Wiedersehen mit Jutta, eine Frau auf dem Fensterbrett, ein neuer Auftrag für Privatdetektiv Krey–5 E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Pinnow, 31.01.2020 (lifePR) – War es nicht sogar Bertolt Brecht, der bald 122-Jährige, der sich für Krimis begeisterte und sogar ein System der gängigsten Muster für dieses literarische Genre aufgestellt hatte? Immerhin drei der insgesamt fünf Angebote, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 31.1.20 – Freitag, 7.2. 20) zu haben sind, laden den Leser dazu ein, mitzudenken und Verbrechen aufzuklären – soweit ihm die drei Autoren die Möglichkeit dazu geben.
In „Das Quartett“ von Wolfgang Schreyer bekommt es Kriminalkommissar Wendt nicht nur mit einem großen Fall zu tun, sondern auch mit seiner eigenen Vergangenheit.
Falschgeld“, so lautet der Titel des Kriminalromans von Heiner Rank und genau darum geht es auch – um immerhin hundertundfünfundsiebzigtausend D-Mark in gefälschten Fünfzigmarkscheinen.
Der dritte Krimi stammt von Klaus Möckel. „Auftrag für eine Nacht“ ist nach „Eine dicke Dame“ zugleich der zweite Roman mit Gunther Krey, ehemaliger Kriminalist und seit kurzem Privatdetektiv. Allerdings gerät der Aufpasser diesmal selbst unter Mordverdacht.
Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Und da hat die Literatur schon immer ein gewichtiges Wort mitzureden und heute erst recht. In dem heute vorgestellten Buch steckt nicht nur viel Phantasie und Erfindergeist, sondern sein Autor stellt auch eine Reihe von Gedankenexperimenten, was würde passieren, wenn man nicht daran denkt, welche Auswirkungen heutige Entscheidung auf künftige Entwicklungen haben könnten. Und damit sind wir beim Thema der Verantwortung der heute Lebenden für die künftigen Generationen oder wie es erst vor ein paar Tagen die Greta Thurberg aus Afrika, die 18-jährige Klimaaktivistin Natasha Mwansa aus Sambia, vor dem Weltwirtschaftsforum im Schweizerischen Davos erklärt hatte: „Gut, die alte Generation hat Erfahrung. Aber wir haben Ideen, wir haben die Energie und wir haben die Lösungen für die Probleme von heute und auch die zukünftigen“, ließ sie die Zuschauer wissen und erntete dafür Lacher und spontanen, begeisterten Applaus. „Entweder ihr tut euch mit uns zusammen, oder wir müssen es allein machen. Wir haben genug Macht“, warnte Mwansa. Und das kann man als Warnung verstehen, aber auch als ein Angebot – im Sinne der gesamten Menschheit und ihres, unseren Planeten Erde.
Erstmals 1996 veröffentlichte Alexander Kröger im Krögervertrieb Cottbus „Die Mücke Julia. Fantastische Geschichten“. Das E-Book basiert auf der überarbeiteten und um neue Geschichten erweiterten Fassung, die 2011 im Projekte Verlag Halle erschienen war: Eine erotische Zeitreise, das Unheil der naiven Mücke Julia, eine tragische Klon-Story, das Opfer einer „Lautloser“-Erfindung, das „Restrisiko“ eines geheimen Atomreaktors oder wie Nils Main sein Schabenweibchen kennenlernt …
Ist die Emanzipation bereits am Ende? Weiß man, was bei Aschenbrödel wirklich geschah …? Ein breites Spektrum voller Einfälle – und nicht zuletzt mit Bezügen zu aktuellen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen unserer Zeit. Hier der Beginn der Titelgeschichte des Bandes. Julia, die Mücke, scheint etwas Besonderes zu sein:
„Die Mücke Julia
Julia saß auf der Unterseite des Eichenblattes. Der leichte Wind ließ das Laub erzittern, was sich ihrem zarten Körper auf eine höchst angenehme Weise mitteilte.
Sie saß entspannt, hatte die Füße auf der wächsernen Blatthaut angesaugt, aber alle Knie hielt sie bewusst locker. Fauchte eine Bö heran, die das Blatt anhob und kräftig auf und nieder wippen ließ, federten so ihre Beine wie selbsttätig mit. Am schönsten jedoch war es, wenn sich Wippen und Zittern überlagerten. Stundenlang konnte Julia so zubringen, zum völligen Unverständnis der Gefährten.
Schon lange hatte der säuselnde Luftzug die Morgenfeuchte hinweggetrocknet. Längst nicht mehr klamm, hätte Julia wie die anderen zum Frühstück aufbrechen können, zumal die Sonne schon beträchtlich an Höhe gewonnen hatte, das angenehmste Flugklima also bald vorüber sein würde. Sei’s drum! Der Regen der letzten Tage hatte den Nektar und die übrigen Pflanzensäfte ohnehin so verwässert, dass sie beinahe nach nichts schmeckten. Und schier kübelweise musste man das Zeug einsaugen, um einigermaßen satt zu werden. Und was war? Man wurde schwer und müde, doch nach wenigen Stunden quälte einen der Hunger erneut. Nein, das war nichts für Julia! Lieber am Tag nur einmal, dafür aber eine kräftige, vor allem jedoch wohlschmeckende – was heißt wohlschmeckende – eine exquisite Delikat-Mahlzeit! Für solches aber war die Zeit der Dämmerung die beste. Nein, da wollten die meisten ja tanzen, sich irr umsummen bis zur Ekstase, bis die Nachtkühle die Flügel starr und müde machte, sodass man dann kaum mehr einen ordentlichen Schlafplatz fand, sondern froh war, irgendwo unterzukriechen und ruhen zu können. Kein Wunder, dass der erste Regenschauer, ein starker Windstoß so manches Mückenleben unverhofft und oft qualvoll beendeten.
Mitunter hatte sich Julia schon gefragt, ob sie womöglich anders, ein wenig anormal geartet sei, dass ihr das, was den anderen Jugendlichen Freude bereitete, gar so wenig gab. Freilich, in ihrer Methode der Nahrungssuche blieb sie schon nicht allein. Vor allem die älteren Muttermücken kamen für ihre Brut mit dem Saftgeschlappere nicht aus, und sie suchten Kräftigeres. Dann gab es noch die paar Abenteurer, die tollkühnen Halbstarken, die den Gefahrenkitzel probierten, sich danach brüsteten, wie vielen Totalschlägen sie entronnen seien. Und kamen sie abgehetzt zurück, stürzten sie sich vor Hunger auf blanke Stängelsäfte. Und so manche von den Prahlhälsen kehrten überhaupt nicht wieder nach einem solchen Ausflug. Deshalb wäre es Julia nie eingefallen, ihre Nahrungsflüge in Gruppe zu unternehmen.
Allerhöchstens konnte man sich mit einer erfahrenen Muttermücke zusammentun und sich auf den Ablenktrick einlassen, aber eben nur dann, wenn sich auf einfachere Art nichts beschaffen ließ; denn ein Risiko blieb es immer, vor allem für den, der die Aufgabe übernahm, nahe am Ohr des Nahrungsspenders zu summen, bis der Gefährte an anderer Stelle den roten Met erbohrt und genügend davon ersaugt hatte. Das Gesumme aber machte die Opfer allergisch.
Auf den, der an zweiter Stelle abzulenken hatte, wurden dann meist gezielte Angriffe geführt. Nein, der Alleingang blieb da noch immer das Risikoärmste – allerdings musste man ihn auch sicher gestalten. Man musste zunächst wissen, wo und wann sich günstige Gelegenheiten auftaten.
Wieder einmal dachte Julia dankbar an das, was Muhme Lolitta ihr vermittelt hatte. Schon vielen Gefahren war sie nach den Ratschlägen der Alten entronnen, obwohl zu ihrer Zeit die Nahrungssuche noch bedeutend einfacher war. Es sollten am Wasser die unbedeckten Opfer, Menschen genannt, in Scharen herumgelegen, des Nachts in labilen, leicht zugängigen Gehäusen tief geschlafen haben. Wenn Lolitta davon schwärmte, lief einem das Wasser im Rüssel zusammen. Was war dagegen jetzt! Gleichsam von heute auf morgen waren sie ausgeblieben, diese Nackten. Statt dessen wurden mit Lärm und penetrantem Gestank widerliche, die Tracheen verstopfende Stäube herbeigeschafft, verschüttet, aufgewirbelt, wurden stickige Dämpfe entwickelt, sodass jede vernünftige Mücke, von Weitem gewarnt, kehrt machte.
Aber Muhme Lolitta war alt. Sie hatte nicht mehr wahrgenommen, dass auch dieses schreckliche Geschehen sehr nachgelassen hatte, und sie wusste auch nichts von jener Menschengruppe, die sich gar nicht so weit entfernt vom Brutplatz aufhielt und die Julia ganz allein entdeckt hatte. Bei diesem Gedanken verspürte sie einen unbändigen Appetit. Sie malte sich aus, wie sie erneut – gefahrlos, wie sie meinte – vorgehen würde: Lange vor der Dämmerung hieß es aufbrechen, so käme sie auch wieder um die Ausrede herum, warum sie abermals nicht mit zum Tanze wolle; denn bevor die anderen sich besannen, war sie längst über alle Berge. Julia wusste, dass jene Menschen mit weitgehend unbedecktem Oberkörper bis zum Einbruch der Dämmerung sich in steter Bewegung befanden. Ihr Duft betört einen von Weitem! Und gerade die Bewegung, auf die Julia baute, war es, was andere Mücken von vornherein abschreckte, aber just sie ist es, die die gesamte Aktion verhältnismäßig gefahrenarm machte.“ Und damit zur ausführlicheren Vorstellung der anderen Angebote dieses Newsletters.
Erstmals 1994 erschien bei Eulenspiegel – Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH der Kriminalroman „Das Quartett“ von Wolfgang Schreyer: Ein verfilzter Fall für Kriminalkommissar Wendt: Mehr als zwanzig Jahre nach dem Abitur muss er gegen seine früheren Schulfreunde ermitteln. Der gewaltsame Tod des ehemaligen Zeichenlehrers hat aus dem Quartett von damals ein Trio gemacht, und jedes der Mitglieder ist auf seine Art in den Mordfall verwickelt. Kommissar Wendt wittert ein Wirtschaftsdelikt im ganz großen Stil. Zum Reinlesen hier der Beginn des 4. Kapitels:
„Drei Tage vor Silvester fuhr Christian Wendt nach Rügen, in Jutta Fischbecks Staatskarosse. Ihr Ziel im hügligen Südosten hieß noch immer Föhrenhorst. In den fünfziger Jahren war die Fachwerkvilla das Landheim der Oberschule gewesen. Dem Greifswalder Bodden näher als der See, lag das Haus im Nadelwald zwischen der Steilküste und einem Hünengrab. Zuletzt Jugendherberge mit Zeltplatz, hatte Kutte Ballhorn, einst Wendts Banknachbar, es von der Treuhand gepachtet und in ein dürftiges Hotel verwandelt, das außerhalb der Saison schlecht lief.
Nieselregen und der Ausblick auf fade Geselligkeit, ein Wiedersehen von Leuten, die sich fremd geworden waren. Betrieben durch zwei Mitschüler, die, invalide oder arbeitslos, ihre Tage mit Rundschreiben füllten, um das Ergebnis – Terminvorschläge und Adressenlisten – gesamtdeutsch auszubreiten. „Personen: Die Ehemaligen mit ihren Damen und Herren.“ Nur gut, dass auch Jutta allein kam. Sein Jugendschwarm reiste ohne ihren Partner an, den Dr. Jungblut, Staatssekretär des Wirtschafts- oder des Finanzressorts zu Schwerin. Sie hatte Wendt dienstlich erreicht, im Kriminalkommissariat, und ihn ermuntert, sie zu begleiten. Und es war ihm misslungen, sich dem Klang ihrer Stimme und dem Sog der Erinnerungen zu entziehen.
Er fand sie noch immer schön, besonders im Profil. Dunkel und groß ihre Augen in den feinen Zwiebelhautfältchen der Lider, die Nase schwach gebogen, das braune Haar flott um den Hinterkopf gesteckt, ungefärbt, wie ein graues Büschel apart verriet. Das Traummädchen nun als Dame und Entscheidungsträgerin. Nur ihretwegen hatte er damals für das Quartett den Macher und Laufburschen gespielt!
Wendt wusste, er hatte sie so heftig begehrt wie später bloß noch Jenny, seine zweite Frau; ihr aber nie etwas bedeutet. Der Umkleideraum im Föhrenhorst fiel ihm ein, Kuttes Entdeckung, dass es sich durch einen Fleck im Mattglas hinüberspähen ließ zu den Girls. Die Sensation des Sommers 57, Fischi unter der Dusche, es war wie ein Blitzschlag gewesen, die Figur so vollkommen wie das Gesicht! Zucker, wahnsinnig süß, hatte Kutte gestöhnt. Ihr im Schutz der Verjährung die Sünde gestehen? Es kam ihm selbst heute noch anstößig vor, absolut verfehlt.
Während sie in strömendem Regen durch Putbus fuhr, vorbei an dem triefenden Schlosspark, am Theater, all dem welken Pomp der versunkenen Residenz, fragte er sich, was er noch immer an ihr fand. Es konnte eigentlich nur Sehnsucht sein, Heimweh nach der eigenen Jugend. Die Zeit der Unschuld, als das Leben noch hübsch überschaubar vor einem lag. Oder imponierte es ihm, wie weit sie’s gebracht hatte? Im zweiten Sprung, nachdem ihre Bühnenlaufbahn versandet war. Da hatte man ab 76 nichts mehr von ihr gehört.
„Föhrenhorst, das war wohl Prills Idee“, sagte er an dem Rondell, das nach einer blassen Erinnerung Circus hieß.
„Kann schon sein, Chris.“
„Kutte Ballhorn zuliebe. Um ihm ein bisschen aufzuhelfen.“
„Der ist dem Prill doch schnurz. Wer nichts wird, wird Wirt, hat er mir gesagt.“ Jutta lächelte anders als früher, der Schalk saß ihr nicht mehr in den Augen, nur noch um den Mund.
„Langweile ich dich?“, fragte er.
„Keineswegs. Ich mag doch die alten Geschichten.“
Wendt schwieg, als gelte es, einem Streit auszuweichen. Dabei war sie kaum anderer Meinung als er, sie stritt überhaupt nicht mit ihm, das bildete er sich bloß ein. Was ihn verdross, war der Abstand, ihre augenfällige Wichtigkeit; Juttas Art, zu urteilen und stets kompetent zu sein. Ein Selbstwertgefühl, das ihre Stimme seit jeher dunkel färbte. Früher zog sie’s einzig aus der Erscheinung, dann wuchs es ihr aus Triumphen am Theater und beim Fernsehen zu. Und heute aus dem Rang in der Regierung und Gesellschaft. Ihr Lächeln war reine Höflichkeit. Sie strahlte den Geist der politischen Klasse aus, mit Rücksicht auf die Wähler leicht verdeckt. Glanz ohne Wärme, das enttäuschte ihn an ihr. Was trieb sie zu dem Klassentreffen? Vielleicht ging sie nur auf Stimmenfang für ihren Mann.
Gewiss, meint Jutta Fischbeck im Quietschen der Scheibenwischer, der Mensch kann in Putbus überleben, sogar auf Rügen, doch das wahre Leben spielt in Schwerin … So jedenfalls hat sie vor gut drei Jahren beim Neubeginn gedacht, dem Start im Kultusministerium. Die Chance verdankt sie ihrem Mann, dem Bürgerrechtler aus der Wendezeit, und den Auskünften der Gauck-Behörde, bei der ihre Opferakte liegt. Opfer, das klingt stark übertrieben, so hat sie sich selber nie gesehen. Weil es nach der Affäre Biermann für sie zwar keine Fernsehrollen, doch immer noch das Synchronstudio gegeben hat.
Was will sie im Föhrenhorst? Herausfinden, wer von ihnen damals gespitzelt hat? Schön wär’s, das nach all der Zeit zu erfahren, viel Hoffnung freilich hat sie nicht. Die Anhaltspunkte sind vage, der Denunziant taucht nur am Rande bei ihr auf. „Tamara“ hat sich die Person genannt, und niemand in Waldeck oder in Berlin kann ihr sagen, wer das gewesen ist. Womöglich der Mann neben ihr? Schließlich hing Christian Wendt auch dann noch wie eine Klette am Quartett, als er nach dem Unfalltod seines Vaters abging von der Schule. Und dann hat er’s bei der Volkspolizei zum Hauptmann und Chef der Mordkommission gebracht, im Rostock der späten achtziger Jahre. Treuer Genosse bis zuletzt.
Dazu würde immerhin auch passen, dass „Tamara“ über sie selber so gut wie nichts gemeldet hat. Nichts Negatives jedenfalls. Wendt ist in sie verliebt gewesen … Sie spürt ein leichtes Ergriffensein, vielleicht berührt es sie ein wenig, dass jemand es nicht fertigbrachte, ihr zu schaden? Aus der Zeit um den Bau der Berliner Mauer ist keines ihrer kritischen Worte bis zur Stasi gelangt. Das fing erst später an, auf der Schauspielschule und beim Theater, wo es „Tamara“ ja nicht gab.
Erstmals bereits 1962 hatte Heiner Rank beim Deutschen Militärverlag seinen Krimi „Falschgeld“ veröffentlicht: Das Haus lag in Moosach, einem Vorort in München. Von der Straße führte ein etwa dreißig Meter langer Weg auf das Gebäude zu. Das Haus schien still und dunkel, die Jalousien waren heruntergelassen. Es war der achte Juni 1960. Genau um dreiundzwanzig Uhr bog ein steingrauer Mercedes mit dem Wort POLIZEI vorn und hinten auf dem Dach in die Dachauer Straße ein. Am späten Nachmittag hatte die Polizei einen anonymen Anruf erhalten, in dem mitgeteilt wurde, dass sich in Moosach, Dachauer Str. 198, eine Falschmünzerwerkstatt befinde. Mit Gewalt verschafften sich Krapp und sein Assistent Zutritt zu dem Haus. Was sie dort zu Gesicht bekamen, ließ sie erstarren. Offensichtlich standen sie nicht nur einer gut ausgerüsteten, sondern auch gut organisierten Bande gegenüber. Von den Tätern keine Spur, doch das sollte sich schon in den nächsten Minuten ändern… – und so geht es einige Seiten nach dem Anfang des Buches weiter mit der zumindest teilweise erfolgreichen Durchsuchung des Anwesens:
„Nach längerem Nachdenken erinnerte sich Krapp der geheimnisvoll verschwundenen Wesen, die diese schöne Werkstatt eingerichtet und betrieben haben mussten. „Wachtmeister“, sagte er, „wir durchsuchen jetzt das Haus. Die draußen sollen aufpassen, dass uns keiner durch die Lappen geht.“
Dann machten sich Krapp und Stemmler an die Arbeit. Sie durchwühlten Raum für Raum, vom Keller bis zum Dach. Im Verlaufe von zwanzig Minuten hatten sie drei Leute ans Licht gezerrt. Einen etwa fünfundvierzigjährigen, schmächtigen Mann mit den zartgliedrigen, schmalen Händen eines Feinmechanikers. Er hatte eine Nickelbrille mit starken Gläsern auf der Nase und trug über seinem zerknitterten braunen Anzug einen blauen Kittel. Krapp und Stemmler hatten sich anstrengen müssen, den widerspenstigen Zwerg aus dem leeren Speichergefäß der Warmwasserheizung unten im Keller hervorzuholen, in das er sich verkrochen hatte. Bis jetzt tat er so, als wäre er taub und stumm, und starrte mit funkelnden Brillengläsern böse vor sich hin. Nur einmal, als ihm der Inspektor ein dickes Paket falscher Fünfzigmarkscheine aus der Jackettasche zog, stieß er einen hohen, quiekenden Schrei aus, vermutlich, um seine Wut und Entrüstung über eine derartige Behandlung auszudrücken. Nummer zwei entdeckten sie in einem Kleiderschrank im Obergeschoss unter einem Haufen Lumpen. Es war ein blonder, zur Fettleibigkeit neigender junger Mann von vielleicht achtundzwanzig Jahren. In seinen Taschen fand man ebenfalls ein Bündel frischer Fünfzigmarkscheine und einen Personalausweis, aus dem Krapp ersehen konnte, dass der Jüngling Jürgen Steinberg hieß und von Beruf Chemie-Laborant war.
Schließlich konnte auch die Frau aufgespürt werden, die sich raffinierterweise einfach auf ein Fensterbrett gestellt und in den roten, nicht ganz bis zum Fußboden hinabreichenden Plüschvorhang gewickelt hatte. Auch sie trug Fünfzigmarkscheine in ihrer Schürze. Der Inspektor war sich nicht sicher, ob man sie überhaupt gefunden hätte, wenn nicht der Hustenanfall gewesen wäre, der sie in ihrem etwas staubigen Versteck überfallen hatte. Doch Stemmler äußerte den klugen Gedanken, dass sie ja bereits an der Tür gesehen worden war. Man hätte also unbedingt so lange suchen müssen, bis sie gefunden worden oder vor Entkräftung vom Fensterbrett gefallen wäre.
Die drei Festgenommenen hatten sich offensichtlich verschworen, der Polizei durch hartnäckiges Schweigen das Leben schwerzumachen. Trotz aller Bemühungen des Inspektors und seines Assistenten war kein Wort aus ihnen herauszuholen. So wurde die Frage, ob sich noch mehr Leute im Hause versteckt hielten, zunächst nicht beantwortet. Es blieb nichts anderes übrig, als weiterzusuchen. Mit stupider Gründlichkeit wurden alle Räume noch einmal auf den Kopf gestellt, Schränke, Betten, Kisten und Kästen auseinandergenommen, die Teppiche aufgerollt, Bilder heruntergeholt, Fußböden abgeklopft, die Kohlen im Keller auseinandergekratzt. Sie fanden niemand mehr. Im Hause sah es aus wie nach einem Wirbelsturm.
Krapp ließ Türen und Fenster verriegeln und stellte einen Posten in den Garten. Am Morgen des neunten Juni, kurz nach drei Uhr, räumte die Polizei das Grundstück. In dem steingrauen Mercedes wurde es etwas eng, als Krapp mit seinem Assistenten und seiner Beute eingestiegen war. Sie bestand aus drei Festgenommenen, einem Hund in einem Ledersack und hundertundfünfundsiebzigtausend D-Mark in gefälschten Fünfzigmarkscheinen.
Der Inspektor war fest überzeugt, dass sich im Hause keine Menschenseele mehr aufhielt und dass er sein Bestes getan hatte, das behaupten zu können. Doch leider hatte er zuviel mit den Händen und zuwenig mit dem Kopf gearbeitet.“
Und noch ein Kriminalroman: Erstmals 1992 veröffentlichte Klaus Möckel in der bekannten und beliebten DIE-Reihe (Delikte, Indizien, Ermittlungen) von Eulenspiegel Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH „Auftrag für eine Nacht“: Kreys zweiter Fall ergibt sich aus einem Auftrag für die Schönen und Reichen. Eine Nacht lang soll der Detektiv dem Unternehmer Kellenhorst, der in großer Gesellschaft ein Firmenjubiläum feiert, den oft betrunkenen und randalierenden Schwager vom Hals halten. Doch der Versuch misslingt, und nach einigen Turbulenzen kommt der Schwager unerwartet zu Tode. Krey gerät unter Mordverdacht, er muss Kopf und Kragen riskieren, um seine Unschuld zu beweisen. „Auftrag für eine Nacht“ ist ein Kriminalroman voller überraschender Wendungen. Grundstücksspekulanten und Mädchenhändler kreuzen den Weg des Detektivs, der sich in unruhiger Zeit mit Energie und List gegen alle Gefahren zu behaupten weiß. Am Beginn des 4. Kapitels aber befindet sich Kommissar Krey in einer etwas misslichen Lage und er hat einen Verdacht, den er nicht beweisen kann:
„Es war schon ein kitzliges und überaus unangenehmes Gefühl, das mich in diesen Nachtstunden gepackt hielt – am Nachmittag war ich in dem Bewusstsein aufgebrochen , für eine relativ einfache Arbeit ein hübsches Honorar zu kassieren; jetzt hätte ich gern auf das Geld verzichtet und sonst was darum gegeben, den Auftrag ungeschehen zu machen. Doch was passiert war, konnte ich nicht mehr ändern. Ich stieg die Treppe zu meiner Wohnung in der Talstraße hinauf, deren Hälfte ich in ein Büro umgewandelt hatte, und kam mir verkauft vor. Konnte ich mir wenigstens sicher sein, dass Isabelle Kellenhorst nichts mit dem Verbrechen zu tun hatte? Vielleicht hatte der Student tatsächlich belastendes Material gegen ihren Mann und sie gesammelt, und die ganze Geschichte war eingefädelt worden, um sich seiner auf meine Kosten zu entledigen.
Wie auch immer, jetzt war ich erst einmal zu Hause. Ich schloss die Tür mit dem glänzenden Messingschild Detektei Gunther Krey hinter mir und atmete zweimal tief durch. Mein nicht gerade komfortables Büro mit den abgenutzten Stühlen, dem altmodischen Kleiderständer, dem Rollschrank, dem mächtigen Besuchersessel und der grauen Auslegeware war mir lieber als jedes Appartement mit flauschigem Teppich. Ich schaltete das Licht ein und entdeckte einen Zettel am Boden, der unter der Tür hindurchgeschoben worden war. Ich erkannte die Handschrift gleich, sie stammte von Jeanette, meiner Freundin. Zwar wohnte sie jetzt wieder bei ihren Eltern – einige Wochen gemeinsamen Haushaltens hatten uns beiden nicht so gut getan wie zunächst angenommen -, doch das frischte die Sympathie neu auf. Meine Sympathie für sie jedenfalls, von ihr hoffte ich das gleiche.
Ich hob den Zettel auf, der Text war kurz. Jeanette teilte mir mit, dass sie von ihrer Griechenlandreise zurück sei und mich zu sehen wünsche. Es gäbe eine Menge zu erzählen.
Ich warf mich in einen Sessel, ein Hauch normalen Lebens streifte mich. Griechenland, richtig, sie hatte mit dem Bus eine Billigreise in die Gefilde der Klassik unternommen, von der sie heute zurück sein wollte; gestern hatte ich es noch gewusst. Vielleicht bekomme ich einen Tipp, wo man sich da unten verkriechen kann, dachte ich voller Galgenhumor. So lange, bis sie den Mörder eines gewissen Uwe Knef gefasst haben. Am Ägäischen Meer, am Fuße des Olymp abzuwarten, bis sich alles aufgeklärt hatte, war nicht schlecht.
Ich dachte es und rief mich sofort zur Ordnung. Ich durfte meine Zeit jetzt nicht mit Geplänkel vergeuden. Deshalb erhob ich mich wieder, zog das Jackett aus, das ich nur geborgt hatte und noch immer trug, setzte mich an den Schreibtisch. Dann begann ich nachzudenken, so scharf und konzentriert ich es vermochte.
Nein, es war nicht einfach ein Raubmord, ein zufälliges, sinnloses Erwürgen, weil das Opfer vielleicht erwacht war, als der Eindringling nach Geld gesucht hatte – es musste mehr dahinterstecken. Um allerdings die Frage zu klären, was das sein konnte, und der Lösung auch nur einen Schritt näher zu kommen, brauchte ich neue Erkenntnisse über den Toten. Ein Gespräch mit seiner Schwester wäre in diesem Zusammenhang bestimmt aufschlussreich. Schon bevor ich ins Taxi gestiegen war, hatte ich deshalb überlegt, ob ich nicht trotz meiner Absage vorhin am Telefon noch einmal in die Villa Kellenhorst zurückkehren sollte. Doch abgesehen davon, dass die Hausherrin und ihr Mann zweifellos sehr erstaunt gewesen wären, hätte es dann zwei Möglichkeiten gegeben. die mir beide gleichermaßen fragwürdig erschienen. Die eine, den Mord zu verschweigen und so zu tun, als sei nichts geschehen. Die andere, von dem Verbrechen zu berichten, alles so zu schildern, wie es sich zugetragen hatte. Im ersten Fall musste ich heucheln und würde die größten Schwierigkeiten haben, Isabelle Kellenhorst über das auszufragen, was mich brennend interessierte. Im zweiten war die Reaktion nicht absehbar. Ich hatte aller Wahrscheinlichkeit nach sofort die Kripo am Hals, konnte keinen Schritt mehr tun, ohne überwacht zu werden. Eine vertrackte Situation, wie man es auch betrachtete.
Nochmals die Party aufzusuchen war also nicht möglich, das Risiko zu groß, die Aussicht auf Erfolg gering, aber es gab ja noch diese Ännie und Knut Lowenstein, dessen Adresse ich mir notiert hatte. Mit ein bisschen Glück würde ich ihn aufstöbern, gleich am Morgen wollte ich es versuchen. Ich erhob mich erneut, ging ins Wohnzimmer hinüber, trat hinaus auf den Balkon. Die Straßenbahn fuhr um diese Zeit nicht mehr, doch von der Prenzlauer Allee und vor allem von der Wisbyer Straße, die inzwischen zu einer Verkehrsachse Ost – West und umgekehrt gehörte, dröhnte der Lärm nächtlicher Pkws und Trucks herüber. Jeanettes Zettel kam mir in den Sinn, Griechenland, wo es gewiss erholsamer gewesen war, und unvermutet drängte sich mir eine Idee auf. Sich am Ägäischen Meer zu verkriechen war natürlich Unsinn, ein kleines Verwirrspiel einzuleiten aber vielleicht von Vorteil. Kurz entschlossen verließ ich den Balkon wieder, ging zum Telefon und wählte zum zweiten Mal die Nummer der Kellenhorst-Villa.
Diesmal war es nicht Isabelle, diesmal meldete sich die Haushälterin, und es dauerte einige Minuten, bis ich Uwes Schwester selbst an den Apparat bekam. „Sie noch mal?“, fragte sie überrascht, „ist was passiert? Haben Sie vorhin etwas vergessen?“
„Nein, ich hab mich nur entschlossen, ein bisschen Urlaub in Griechenland zu machen, ich rufe vom Flughafen an.“
Sie schien verblüfft. „Nanu, davon haben Sie mir doch gar nichts erzählt. Wieso muss es denn so plötzlich sein? Und weshalb… entschuldigen Sie… rufen Sie dann mich an?“
Wenn sie etwas vom Tod ihres Bruders wusste, musste sie eine hervorragende Schauspielerin sein; anzumerken war ihr jedenfalls nichts. Ich erwiderte: „Wegen des Anzugs. Ich wollte Ihnen sagen, dass ich ihn doch noch nicht gleich vorbeibringe. Ich bin aber bald zurück und melde mich.“
„Der Anzug, das ist doch nicht so wichtig.“
„Trotzdem, ich dachte, ich sag’s Ihnen.“
Sie musste mich für völlig bescheuert halten oder für betrunken. Sie schwieg, legte jedoch nicht auf.
Noch eine Frage«, fügte ich hinzu. „Wer außer den Personen im Schwimmbad wusste, dass ich Ihren Bruder nach Hause fahre?“
„Niemand. Das heißt, mein Mann natürlich. Weshalb interessiert Sie das?“
„Nur so. Es kam mir vor, als würde uns jemand folgen.“
„Warum sollte man Ihnen gefolgt sein? Das haben Sie sich bestimmt nur eingebildet“, erwiderte Frau Kellenhorst.
„Kennen Sie eigentlich die Freundin Ihres Bruders? Wie heißt sie doch gleich? Als er aufwachte, hat er mächtig von ihr geschwärmt.“
„Freundin? Er hat mal die, mal jene“, sagte die Frau ungeduldig. „Aber das ist ein sonderbares Gespräch zu so später Stunde. Ich muss jetzt Schluss machen. Unsere Party geht zu Ende, und ich will ein paar Gäste verabschieden.“
„Natürlich. Entschuldigen Sie. Auf Wiedersehen.“ Sie zögerte dennoch. „Sie wollen wirklich jetzt verreisen?“
„Warum nicht. Das blaue Meer, die Sonne…“
„Na, dann wünsche ich Ihnen einen guten Flug.“ Und es klickte in der Leitung.
Ganz neu im Verlagsangebot ist als Eigenproduktion der EDITION digital – und zwar sowohl als E-Book wie auch als gedruckte Ausgabe das Buch „Geschichte lebendig halten – Erlesenes, Erfahrenes, Erlebtes. Versuch einer Chronik von Wolteritz und Lössen“ von Angelika Hofmann, die von Verlagschefin Gisela Pekrul herausgeben wurde – übrigens eine gebürtige Wolteritzerin: Von der ersten Besiedlung, von fast vergessenen Wüstungen, von Lössen, das dem Braunkohletagebau geopfert werden musste, und der in diesem Zusammenhang abgerissenen Buschkirche, von Wolteritz, seiner Kirche und der Siedlung von 1938 wird in diesem Buch berichtet. Ein Stück des Lebens, ein Stück gemeinsames Miteinander in Lössen und Wolteritz wurde in dieser Chronik aufgeschrieben und in Bildern wiedergegeben, so dass die Erinnerungen, die verblassen, die Ereignisse, die man vergisst, doch noch in Schriftform erhalten bleiben. Eine lückenlose Darstellung der Entwicklung der beiden Dörfer ließen die Quellen nicht zu. Es wurde auch etwas spät mit der Arbeit an den Chroniken begonnen, so dass wichtige Zeitzeugen inzwischen verstorben sind oder manche Dinge vergessen wurden. Trotzdem ist ein umfangreiches Werk der Kultur- und Zeitgeschichte entstanden. Als ein Beispiel dafür, wie diese Chronik geschrieben ist und was man daraus erfahren kann, hier ein Text über die Elektrifizierung und über die Kommunikation im Ort:
„Strom, Telefon und Post
Ab 1910 wurde auch in Wolteritz über die Elektrifizierung im Gemeinderat gesprochen. 1911 waren die Masten von Gerbisdorf nach Wolteritz aufgestellt worden, da der Strom vom Kulkwitzer Landkraftwerk kam. Im November 1912 einigte man sich mit dem Stromlieferanten, dass die Gemeinde das Land, worauf die Landkraftwerker den Transformator bauen konnten, unentgeltlich zur Verfügung stellt.
Ab 1913 gab es auf der Dorfstraße vier Straßenlampen (heute ca. 20). Die Gemeinde legte fest, dass die Ortsbeleuchtung in der dunklen Jahreszeit nur bis 20 Uhr zu brennen hat. Der Gastwirt musste das Licht unentgeltlich abschalten. Es gab bei einer längeren Zeche oder Feierlichkeit auch die Möglichkeit, das Licht länger brennen zu lassen, allerdings musste der Besteller sofort 20 Pfennig pro Stunde an den Gastwirt zahlen.
Zur gleichen Zeit kam auch die Telefonleitung, allerdings von Lössen aus. Die Gemeinde stellte dafür folgende Bedingungen an die Kaiserliche Oberpostdirektion: Der Weg sollte verbreitert werden und die Stangen sollten an beiden Seiten des Weges stehen. Die hiesige Post- und Telegrafenstelle sollte dem Wirt weiterhin überlassen werden. Ein sogenanntes Postzimmer wurde eingerichtet. Der Wirt bekam für jedes Telefongespräch 10 Pfennig. Der Wirt wurde ab 1.4.1920 für die Telefon- und Posthilfsdienste mit 50 Mark aus Gemeindemitteln entschädigt. Aus der Posthilfsstelle wurde ab 1.4.1924 von der Gemeinde eine öffentliche Stelle eingerichtet. Der Gastwirt verlangte für die Leistung 30 Goldmark oder 3 Zentner Weizen. Der Ortsschulze musste verhandeln.
Laut Adressbuch gab es 1924 in Wolteritz einen Privatanschluss und den öffentlichen in der Gastwirtschaft.
Mit der Elektrifizierung des Dorfes gab es für jeden Bewohner einiges zu tun, denn alle wollten ein helles Zimmer haben. Petroleum- bzw. Rübsöllampen sollten in der guten Stube der Vergangenheit angehören. Aber wiederum ging es doch nicht so schnell, denn die Landkraftwerke Leipzig-Kulkwitz inserierten z. B. 1917: Wer bis zum 1. März seine zukünftige Anlage anmeldet, kann bis zum 28. Februar 1918 kostenlos elektrisches Licht erhalten.
Nach 1990 wurden die Oberleitungen im Ort durch Erdkabel ersetzt. Am 28. Januar 1994 zog ein schwerer Sturm über unser Gebiet. In Rackwitz krachten mehrere Strommasten der 110 KV-Freileitung wie Streichhölzer weg. Etwa drei Tage war die Gegend und damit auch Wolteritz ohne stabile Stromversorgung.
Auch der Nachtwächter und Gemeindediener, welcher im Gemeindehaus zur Miete wohnte, wollte eine Veränderung. Er stellte 1918 den Antrag auf eine elektrische Anlage. Hierfür bewilligte der Gemeinderat einstimmig 150 Mark. Die Mehrausgaben sollte er tragen. Ein Jahr später stellte Gemeindediener Albrecht erneut einen Antrag für das Legen der elektrischen Leitung in die Wohnstube, hierfür wurden 30 Mark bewilligt.
Bis 1945 muss es nur sehr wenige Telefonanschlüsse gegeben haben. Später gab es dann, soweit mir bekannt ist, fünf Anschlüsse: LPG mit einigen Nebenstellen, Gemeindeverwaltung, Gemeindeschwester, Poststelle, Konsum.
Die Deutsche Post beabsichtigte 1983 auf Grund der Devastierung, zwischen Gerbisdorf und Wolteritz ein Fernmeldekabel zu verlegen. Das Kabel kreuzt die Kohleverbindungsbahn und das Pumpwerk. Grund war natürlich auch der Tagebauaufschluss. Vorteil dieser Verlegung: Wolteritz bekam „mehr“ Telefonanschlussmöglichkeiten. Waren es bisher fünf, sollten es in Zukunft neun sein.
Da ja damals nicht jeder telefonisch erreichbar war, war es ganz normal, Telegramme zu schreiben oder zu erhalten.
Eine Poststelle gab es in der Vergangenheit im Gasthaus, in den 50er/60er Jahren in der Siedlung Nr. 27 und später im Gemeindehaus. Bis Mitte der Fünfzigerjahre war das Austragen der Zeitungen von der Post getrennt. Frau B. war aufgrund ihrer geistigen Behinderung Analphabetin. Sie war sehr kommunikativ, hielt gern mal ein Schwätzchen und lehnte auch ein angebotenes Gläschen Likör nicht ab. Ihr Gang durch das Dorf zog sich dadurch in die Länge, so dass die letzten Kunden ihre Zeitungen erst sehr spät erhielten. Nach einer Beschwerde wurde die Zeitungszustellung an die Post übertragen.
Am 1.9.1986 begann als letzte Postfrau M. Handke ihre Tätigkeit. Jahre zuvor war Christa Hauwede die „Christel“ von der Post, vorher Frau Emele. Auf der Poststelle konnte man Geld über Scheck erhalten, Lotto spielen, Telegramme aufgeben und alle Postangelegenheit erledigen. Nachdem die Postfrau Zeitungen, Zeitschriften, Pakete und Briefsendungen angenommen hatte, wurde die Post in den späten Vormittagsstunden ausgetragen, in der Anfangszeit oft auch erst am Nachmittag.
Seit Anfang der 90er Jahre gibt es keine Poststelle mehr im Ort. Zeitungen werden heute über den Zeitungsvertrieb sehr früh zu den Lesern gebracht. Briefe und Pakete kommen nachmittags durch die Deutsche Post oder andere Unternehmen. Wurde vor der Wende von fast allen eine Zeitung abonniert, gibt es heute sehr wenige, die eine Tageszeitung lesen. Heute gibt es nur noch den Briefkasten, und wer sonstige Dienste der Post nutzen will, muss in die größeren Nachbarorte fahren.
Bevor man Geld über die Post erhalten konnte, gab es eine Nebenstelle der Sparkasse in dem kleineren Schulgebäude (Nachtwächterhaus), wo man seine Geldgeschäfte erledigen konnte. Das war ein großer Fortschritt, denn vorher wurde z. B. die Rente im Gasthof bar ausgezahlt. Da das an einem festgelegten Tag erfolgte, musste man lange anstehen und jeder passte auf, wie viel Rente der andere bekommt.
Nach 1990 veränderte es sich rasant. Bis 1993 hatte jeder, der wollte, einen Telefonanschluss. Über das Telefonbuch war jeder schnell zu finden, sogar eine Telefonzelle wurde im Dorf aufgestellt. 2013 wurde diese zurückgebaut, da sie nicht mehr benötigt wurde.
Nach 1990 gab es erste tragbare Telefone, die mit den heutigen Handys und Smartphones nicht mehr zu vergleichen sind. Man trug sie mit Schulterriemen und sie waren schwer.“
Nun, das war doch ein recht kurzweiliger Rückblick in frühere und teils nur knapp drei Jahrzehnte zurückliegende alte Zeiten, an die man sich heute oft gar nicht mehr so ganz genau erinnern kann. Da ist es gut, wenn jemand – wie in diesem Falle – Angelika Hoffmann – aufschreibt, wie es gewesen ist. Und das gerade noch rechtzeitig, so lange es noch Leute gibt, die dazu noch etwas sagen können. Man liest es jedenfalls mit Gewinn.
Viel Vergnügen dürften auch die drei recht unterschiedlichen Kriminalromane bereiten, in denen es ebenfalls um höchst unterschiedliche Fälle zu unterschiedlichen Zeiten geht. Und ganz nebenbei sind es die Schilderungen des jeweiligen Zeitkolorits, die diese drei Bücher für heutige Leserinnen und Leser so spannend machen.
Und um noch einmal auf den Krimiliebhaber Bertolt Brecht zurückzukommen, soll hier noch darauf verwiesen werden, dass sich in seiner Nachlassbibliothek, die in seiner letzten Wohnung in der Berliner Chausseestraße 125 aufbewahrt wird, unter den insgesamt 4.218 Bänden auch knapp 300 Krimis befinden. Nachzulesen sind diese Zahlen in dem seit Sommer 2007 vorliegenden kommentierten Verzeichnis „Die Bibliothek Bertolt Brechts“ aus dem Hause Suhrkamp.
In seinen letzten Lebensjahren, schon im DDR-Berlin, bekannte er einmal unumwunden: „Ich brauche mein tägliches Quantum“. Schon früher, im skandinavischen Exil hatte er zwei Dinge als seine unverzichtbaren Produktionsmittel bezeichnet: Zigarren und Kriminalromane. Und fast hätte Brecht sogar selber einen Krimi geschrieben …
Viel Vergnügen beim Lesen, einen schönen Vorfrühling oder was immer auch der Klimawandel in den nächsten Tagen für uns bringen mag, und bis demnächst.

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