom durch die unerschöpflichen Ressourcen seiner Bestechungsgelder über ein Jahrzehnt an der Nase herumführte. Marius lässt sich nicht bestechen, deshalb siegt er. Der Senat lohnt es ihm, da die Armee hinter ihm steht, mit einem Triumph. Ob man ihn zum anschließenden Dinner einlud, bleibt fraglich.
Homines novi, neue Männer, nennt man damals in Rom Leute, denen es ohne die Zugehörigkeit zur oberen Gesellschaft, ohne alten Adel, aber mit neuem Geld gelang, im Staatsleben eine Rolle zu spielen, und man rümpft die Nase über solche Emporkömmlinge. Es ist zu vermuten, dass es Marius gleichgültig gewesen ist, wie sie von ihm dachten. Ihm kam es mehr auf die Ausübung von Macht an als auf ihre äußeren Formen. Sallust, der den Feldzug gegen Jugurtha beschreibt, lässt ihn sagen: „Ich glaube zwar, dass von Natur alle gleich sind, aber dass der Tapferste auch der Edelste ist.“
Das ist ein hübscher Zweckausspruch. Ganz sicher hielt Marius nicht alle für gleich von Natur aus. Aber die Töne, die hier angeschlagen werden, klingen durch eine lange Reihe von Jahren weiter. Solche und ähnliche, im Grunde antiaristokratische Sentenzen werden zum Renommierprogramm einer politischen Partei, die sich populares nennt und deren Haupt Marius bald sein wird.
Zunächst aber zieht er noch einmal in den Krieg, und diesmal sind Volk und Senat von Rom vor ernster Bedrohung zu bewahren: Die Germanen kommen.
Im Jahre 115 v. u. Z. hatten Sturmfluten in Jütland gewütet. Eine Reihe germanischer Völker hatte ihre Heimat verloren. Große Trecks mit Viehherden und hölzernen Karren, deren Räder aus geschlossenen Scheiben bestanden, zogen gen Süden – auf der Suche nach neuem Land. Andere Völker setzten sich zur Wehr oder wichen vor der Übermacht der wehrhaften Kimbern, das heißt, sie gingen ebenfalls auf Wanderschaft. Wie eine Lawine rollte die „Völkerwanderung“ nach Süden.
Keltische und germanische Gruppen schlossen Bündnisse miteinander, gegeneinander, die nördliche Welt geriet in Aufruhr, Teutonen und Kimbern erreichten die römischen Alpen, die Helvetier wurden von den Sueben nach Gallien abgedrängt. Näher und näher zum Kern des römischen Imperiums fluteten die Heimatlosen, Verzweifelten und Kampfgewohnten. Denn schon Gallien, aber erst recht die Schweiz und Norditalien galten als unbestrittener Kolonialbesitz der Weltmacht Rom.
Mit der ganzen Verachtung einer Hochkultur gegenüber „Primitiven“ und der ganzen Angst Besitzender vor Habenichtsen und Barbaren sieht man in Rom die Entwicklung im Norden. Man entschließt sich, Marius und seine Legionen marschieren zu lassen, und versieht den Feldherrn in der Periode der Abwehrkämpfe fünfmal hintereinander mit dem Konsulat, der höchsten Exekutivgewalt der Republik.
Marius, mit dem Scharfblick des Praktikers und dem Rigorismus des Soldaten, greift zu einschneidenden Veränderungen innerhalb der Armee, ehe er sich den um ihre Existenz kämpfenden Völkern des Nordens stellt. Er reformiert das Heer.“
Ebenfalls im Verlag Neues Leben Berlin war ein Jahr vor ihrer Cäsar-Biographie der Roman „Die stillen Römer“ von Waldtraut Lewin erschienen: Rom zur Zeit des Kaisers Augustus, Stadt der Verzweiflung und der Hoffnung. Hier kreuzen sich die Lebenswege von vier jungen Menschen. Da ist das Mädchen Tabea, das drei alte Weiber die Kunst lehren, den Körper zu verkaufen. Und da ist der Bauer Mamercus, der sein Leben einem grausamen Kult weihen muss, weil sein Dolch den Senator Spurius Cotta verfehlte. Da ist der Sklave Pamphilus, der die ihn prügelnde Herrin liebt und flieht, ehe er daran zerbricht. Und da ist Manius, der Sohn der angesehenen Familie der Arruntier, der die geheimnisvollen Beziehungen seines Hauses zu einer stummen Weberin im verrufensten Viertel entdeckt. Sie alle leben in Rom, sie alle sind Rom, diese Stadt des wilden Mordgeheuls in den Arenen und der stummen Opfer in den stillen Gassen. Der Leser von Lewins erstmals 1977 ebenfalls im Verlag Neues Leben Berlin veröffentlichten Roman „Die Ärztin von Lakros“ wird sich freuen, von dem tragischen Schicksal der Insel und ihrer Bewohner zu erfahren. Hier der Bericht eines Menschen, der auf der untersten Stufe der damaligen Gesellschaft steht:
„Sklavenbalg
Pamphilus sucht vergeblich, sich seiner Eltern zu erinnern. Das Bild der Herrin hat alles ausgelöscht. Dabei ist er zweimal verkauft worden. Das erste Mal als Säugling. Da waren die Schulden seinem Vater so über den Kopf gewachsen, dass etwas geschehen musste, wollte er sich nicht selbst in Schuldsklaverei begeben. Pamphilus war das jüngste Kind des Schusters aus der Vorstadt. Er wurde an eine vornehme Dame verhandelt, die ihn als ihren eigenen Sohn ausgab, um nach dem Dreikindergesetz ihr Vermögen zu behalten. Da hätte er es sicher gut gehabt. Aber die Verwandtschaft zeigte die Dame an, und der Handel wurde nach wenigen Wochen rückgängig gemacht. Pamphilus war wieder zu Hause bei den fünf Geschwistern, der zumeist betrunkenen Mutter, dem verhärmten Vater und lächelte so zufrieden in den dreckigen Lumpen, wie er in den rot gestickten Glückstüchern der Dame gelächelt hatte.
Beim zweiten, endgültigen Verkauf war er vier Jahre alt. So lange immerhin hatte der Vater es verstanden, sich durchzulavieren. Eines Tages küsste ihn die Mutter mit ihrem Weinatem, der Vater nahm ihn an die Hand und brachte ihn zur Herrin Portia.
So jedenfalls muss es gewesen sein, denn, wie gesagt, Pamphilus erinnert sich an nichts. Sein Leben beginnt erst danach.
Die Herrin Portia ist göttlich, anbetungswürdig und furchtbar. Sie ist das für ihn, was sie auch für einen Hund wäre. Man schaut zu ihr auf, also ist sie riesig groß. Ihr Gesicht scheint aus gelbem Stein zu sein. Sie schaut einen nie an und trägt leuchtende Gewänder.
Pamphilus wächst in einem Winkel in der Küche auf. Dort liegen die Felle und das Heu, worauf er schläft. Dort hantiert die kleine libysche Köchin, deren Gesicht voller Narben ist und die kaum ein Wort Latein spricht. Hunger und Durst kennt Pamphilus nicht. Sie füttert ihn ganz gut. Dafür muss er ihr zur Hand gehen, Gemüse putzen, Suppe rühren, Teller spülen von früh bis spät. Sie schlägt ihn mit dem Holzlöffel oder mit dem Lappen, das tut nicht sehr weh. Portias Leibsklave Pulcher schlägt ihn und die Köchin mit der Lederpeitsche. Das tut sehr weh. Die Herrin schlägt ihn, die Köchin und Pulcher mit einem dünnen Bambusstock, aber vorher wird man am Türpfosten festgebunden — das tut so weh, dass man schon bei dem Gedanken daran eine Gänsehaut bekommt.
Mehr Leute gibt es nicht im Haus. Also die Herrin wird von niemandem geschlagen. Aber Pulcher, wenn er Wein getrunken hat und redselig wird, erzählt, dass der Herr, als er noch lebte, die Herrin geschlagen habe, und nicht zu knapp. Deshalb sei sie froh gewesen, als der alte Knasterbart krepiert sei und ihr das Häuschen und das kleine Vermögen hinterlassen habe.
Manchmal überlegt Pamphilus, wer nun wieder den alten Knasterbart habe schlagen dürfen, und wer den habe schlagen dürfen, der ihn, und so fort. Das Leben ist geheimnisvoll.
Pamphilus muss nicht nur der Köchin zur Hand gehen, sondern auch Pulcher und natürlich der Herrin. Er lernt nebenbei vielerlei Dinge. Bei der Herrin muss er nach ihrer Ansage die Steine des Rechenbretts hin und her schieben. Bald weiß er das Ergebnis immer genauso gut wie sie. Wenn er ihr rechnen hilft, ist er aufgeregt und angstvoll glücklich.
Die Gnädige muss rechnen, sagt Pulcher beim Wein, denn sie ernährt sich vom Wucher. Was Wucher ist? Ganz einfach. Man verleiht Geld in kleinen Summen an irgendeinen armen Schlucker, der es gerade braucht. Das ist sehr großmütig. Dafür muss derjenige ein Papier geben, darauf steht: Die alte Vettel Portia hat mir Geld geliehen. Das muss ich ihr bis zum Soundsovielten zurückzahlen und als Dank für ihre Großmut noch einmal die Hälfte der Summe dazu.
Die ganze Zeit über sitzt die Gnädige da, faltet die Hände überm Bauch und wartet, dass ihr Geld zurückkommt und Junge gekriegt hat. Macht keinen Finger krumm, die Hexe. Und dann erhält sie es entweder zurück oder nicht — wenn nicht, geht sie mit dem Papierchen zu den Ädilen und sagt: So und so, der Mann zahlt nicht.
Die Ädilen ziehen die Stirn in Falten, gehen hin zu dem Mann und fragen: Bursche, warum zahlst du nicht, du wortbrüchiger Hund? — Antwortet der arme Kerl: Meine Herren, das ist: deshalb, weil, ich hab’s nicht.
Dann, sagen die Ädilen, bist du ein Betrüger und willst die Herrin Portia um ihr redlich verdientes Geld bringen. Es hilft nun nichts, wir müssen dich in die Sklaverei verkaufen lassen. Und, schwupp, hat die Stadt Rom einen freien Mann weniger, auch wenn er barmt und kniefällig verspricht, das Geld irgendwie zu beschaffen — wie bloß? Da grinsen die nur. Und vom Verkauf kriegt unsre Gnädige ihr wohlverdientes Geld. Obgleich sie die Ädilen schmiert, bleibt noch genug für sie.“
Erstmals 1980 veröffentlichte Uwe Berger im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar „Der Schamanenstein. Menschen und Orte“: Uwe Berger schaut sich die Welt persönlich an, über die er schreibt. Das gilt auch für den dritten und letzten Band seiner Reiseimpressionen „Der Schamanenstein“, in dem er von Menschen und Orten nicht nur in Europa, sondern auch in Sibirien berichtet. Mit seiner Frau geht er, bewacht von riesigen Zirbelkiefern, am steinigen Ufer des Baikalsees entlang. Die unendlichen Wasser scheinen sich zu krümmen. Beide sprechen mit Ewenken, Burjaten und den Buddhisten eines Lamaklosters bei Iwolginsk. Die Mönche empfangen und verabschieden die Gäste mit milder Freundlichkeit. Am Ufer des Bratsker Stausees erzählt eine junge Frau von den Verbannten, die ihre Vorfahren waren, und von dem, was der Amerikaner George Kennan in seinem Buch SIBERIA AND THE EXILE SYSTEM im 19. Jahrhundert festgehalten hat. Im folgenden Ausschnitt sind wir allerdings nicht in Sibirien, sondern an der Oder und wir verstehen jetzt, warum Genossin Helga T. keine Zeit hatte, sich auf einem Streit mit dem Genossen Volkspolizisten einzulassen, sondern einfach davonfuhr:
„Die Frau mit dem Fahrrad
Auf dem herbstlichen Land, das sanft zur Oder hin abfällt, liegen die weit auseinandergezogenen neuen Wohnblocks von Schwedt. Der nach dem Krieg zurückgebliebene Rest der alten Stadt ist nur eine winzige Gruppe roter Dächer. Jenseits der Neustadt, durch sieben bis acht Kilometer unbebauter Gegend von ihr getrennt, erstrecken sich die Anlagen des Petrolchemischen Kombinats. Der lästigen Abgase wegen wurden Arbeits- und Wohnstätten in einigem Abstand voneinander erbaut.
Als wir die Schranke des Kombinats passiert haben, stehen wir vor Verwaltungs-, Klub- und Kulturgebäuden. Die betonierten, weit hinlaufenden Straßen mit den silbrig schimmernden Kessel- und Rohrsystemen zu beiden Seiten vermitteln den Eindruck einer in sich abgeschlossenen, eigenartigen Ortschaft. Immerhin nimmt diese Erdölstadt sechzehn Quadratkilometer Fläche ein. Achttausend Menschen arbeiten in ihr. Die Produkte der verschiedenen Werke sind Benzin und Heizöl, Faserrohstoffe, Wasch- und Düngemittel sowie Möbel. Eine neue Anlage wird von polnischen Bauleuten errichtet. Sie soll der Gewinnung von Futterhefe mithilfe erdölfressender Bakterien dienen. Ein großes Aromatenwerk ist geplant.
Ein Flugzeug gleitet niedrig davon. Es kontrolliert die Pipeline.
Zusammen mit der Genossin Helga T., einer Funktionärin der Gewerkschaft, wandern wir eine der glatten, sauberen Betonstraßen hinauf. Sie erzählt von „einem schweren Hammer“, einem schwerwiegenden Vorfall, der kürzlich passiert ist. Der „Kurzschluss“ im Kopf eines Anlagenfahrers, das heißt eine falsche Reaktion, löste einen Kurzschluss im Stromnetz aus. Alle Werke lagen still. Sie wieder in Gang zu bringen dauerte Stunden. Einige Sekunden ohne Strom brachten die Produktion für Stunden zum Erliegen. Der Verlust – den alle Arbeiter an den Prämien werden spüren müssen – betrug sieben bis acht Millionen Mark. Kein Wunder, dass man des Sünders nicht sehr freundlich gedenkt.
Groß ist die Verantwortung eines Anlagenfahrers, der einsam vor dem Schaltpult sitzt.
Milliardenwerte werden geschaffen, Pläne erfüllt und übererfüllt. Trotz mancher Schwierigkeiten. So verursachte die Düngemittelfabrik, die von französischen und englischen Firmen stammt, viel Ärger. „Da haben uns die Kapitalisten ein faules Ei ins Nest gelegt“, sagt unsere Begleiterin. Es kostete Mühe, bis dieses Werk in geplanter Weise arbeitete. Besucher aus den USA, fährt sie fort, hätten übrigens mit Kopfschütteln vernommen, dass komplizierte Anlagen, die bei ihnen in den Händen von Ingenieuren liegen, hier von weiblichen Facharbeitern gefahren werden.
Helga T., Mutter von zwei Kindern, ist als Chemiefacharbeiterin aus Leuna gekommen und hat das moderne Schwedter Kombinat in Gang bringen helfen. Auf ihren Anorak fallen lange Haarsträhnen. Sie ist schlank und schmal und schiebt ein Fahrrad, an dem vorn und hinten je ein Kindersattel befestigt ist. Was denn die Verkehrspolizei dazu meine, frage ich sie mit einem Blick auf die Sättel. Sie lächelt verschmitzt. „Einer wollte mich mal anhalten“, berichtet sie. „Aber ich musste mit meinen beiden Kleinen eilig zum Kindergarten, um pünktlich zur Schicht zu sein. So habe ich den Genossen gebeten, sich ein bisschen zu gedulden. Er stand verdutzt da und rief mir hinterher, so eine Frechheit sei ihm noch nicht vorgekommen.“
Bei den großen Entfernungen innerhalb und außerhalb des Kombinatsgeländes benutzen viele der Chemiearbeiter Fahrräder. Wir sehen diese praktischen Verkehrsmittel vor den Gebäuden der einzelnen Anlagen stehen. Über einem der Fahrradständer glänzt an der Hauswand in langen Metallbuchstaben die Inschrift: DSF in Aktion. Die Losung, die eigentlich keine mehr ist, erinnert daran, dass alles Erdöl, welches hier fließt, aus der UdSSR kommt.
Unser Ziel ist der Standort der Brigade „Nikolaus Kopernikus“, die zusammen mit anderen Rohstoffe für die Waschmittelindustrie produziert. „Das weiße Zeug da“, bemerkt Helga T. und zeigt auf eine Reihe von durchsichtigen Säcken an einer Rampe, zu der Gleise führen. „Die Herstellung ist automatisiert, aber das Verladen geschieht immer noch mit Hand. Hier plagen wir uns ganz schön!“ Ich frage, woher der Brigadename kommt. „Ach“, antwortet sie. „Der ist mehr Zufall. Um ihn zu erhalten, sind die Kollegen an das polnische Informationszentrum herangetreten. Kopernikus war ja Pole. Sie hofften, dadurch einen dauernden Kontakt zu den Polen zu bekommen. Aber es hat nicht so recht geklappt. Der Name ist ihnen geblieben.“
Vor einem Gebäude machen wir halt. Sie stellt ihr Fahrrad zu den anderen vor die Tür, und wir gehen hinauf zum Klubraum, wo uns anderthalb Dutzend Menschen erwarten. Diese prüfen mich im Gespräch erst einmal und stellen mir verfängliche Fragen. Dann taut das Eis allmählich. Der „Einmannarbeitsplatz“ herrscht bei ihnen vor, und das Kollektivbewusstsein realisiert sich mehr auf abstrakter Ebene. Die Neustadt von Schwedt ist außerdem ohne Tradition und kulturelles Hinterland. Um so mehr sind viele an kulturellen Problemen interessiert und suchen das gesellige Beisammensein in der Freizeit.
Auf dem Rückweg bin ich mit meinen Gedanken beschäftigt. Auch Helga T., die uns wieder begleitet, ist einsilbig. Bevor wir uns von ihr verabschieden, sage ich: „Ihr habt wohl etwas anderes erwartet?“ Und sie antwortet: „Das stimmt. Wir waren nicht richtig informiert. Entschuldigen Sie.“ Ihr hageres Gesicht bleibt unbewegt. „Aber ich glaube, dass wir trotzdem voneinander gelernt haben.“
„Machen wir keine Phrasen.“
Sie sieht mich von unten an, und der Schimmer eines Lächelns geht über ihre Züge.
„Holen Sie jetzt Ihre Kinder ab?“, frage ich und zeige auf das Fahrrad, das sie in den Händen hält.
„Nein. Das hat mein Mann schon getan.“
„Kommen Sie gut heim“, sage ich.
Eine blaugraue Dämmerung senkt sich über das weite Gelände mit der menschlichen Technik, als wir, im Bus fahrend, Schwedt hinter uns lassen. Alle Konturen sind von feinem Dunst verwischt.“
Und jetzt hätte man gern noch gewusst, wie es eigentlich Genossin Helga T. bis zur und vor allem nach der Wende gegangen ist, ob sie in der Partei geblieben ist oder ausgetreten war, ob sie schnell wieder Arbeit gefunden und in Schwedt geblieben ist und natürlich auch, ob die Frau mit dem Fahrrad noch Fahrrad fährt …
Manchmal machen einen die Schriftsteller so mit Menschen bekannt, dass man eben gern mehr von ihnen erfahren möchte. Und das gilt nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für Zeiten, die weit entfernt der unsrigen sind, als Zustände wie im Alten Rom herrschten, wie man es etwas salopp formuliert sagen könnte. Immer aber geht es um Menschenschicksale und darum, wie die jeweiligen Figuren das Leben meistern. Und so unterscheiden sie sich nicht viel von uns …
Viel Vergnügen beim Lesen und beim Schließen neuer Bekanntschaften, Frohe Ostern und vor allem aber eine gute, gesunde und Corona-freie Zeit und bis demnächst. Und bleiben Sie schön gesund und munter!

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