Wo das Glück wohnt, ein Uhu beim Polizeipräfekten und der Aufstieg und Fall eines Schatzmeisters–5 E-Books zum Sonderpreis

Pinnow, 17.01.2020 (lifePR) – Wo wohnt eigentlich das Glück? Eine hübsche Antwort auf diese Frage findet sich gleich im ersten der insgesamt fünf Angebote, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 17.1.20 – Freitag, 24.1. 20) zu haben sind. Denn in seinem von ihm selbst illustrierten Kinderbuch erzählt Opa ZauselDie endlose Geschichte von Glück und Leid“. Und dabei erfahren wir auch, was das Glück am liebsten isst und wofür das gut ist.
In seiner Historischen Erzählung „REBELLISCHES WISSEN. Diderots Kampf um die Große Französische Enzyklopädie“ widmet sich Klaus Möckel einer großen Auseinandersetzung zwischen Aufklärung und Reaktion, die manches mit unserer Gegenwart gemein zu haben scheint.
Vom selben Autor stammt auch „Gold und Galeeren. Eine ungewöhnliche Lebensgeschichte aus dem mittelalterlichen Frankreich“. Darin geht es um den steilen Aufstieg und um den tiefen Fall eines königlichen Schatzmeisters.
Er war dann mal weg. „Ein Mecklenburger auf dem Jakobsweg von Pamplona nach Santiago de Compostela vom 3.Mai 2007 bis 8. Juni 2007“ lautet der Titel des Selbsterfahrungsberichtes von Ulrich Hinse.
Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Und da hat die Literatur schon immer ein gewichtiges Wort mitzureden und heute erst recht. In unserer aktuellen Ausgabe stehen politische Spannungen Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, deren Auswirkungen bis in unsere heutige Zeit hineinreichen. Und zugleich zeigen die Ereignisse, die der Autor aus seiner damaligen, parteilichen Sicht beschreibt, dass sich manches später anders darstellt als es damals erlebt und gesehen wurde. Und dass auch heutige Sichten auf frühere Zeiten nicht unbedingt den tatsächlichen Ursachen und Wirkungen entsprechen müssen.
Erstmals 1974 erschien im Mitteldeutschen Verlag Halle und im Damnitz Verlag München der Roman „Triptychon mit sieben Brücken“ von Max Walter Schulz: Der Roman „Wir sind nicht Staub im Wind“ von Max Walter Schulz, erstmals 1962 erschienen, wurde zu einem der erfolgreichsten Bücher in der DDR. In diesem folgenden, in sich abgeschlossenen Buch führt der Autor die Gestalten, die mit einem „Unmaß an Hoffnung“ aus der Handlung entlassen wurden, in den dramatischen Augusttagen des Jahres 1968 wieder zusammen. Jetzt gilt es zu überprüfen, ob jene „unverlorene Generation“ den Weg in ein erfülltes menschliches Dasein gefunden hat, ob sie die inzwischen errungene Einheit von Macht und Geist im Sinne des Menschen zu gebrauchen weiß. Dabei hat die Entscheidung zu fallen, ob die Angst der früheren Welt überwunden und praktische Verantwortung aus inzwischen gewonnener Erkenntnis gewachsen ist. Mit einer ungewöhnlichen Episodenfülle, die der Autor ausbreitet, um seine nur wenige Tage umfassende Fabel poetisch umzusetzen, ist eine außerordentlich dichte Romanstruktur entstanden, die bis zur letzten Szenerie, einem Triptychon mit sieben Brücken, Charaktere und Handlungsabläufe zusammenhält. Als Einladung zur Lektüre hier der Beginn des 1. Kapitels, dem allerdings noch ein hier nicht veröffentlichter, längerer „Prolog in der Morgenstunde. Außer Johna nichts Unerwartetes“ vorangestellt ist:
„Am Ochsenweg der sagenhafte unberühmte Baum
Dieser Baum der Eule ist eine doppelstämmige Buche. Er steht auf dem Kranz der Außenböschung des großen Horns, ziemlich genau in dessen Scheitelpunkt. Dicht unter dem Böschungskranz durchbricht ein Teil seiner Wurzeln das steinige Erdreich. Die Wurzeln laden aus, krümmen sich krakig und krallig, stemmen sich wieder in den Boden, drücken den Doppelstamm und die eine mächtige Krone gegen den Sturz.
Dieser Baum wirft viel Schatten. Es ist ein heißer Tag geworden, schon am Vormittag ein heißer Tag. Trotzdem gehen nicht viele von den Leuten, die hier warten müssen, in den Baumschatten. Die meisten stellen oder setzen sich lieber dorthin, wo sie etwas von dem sehen können, was da unten auf der Pflasterstraße vor sich geht. Viel Leute sind es nicht. Was kommt schon von Siebenhäuser an einem Vormittag mit Fahrzeugen herunter und will auf die Pflasterstraße. Er hat gesagt, man werde schon durchkommen mit dem Auto. Die Sache verliefe verkehrsgeregelt. Er hat entschieden: Wir fahren heute Vormittag, wie vorgehabt, nach Hause. Die Kinder hätten es lieber ausgenutzt und wären gleich noch ein paar Tage länger geblieben. Nun sammelt sich’s hier an. Hier ist die Absperrung. Es könnte Stunden dauern, es könnte auch schnell einen Durchlass geben, sagt der Abschnittsbevollmächtigte, der hier absperrt.
Unter dem Baum stehen nur Hagedorn, seine Frau, die beiden Kinder und ein Urlauber. „Wenn man bedenkt, was so eine Kiste wiegt“, sagt der Urlauber zu ihm, „legen die ein ganz schönes Tempo vor.“ Hagedorn nickt. Ihr kommt es vor, als habe er mit Leib und Seele genickt. Nun ja, der Gürtel hält’s zusammen. Noch fest im Fleisch, der Hagedorn, und sauber überm Nierenstück. Nicht viel Bauch, nur etwas im Ansatz. Aber das streckt sich in die Länge, das vertreibt sich in die Schulterbreiten. Das ist massiv zu nennen. Und so verhält sich’s auch zum Kopf. Der lädt im Schädel aus, rundköpfig lädt der Schädel aus und bucklig, zweibucklicht, weisheitsgehörnt die Stirn. Sogar die Oberlippe ist gewölbt. Da springt die Nase, an sich kräftig, nicht sehr vor. Und kurz gepacktes Haar auf dem Schädel, zur Unauskämmbarkeit bestimmt, nicht zur Unverfärbbarkeit. Ist vom Dunkelbraunen schon ins Graugussgrau geraten, ins jugendliche Verdienstmedaillengrau, nach Josef Sagan zitiert. Aber der Mund verhütet, dass der Kopf konsequent ins Bauernschädlige gelingt. Der Mund biegt sich zu fein in die Derbheit. Eine Dame des gebildeten Publikums fühlt sich von diesem Mund immer aufs neue verführt, so stark, dass sie nicht einen auslässt von seinen Vorträgen in der Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse. Seiner schönen Augen wegen ginge sie da nicht hin. Zuviel Grün im Blau. Solche Augenbildung hält den guten Ton nicht durch, begeistert und befremdet sich, wie’s ihr gerade einfällt.
Der Urlauber sagt ein übriges. „Wenn man bedenkt“, sagt der Urlauber, „dass sie voll aufmunitioniert haben.“ Kein Nicken diesmal. Darauf sagt Hagedorn zum zweiten Mal an diesem Tag: „Ich denke, wir können wieder aufatmen.“ Sagt es unbedacht unter diesem sagenhaften, unberühmten Baum der Eule. Begeht ein Sakrileg gegen Johna. Sie hat es mitgehört. Der Baumschatten wird kalkig. Die Zeichen verlöschen. Sie fühlt sich auf einmal wie absterbend. Aufatmen können, weil Johna ist. Aufatmen können, weil voll aufmunitioniert ist. Mein hoher Herr! Das kann ich nicht verkraften. Er gewahrt aber gar nicht, dass sie sich für den Augenblick wie absterbend fühlt. Er geht mit dem Urlauber die Lage besichtigen. Geht mit dem Mann über die Straße ans Auto, holt das Fernglas heraus. Dann klimmen die Männer über Kraut und Stein die Innenböschung hoch wie Indianer.
Auf dem Böschungsrand sitzen schon Leute. Von da kann man’s im Sitzen sehen. Sogar die Katlene hat sich da ’raufgesetzt, die junge Katlene. Sonst nutzt Katlene jede Gelegenheit zu den Gesprächen von Frau zu Frau. Glaubt sie, der Reinhard würde jetzt auch auf den Straßen sein? Katlene lacht. Wie leicht verraten sie alle Johna.
Der Abschnittsbevollmächtigte sagt, mit dem Motorrad käme man schon durch. Aber der Motorradfahrer, der die Auskunft erhalten hat, setzt den Sturzhelm ab und bockt die Maschine auf. Das ist doch der Baubrigadier. Dass der wieder Motorrad fährt! Dem müsste es doch ein für alle Mal gereicht haben …
Und der da oben: wie er auf einmal dasteht: breitbeinig, das Glas an den Augen, der lederne Tragriemen hängt wie eine Trense. Und wie die Griffe sitzen: Augenabstand, Dioptrien, Schärfe. Er hat es im Moment geschafft. Kein bisschen Umständlichkeit wie sonst auf unseren Ausflügen. Von der Mechanik wird mir übel. Was ist mit mir los? Sehe ich Eulen in der Sonne flattern?
Sag mir doch, wer du jetzt bist, Hagedorn!
Niemand von den Leuten, die hier warten, hört etwas von ihrem Schrei. Er schon. Er kommt in einer Eile zurück, als wäre ihr etwas zugestoßen. Und als er wieder vor ihr steht, klopft er sich wie ein Junge, der sich den guten Anzug beschmutzt hat, die Hosen sauber. Aber wie die Kinder auf einmal an ihr hängen …“ Und damit zur ausführlicheren Vorstellung der anderen Angebote dieses Newsletters.
Am 2. März erscheint bei der EDITION digital sowohl als E-Book als auch als gedruckte Ausgabe „Die endlose Geschichte von Glück und Leid. Texte und Illustrationen von Opa Zausel“. Die 1. Auflage war 2018 im AndreBuchVerlag Halblech veröffentlicht worden: Ein Kinderbuch, das es so noch niemals gegeben hat? Opa Zausel behauptet, eine nie da gewesene Thematik in seinem Kinderbuch aufgegriffen zu haben. Gibt es denn so etwas heute noch? Ja! Glück und Leid begegnen jedem Menschen, täglich. Einmal im Kleinen, dann wieder im Großen. Und diese beiden Gemütszustände nun in zwei Figuren zu stecken, die auch tatsächlich, wie im richtigen Leben agieren, die eine für das Gute, der andere für das Böse. Das ist dem alten Zausel gelungen. Er bietet es hier, sehr reich bebildert, mit erfolgreicher Ansprache an die Begeisterungsfähigkeit der kleinen Leser oder Zuhörer. Ein tolles Kinderbuch über Gut und Böse mit den Figuren Glück und Leid. Gewidmet ist dieses Buch übrigens „unserem geliebten Enkel Simon“. Und so lesen sich die ersten Seiten:
„Hinter einer kleinen Wiese vor einem kleinen Wald wohnt in einem kleinen alten Haus das Glück.
Habt ihr schon einmal vom Glück gehört? Wie ihr seht, hat das Glück keine Augen, trotzdem findet es sich gut zurecht. Darum sagt man, es bringt seinen Segen auch für Menschen, die es vielleicht gar nicht verdient haben. Am liebsten isst das Glück Spinat, deshalb hat es so gute Muskeln. Oft verspricht das Glück Dinge, die es nicht halten kann. Weil es so einen  großen Mund hat? Überall auf der Welt ist es unterwegs, um Menschen glücklich zu machen. Das könnt ihr an seinen Stiefeln sehen, sie sind schon alt und kaputt. Auch für euch hat es schon viel getan. Bestimmt habt ihr schon öfter Glück gehabt.
Der Feind des Glückes ist das Leid. Man nennt es auch Elend, Kummer oder Not.
Das Leid wohnt in einem finsteren Sumpf. Wo genau, weiß niemand.
Und kennt ihr das Leid? Das Leid kann es nicht  ertragen, wenn Menschen glücklich sind. Es neidet den glücklichen Menschen ihr Glück und will ihnen Leid bringen. Das Leid ist von Natur aus böse. Immer wenn es Glück und Frohsinn wittert, lässt es seinen Raben „Krax“ in die Höhe steigen. Der flüstert ihm dann den Weg dorthin, wo es Böses zu tun gibt. Darum hütet euch vor ihm und geht ihm aus dem Wege, wo ihr nur könnt. Diese beiden, das Glück und das Leid, gibt es schon ganz lange. Solange die Menschen denken können!
… und dann gibt es da auch noch uns, die beiden Mäuse Louis und Louise. Wir machen dumme Sprüche und treiben Schabernack ohne Ende. Ich, die Louise, muss meinen Mäusemann oft zur Vernunft ermahnen – ihr werdet schon sehen. Erkennt ihr auch, dass wir beide die Hausarbeit nicht so sehr lieben?
Dafür lesen wir unheimlich gern! Louis und ich, wir schlafen richtig lange, essen recht gut und viel. Besonders oft lesen wir im Buch von „Glück und Leid“. Im Sommer immer draußen auf der Wiese vor unserer Höhle, manchmal tief bis in den Herbst hinein. Wir beide sind schrecklich neugierig. Es gibt kaum etwas, das uninteressant für uns wäre. Wenn wir dem Glück auf seinen Wegen folgen, wird es manches Mal auch gefährlich. Vor allem, wenn es auf das Leid stößt. Dann gibt es fast immer einen Kampf – Gut gegen Böse. Und nicht immer gewinnt das Glück.“
Als Eigenproduktion der EDITION digital erscheint bereits am 3. Februar sowohl als E-Book als auch als gedruckte Ausgabe „REBELLISCHES WISSEN. Diderots Kampf um die Große Französische Enzyklopädie“ von Klaus Möckel. Das ist eine historische Erzählung mit Kurzbiografien der wichtigsten handelnden Personen: Frankreich, Mitte des 18. Jahrhunderts. In einer Zeit feudaler Machtherrschaft, des Sittenverfalls und verbissener religiöser Streitigkeiten beschließen der noch wenig bekannte Philosoph Diderot und sein Verleger Le Breton, ein Lexikon des Wissens und damit der geistigen Aufklärung herauszugeben. Doch diese „Große Enzyklopädie“ trifft auf erbitterten Widerstand. Der Polizeipräfekt und seine Spitzel, der Erzbischof von Paris, die Gerichtshöfe und Dunkelmänner aller Couleur bekämpfen das Werk. Während Diderot Mitstreiter um sich schart (d’Alembert, Voltaire, Rousseau) ist er stetiger Bedrohung ausgesetzt. Intrigen werden angezettelt, die Affäre um einen jungen Abbé und ein Attentat auf den König beschwören höchste Gefahren herauf. Es kommt zu Zerwürfnissen unter den Verbündeten und am Ende zum Verrat, der das Werk fast noch scheitern lässt. In dieser historisch fundierten, spannenden Novelle des schon mit „Die Gespielinnen des Königs“, „Gold und Galeeren“ und „Heiße Ware unterm Lilienbanner“ erfolgreichen Autors und Romanisten prallen die Gegensätze einer ganzen Epoche aufeinander. Nicht nur die genannten Personen, auch der König selbst und seine Mätresse, die berühmte Pompadour, greifen ins Geschehen ein. Adlige unterschiedlicher Couleur, Kirchenmänner, reiche Bürger wie der Verleger Le Breton, aber auch Handwerker, Lakaien, Dirnen, bevölkern ein von Widersprüchen erfülltes aufregendes Geschehen. Die Auseinandersetzungen um die „Große Französische Enzyklopädie“, von der Literatur bisher wenig beachtet, sind voller Dramatik und fordern den Vergleich mit den religiösen wie weltlichen Konflikten unserer Tage geradezu heraus. Hier der Anfang dieses spannenden Buches, dem der Autor zwei hellsichtige Zitate aus Briefen Diderots an seine Vertraute, die aufgeklärte französische Intellektuelle Sophie Volland, vorangestellt hat, von der sich übrigens seltsamerweise kein Bild bis in unsere Zeit erhalten hat:
„Der Despotismus, meine Freundin, ist die schrecklichste aller Versuchungen: Man kann ihr nicht widerstehen. Wer alles ungestraft tun kann, tut viel Böses.
(Brief Diderots an Sophie Volland vom 1. 11. 1760)
Der achte Textband geht seinem Abschluss entgegen … Zuweilen war ich versucht, Euch einige Passagen abzuschreiben. Gewiss wird dieses Werk mit der Zeit eine Revolution im Denken bewirken, und ich hoffe, dass die Tyrannen, Unterdrücker, Fanatiker und Unduldsamen das Nachsehen haben. Wir werden der Menschheit einen Dienst erweisen, doch wir werden schon lange Staub und Asche sein, bevor man uns dafür Dank weiß.
(Brief Diderots an Sophie Volland vom 26. 09. 1762)
1. Teil
Die Finger, vorsichtig, zurückhaltend, fuhren über die Seiten, die noch nach Druckerschwärze rochen, glitten Zeile um Zeile den Text entlang, verweilten, wenn ein Satz, ein Wort ins Auge sprangen, kamen bei weniger interessanten Passagen ins Laufen. Schließlich ergriffen sie das Buch und blätterten es durch, von hinten nach vorn, bis sie das Titelblatt mit der Zeichnung erreicht hatten, mit der langen Aufschrift und dem Horaz-Zitat:
Tantum series junturaque pollet, tantum de medio sumptis accedit honoris!
„So viel Wissen ihr ansammeln könnt, so viele Ehren werden euch zuteil werden!“, übersetzte Nicolas-René Berryer, der Polizeipräfekt von Paris, frei und lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Ein interessantes Buch, nicht ohne Geschick zusammengestellt. Ich bewundere die Arbeit, die diese Leute aufgewandt haben, um all die Seiten mit Wissen zu füllen. Eigentlich sollten wir ihnen dankbar sein.“
Der Mann, an den diese Worte gerichtet waren, zwinkerte überrascht mit den Augen. Ein Uhu im grauen Überrock, aufgeplustert, dickköpfig. Die Nase klein und krumm wie der Schnabel des Nachtvogels, die Backen welk, doch gleichzeitig sonderbar ausgestopft. Nur die vergilbte Perücke, unter der es wahrscheinlich von Läusen wimmelte, passte nicht zum Bild.
„Es ist ein sehr gefährliches Buch, Monsieur“, erklärte er eifrig. „Ein Buch, das sich gegen die heiligen Gesetze unseres Staates und gegen den Glauben richtet. Die Artikel sind voller Gotteslästerung. Und das Schlimmste: Es ist nur das erste einer ganzen Reihe. Ich habe es von Anfang bis Ende gelesen und einen Bericht darüber geschrieben.“ Er deutete auf ein zusammengerolltes Pergament in seiner Hand. „Unter den unscheinbarsten Überschriften verbirgt sich das Gift der Zersetzung.“
Berryer legte den Band auf den Schreibtisch und schaute den anderen nachdenklich an. Mein Gott, dachte er, mit wem muss ich mich verbünden. Ich, Erster Polizeibeamter der Hauptstadt, der für die Sicherheit in den Straßen verantwortlich ist, der das Verbrechen und das Unrecht bekämpfen soll. Er schüttelte sich, als hätte er eine Schlange berührt. Nicht dass er seine Pflichten gegenüber dem Staat vernachlässigen wollte, aber der Kerl war ihm widerlich. „Findet mir ehrliche Leute, die den Beruf eines Spitzels ergreifen“, hatte einer seiner Vorgänger, der Graf d’Argenson, erklärt. Berryer hätte das sehr gern versucht. Doch er wusste, dass solche Bemühungen nichts, aber auch gar nichts brachten.
„Die Leute, Glénant, die an diesem Werk arbeiten, sind bekannte und geachtete Gelehrte“, sagte er lässig, beinahe belehrend. „Nehmt zum Beispiel Monsieur d’Alembert. Er ist ein bedeutender Mathematiker und Physiker, Mitglied mehrerer Akademien. Würde er seinen Namen für ein Unternehmen hergeben, das die von Euch erwähnten Anschauungen enthält? Ich kenne ihn, er ist ein vorsichtiger Mann.“
„D’Alembert ist ein Freigeist“, erwiderte der Mann mit dem Uhugesicht. „Es mag sein, dass er Vorsicht walten lässt, doch huldigt er subversiven Theorien. Außerdem ist er bei weitem nicht der Schlimmste im Bund. An der Spitze des Werkes steht als Organisator Diderot, ein höchst verdächtiges Subjekt. Er steckt seine Nase in alle möglichen Dinge. Er treibt sich in Cafés und Tavernen herum, wo er sich mit dem Pöbel gemein macht. Wie auch andere dieser sogenannten Philosophen, hat er eine Vorliebe für zweideutige Schriften. In einem seiner Bücher, das er ‚Die indiskreten Kleinode’ nennt, sind Dinge beschrieben …“
Glénant brach ab und fuhr dann beinahe flüsternd fort: „Das Buch spielt in Afrika. Ein Fürst bekommt einen Zauberring geschenkt, mit dem er die“ – er schlug sich auf den Hosenlatz – „die …, na eben die Kleinode der Damen zum Sprechen bringt.“
„Sonderbarer Einfall“, sagte Berryer kühl, der das Buch längst kannte.
Glénant hüstelte. Dann erklärte er hastig: „Dieser Diderot hat bereits für den ersten Band der Enzyklopädie an die zweihundert Artikel verfasst.“
Berryers Finger spielten mit einer kostbar verzierten goldenen Tabakdose, seine Gedanken schweiften ab, gingen ein paar Jahre zurück. Was der Mann erzählte, überraschte ihn keineswegs. Er kannte Diderot, hatte den damals noch wenig beachteten Gelehrten wegen einer freigeistigen Schrift in den Turm von Vincennes werfen lassen. Es war um den „Brief über die Blinden“ gegangen, der den Unwillen des königlichen „Großen Rates“ und der im Parlement vertretenen Richterschaft erregt hatte. Der junge Mann hatte darin seine Zweifel an jeglicher Religion zum Ausdruck gebracht. „Wenn Ihr wollt, dass ich an Gott glauben soll“, hatte er einen blinden Engländer namens Saunderson sagen lassen, „müsst Ihr dafür sorgen, dass ich ihn anfassen kann.“
Glénant sah ihn fragend an, doch Berryer achtete nicht darauf. Der Spitzel hat vielleicht recht, dachte er, die Enzyklopädie wird ohne Zweifel mit einer aufrührerischen Absicht verfasst. Dennoch reizte es ihn, dem anderen zu widersprechen. „Diderot ist gewiss ein komplizierter Mann, den man im Auge behalten muss“, sagte er kurz angebunden und ungewohnt laut. „Aber er ist intelligent und weiß, dass wir in manchen Dingen keinen Spaß verstehen. Im Übrigen können wir unsere Gelehrten nicht behandeln wie Straßenräuber.“
Glénant schwieg, und man sah, dass er sich vor den Kopf gestoßen fühlte. Auf eine Verteidigung der Enzyklopädie durch Berryer – zumindest klang es so – war er nicht gefasst.
Der Polizeipräfekt bemerkte es und fügte, wie um sich zu rechtfertigen, hinzu: „Le Breton und die anderen Verleger besitzen eine Lizenz, eine königliche Genehmigung, für die Herausgabe der Bücher, daran ist nicht zu rütteln. Ich kenne Monsieur Le Breton persönlich. Er wird nichts tun, was den Interessen Seiner Majestät zuwiderläuft. Aber seid unbesorgt, ich werde den ersten Band sorgfältig prüfen lassen. Wenn sich Eure Befürchtungen als richtig erweisen, werde ich das Nötige veranlassen. Lasst den Bericht hier, den ich in Eurer Hand sehe, damit ich ihn weiterleiten kann. Ich danke Euch für die wertvollen Hinweise.“
Damit war der Uhu entlassen. Missgestimmt, er hatte auf einen besseren Lohn für seine Dienste gehofft, verließ er den Raum. Nicht einmal richtig zu Wort gekommen war er, dabei gab es Artikel in diesem Machwerk, die nur so von Auflehnung und Ketzerei strotzten. An das Oberste Gericht, das Parlement, müsste man sich wenden, dachte er, und stieg, vor sich hin schimpfend, die Treppe zum Hinterausgang hinab.“
Bereits 2018 hatte Klaus Möckel ebenfalls als Eigenproduktion der EDITION digital und ebenfalls als E-Book und als gedruckte Ausgabe „Gold und Galeeren. Eine ungewöhnliche Lebensgeschichte aus dem mittelalterlichen Frankreich“ veröffentlicht: Jacques Coeur, dem Helden dieser abenteuerlichen Geschichte aus dem Frankreich des 15. Jh., wurde ein ungewöhnliches Schicksal zuteil. Er stieg vom kleinen Tuchhändler zum Schatzmeister des Königs auf und wurde vom ihm zurück ins Nichts gestoßen. Er machte, selbst geadelt, die Adligen zu seinen Schuldnern und verlor am Ende Haus wie Hof. Er liebte eine königliche Mätresse und wurde beschuldigt, sie vergiftet zu haben. Nicht durch Hexerei, sondern durch Handel mit kostbaren Gütern gelang es ihm, Kupfer in Gold zu verwandeln. Er schickte Galeeren übers Mittelmeer und verschaffte seinem ärmlichen Herrscher damit Geld für historische Siege. In Zeiten eines Hundertjährig genannten Krieges gehörte er mit Jeanne d’Arc zu jenen Persönlichkeiten, die das Land vor vollständiger Besitznahme durch die englischen Eindringlinge retteten. Aus der Sicht des in den Kerker geworfenen Schatzmeisters schildert Möckel die historischen Ereignisse im damals tief gespaltenen Frankreich: die Verwüstungen, Intrigen, Morde. Er legt die Wankelmütigkeit des Königs dar und den rasanten Aufstieg Coeurs, der Verbindungen zum Papst wie zum ägyptischen Sultan aufbaute, riesigen Reichtum erwarb und doch alles verlor. Dieser Mann, Liebhaber der freizügigen Agnès Sorel oder vielleicht auch nur ein Verehrer, der im Traum das Bett mit ihr teilte, ragt durch Mut zum Experiment, vor allem aber durch seine Toleranz über die Zeitgenossen hinaus. Seine kluge Vermittlung zwischen den bis aufs Blut verfeindeten Religionen verleiht ihm Bedeutung bis in heutige Tage. Ein atemlos durcheiltes Leben, dessen Spannung bis zum dramatischen Ende nicht nachlässt. Als Ausschnitt zum Kennenlernen des Textes haben wir das sechste Kapitel gewählt, in dem sich Coeur schon im Gefängnis befindet:
„Den Kopf in die Hände gestützt, saß Jacques Coeur an seinem Tisch. Er war soeben von einem Verhör zurückgebracht worden. Sie hatten Kommissare ernannt, die ihm seine Schuld, alle möglichen Verfehlungen, nachweisen sollten. Es ging also nicht mehr nur um den Tod der wundervollen Agnès Sorel, die in ihren prächtigen Satinkleidern, mit ihrem Perlenschmuck im offenherzigen Dekolleté nach wie vor durch seine Träume geisterte, die sich verführerisch in den Kissen räkelte, wenn er an Macée denken wollte. Nein, es ging um noch anderes, zum Beispiel um einen Münzbetrug vor dreißig Jahren, den man plötzlich wieder aufs Tapet brachte. Aber das war genauso unsinnig wie die Beschuldigung mit dem Gift.
Richtig, sie hatten persönlich daran verdient, hatten guten Gewinn gemacht, vor allem Ravant und er, doch abgesehen davon, dass alle Münzer seit langer Zeit so verfuhren, war das gar nicht anders zu machen gewesen. Es war quasi die Regel und hatte dem Reich gedient! Karl hatte damit seinerzeit seine schottischen Ritter und Soldaten bezahlen können. Nicht ohne Grund hatte der König ihn, Coeur, deshalb auch durch einen speziellen Brief von jeder Schuld freigesprochen und weitere Aufträge erteilt. Nun aber taten seine Feinde so, als wäre das alles nicht geschehen, und beschuldigten ihn, in den folgenden Jahren erneut gefälscht zu haben. Er aber hatte den Feingehalt immer so hoch angesetzt, wie es nach der Zuteilung und den Forderungen des Schatzamtes möglich war, das wussten sie genau. Seinem Aufstieg hatte das damals nicht geschadet, und auch der Münzmeister Ravant genoss weiterhin Karls Vertrauen. Später, nach der Rückeroberung von Paris, hatten sie sogar die dortige Münze übernommen.
Das alles lag so lange zurück, dass sich Jacques eigentlich gar nicht mehr damit beschäftigen wollte. Seinerzeit hatte er ganz andere Pläne im Kopf gehabt, er hatte überlegt, wie man mehr Silber und vor allem Gold ins Land bringen könne. Er hatte die reichen italienischen Städte vor Augen gehabt, die ihren Handel in großem Maßstab betrieben, nicht nur in der näheren Umgebung, nicht nur mit Flandern und Burgund, sondern auch jenseits des Mittelmeeres. Aber diese Städte besaßen viele Schiffe und die Mittel, große Transporte auszurüsten. Sie hatten Stützpunkte an fremden Küsten, Verbindungen nach überall hin. Sie besaßen ein geordnetes Münzsystem und Geldreserven, wenn es einmal Schwierigkeiten gab. Hierzulande dagegen musste all das erst aufgebaut werden.
Die Bedingungen waren zu jener Zeit noch sehr ungünstig gewesen, doch er hatte bereits über Veränderungen nachgedacht und im Stillen angefangen, daran zu arbeiten. Mit den Gewinnen aus seinen Geschäften, dem eigenen Geld also, hatte er in den Handel investiert. Er hatte edle Stoffe und Pelze, aber auch einfaches Tuch von guter Qualität in größeren Mengen verkauft – sein Blick richtete sich dabei mehr und mehr nach Süden. Es war vorangegangen mit ihm, und auf diese Weise hatte er auch seinem Land und dem König helfen können. Was kamen sie ihm jetzt mit den Geschichten seiner Anfänge?
Jacques erinnerte sich an seine ersten Begegnungen mit dem König. Vielleicht waren es auch gar keine direkten Begegnungen gewesen, vielleicht hatte er ihn nur im Herzogspalast gesehen oder im Bischofssitz, umgeben von Geistlichen. Karl war ein trauriger, unsicherer König gewesen, wenig auffällig gekleidet. Der Duc von Berry und selbst der ehemalige Kämmerer des großen Herzogs, sein Schwiegervater Léodepart, hatten mehr Glanz verbreitet.
Sogar was seine Abstammung betraf, Hatte Karl VII. damals an sich gezweifelt. Weil man seiner Mutter, der Königin, verschiedene Liebschaften nachsagte, darunter eine mit dem Herzog von Orléans, dem von Ohnefurcht später Ermordeten, wurde seine royale Herkunft von vielen bestritten. Diese Unsicherheit wirkte sich auf sein gesamtes Verhalten aus.
Um einen Trumpf in den Händen zu halten, hatten ihn die Armagnacs sowie Jolande von Anjou, seine Schwiegermutter, beschützt und schließlich zum Herrscher ausgerufen. Aber worüber herrschte er in jenen Jahren schon. Wenn er sich ein richtiges Essen verschaffen oder gar Gäste einladen wollte, musste er Schulden machen. Auch krönen konnte er sich nicht lassen, denn um nach Reims zu gelangen, wo diese heilige Handlung stets vollzogen wurde, war feindliches, von den Burgundern besetztes Gebiet zu durchqueren.
Der König war sehr arm, soll sogar in geflickten Kleidern herumgelaufen sein, wenn ich das auch nicht bestätigen kann, überlegte Jacques, und am schlimmsten war es, als die Engländer Orléans belagerten. Da wusste er kaum noch, wie er das ihm verbliebene Gebiet verteidigen sollte. Heinrich VI., der junge Nachfolger des verstorbenen englischen Herrschers und sein Statthalter in Frankreich, Bedford, fühlten sich bereits als endgültige Sieger, denn wenn dieser Ort an der Loire fiel, konnten ihre Truppen ungehindert nach Süden vorrücken. Sie würden in den Rücken der noch freien Städte gelangen, und jedermann in Bourges fragte sich, was dann mit ihm geschehen sollte.
Ravant der Däne und ich, dachte Jacques noch, wir prägten zwar weiterhin Münzen für den König, doch wir waren sehr besorgt. Orléans war inzwischen fast eingeschlossen, und es fehlte an allem. Unsere Stadtväter konnten nicht viel tun. Sie bemühten sich zu helfen, indem sie einige Lebensmittel für die dort hungernde Bevölkerung bereitstellten.“
Von Frankreich nach Spanien: Erstmals 2014 erschien bei der EDITION digital „Ein Mecklenburger auf dem Jakobsweg von Pamplona nach Santiago de Compostela vom 3.Mai 2007 bis 8. Juni 2007“ von Ulrich Hinse: Wandern oder pilgern? Wo liegt der Unterschied? Mit dem Rucksack von A nach B laufen kann man auch in Deutschland, genauso weit und ebenso lange. Dafür muss man nicht extra nach Spanien reisen. Stimmt. Trotzdem gibt es einen Unterschied. Zusammen mit Menschen jeden Alters und aus aller Welt auf demselben Weg, mit einem geneinsamen Ziel, eine kollektive Erfahrung gewinnen, macht den Unterschied aus. Und, der Jakobsweg ist ein Erlebnis, das zwischen Magie und allzu Menschlichem liegt. Der Weg wird zum Spiegelbild des eigenen Lebens. Er kennt keine Kompromisse. Er ist beschwerlich. Jeden Tag, jeden Tag anders. Er ist schön, abwechslungsreich, langweilig und öde. So wie das Leben auch. Den Jakobsweg gelaufen zu sein wird niemand vergessen. Es handelt sich nicht umsonst um den Weg zum Sternenfeld, nach Compostela. Hier berichtet der Autor über seine Erfahrungen auf der 2. und 3. seines Jakobsweges:
„2. Etappe (8 km) Maneru – Chirauqui – Maneru
Es gefiel mir in Maneru so gut, dass ich gleich einen Tag Pause einlegte und mich noch weiter verwöhnen ließ. Um nicht aus der Übung zu kommen, ging ich mit einer der vielen Pilgerinnen, die an meinem freien Tag den Ort passierten, es waren merkwürdigerweise hauptsächlich Frauen an diesem Tag, bis nach Chirauqui und allein wieder zurück. Die Pilgerin war eine Deutsche, etwa in meinem Alter, vielleicht ein wenig jünger, kam aber wie sie sagte aus Neukaledonien, der französischen Insel in der Südsee. Die Frau war extra um den halben Erdball geflogen, um diesen Weg zu gehen. Respekt.
Wieder zurück in Maneru, strapazierte Donna Isabel meine Spanischkenntnisse. Sie war froh, etwas Gesellschaft zu haben, hatte ununterbrochen etwas zu erzählen und ich die Schwierigkeiten zu verstehen, was sie wollte. Aber es ging. Glaubte ich. Irgendwann fragte sie mich, ob ich denn noch einkaufen wolle. Ich müsste doch sicher für meinen Weg am nächsten Morgen noch Marschverpflegung kaufen? Ja, das wollte ich. Ob ich ihr nicht Bohnen para campo mitbringen könnte. Claro. Die gäbe es in der Cooperative agricular, verstand ich. Zuerst kam ich zum Supermercado, kaufte, was ich brauchte, und fand zusätzlich auch Bohnen für meine Wirtin. Was sollte ich jetzt noch zur Cooperative? Als ich ihr stolz meinen Einkauf präsentierte, entgleisten ihr alle Gesichtszüge. „Senor, alluvias para campo, no para comer – Mein Herr, Bohnen fürs Feld, nicht zum essen.“ Jetzt, allerdings zu spät, hatte ich begriffen. Sie hatte Saatgut haben wollen und keine für die Suppe. Mein Spanisch war wohl doch noch nicht so gut, wie ich es mir eingebildet hatte. Am Abend, das französische Pärchen war eingetroffen, mit dem ich schon im Taxi gefahren war, gab es Bohnensuppe. Das Essen war vorzüglich. Die Mutter von Donna Isabel war lange Zeit Köchin bei einem spanischen Granden in Puente gewesen und hatte ihrer Tochter die Küchengeheimnisse weitervermittelt. Am Abend schwärmte ich Karin am Telefon von der Casa rural und meinem spontanen Plan vor, dort einen Urlaub zu verbringen. Karin war klug genug, mir meine Euphorie nicht zu nehmen. Sie kannte mich und wusste, dass sich eine solche Idee über kurz oder lang relativierte.
Etappe (56 km) Maneru – Viana
Nach dem Frühstück, am 8. Mai, bei dem Donna Isabel darauf bestand, Olivenöl aufs Brot zu träufeln und keine Butter, weil das fürs Herz besser sei, wanderte ich bei kaltem, aber wolkenlosem Wetter weiter nach Chirauqui – den Weg kannte ich ja bereits – über die Römerstraße und –brücke weiter bis nach Lorca. Dort machte ich am Dorfbrunnen zusammen mit zwei Pilgern aus Brasilien Pause, füllte meine Wasserflaschen und marschierte weiter auf dem Weg nach Villatuerta. Zwischendurch hatte irgendein Scherzkeks die Wegmarkierung entfernt. An einer Weggabelung gab es die Möglichkeit, einmal einen steilen Hang hinaufzulaufen oder unter einer Straßenunterführung durchzugehen. Ein Pilger, der mich an der Römerbrücke überholt hatte, entschied sich zielstrebig für den Berghang. Zuerst zögerte ich, ihm zu folgen, weil mich der steile Hang abschreckte. Als er aber zügig weiterging, folgte ich ihm. Plötzlich wedelte er mit den Armen und kam zurück. Wir waren falsch. Es ging unter der Unterführung weiter.
Am Brunnen neben der Kirche von Villatuerta rutschte mir meine Hose in die Knie. Die Hosenträger hatten sich gelöst. Außer mir war niemand da, also nahm ich mir Zeit, meine Beinkleider zu ordnen. Als ich mit heruntergelassener Hose neben dem Brunnen stand, kamen zwei spanische Pilgerinnen unverschämt grinsend auf mich zu. In aller Ruhe füllten sie ohne große Eile am Brunnen ihre Wasserflaschen und verabschiedeten sich lachend mit einem lauten „Buen camino y mucho diversion sin pantalones – guten Weg und viel Spaß ohne Hose“. Mir fiel keine passende Antwort ein, zumal ich auch nicht vor hatte, ohne Hosen weiterzulaufen.
In Estella ließ ich mir bei der Policia municipal einen Sello, den Stempel, in meinem Pilgerpass geben, machte auf der Plaza Mayor eine Pause. Während ich dort auf einer Bank saß, die Beine genüsslich von mir gestreckt, kamen zwei Pilger auf mich zu. Dem Dialekt nach aus Hessen.
„Erbarmen, die Hessen kommen“, dröhnte ich ihnen entgegen. Sie blieben verwundert stehen, überlegten, ob sie mit einem solchen Idioten, der sie so dumm anquatschte, überhaupt reden sollten, grinsten aber dann doch und wir kamen ins Gespräch, wobei ich meinen Zeitplan mehr als deutlich überschritt. Schließlich wollte ich ja noch weiter nach Irache zum Weinbrunnen. Dort, am frühen Nachmittag angekommen, gab es eine große Enttäuschung. Der Weinbrunnen war trocken. Offenbar stand täglich nur eine bestimmte Menge zum Ausschank zur Verfügung, die bereits vertilgt war. Dabei fiel mir auf, dass der Brunnen auch von Bussen mit Buspilgern angefahren wurde, die sich dort ihre Flaschen füllten. Für den späten, durstigen Fußpilger blieb da nichts mehr übrig. Leider. Als ich dann auch noch weder in Irache noch in Ayegui ein Quartier bekam, weil ich zu spät eingetroffen war, fluchte ich auf die Plauderei mit den Hessen und verzichtete aus Frust auf ein Foto. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit dem Bus nach Los Arcos zu fahren. Der hielt aber nicht in Los Arcos, sondern brachte mich gleich dreißig Kilometer weiter bis nach Viana. Eine Tagesetappe hatte ich somit übersprungen und keine Probleme damit, weil im Bus bestimmt zwanzig andere Pilger saßen, die auf diese Weise ihre Etappe verkürzten.
In Viana war die offizielle Herberge bereits belegt. Ich fand ein Quartier in einer privaten Pilgerherberge. Als Senior über sechzig bekam ich sogar eines der vier Doppelzimmer für lebensältere Pilger, welches ich aber mit einem trinkfreudigen irischen Pilger teilen musste. Ich besichtigte die Stadt, in der Caesare Borgia, Sohn von Papst Alexander VI., Förderer von Leonardo da Vinci und Liebhaber seiner jüngeren Schwester Lucretia, erschlagen wurde. Der als grausamer Tyrann bekannte italienische Condottiere, der schon mit achtzehn Jahren spanischer Kardinal wurde, kämpfte mit seinen Söldnern für den König von Navarra. Man begrub ihn zunächst in der Kirche, fand das aber wegen seines Lebenswandels nicht angemessen, buddelte ihn wieder aus und legte ihn so vor den Eingang, dass jeder, der in die Kirche geht, über ihn drübersteigen muss.
In einem Straßencafe nahe der Herberge traf ich einige deutsche Pilger, so Ulla, eine Ärztin aus Leipzig, und einen ehemaligen Mitarbeiter der evangelischen Kirche in Schwerin. Beide sollten mir noch mehrmals begegnen. Ulla zuletzt in Santiago, wo sie mit ihrer Tochter, die sie in Santiago erwartet hatte, weiter nach Finisterre laufen wollte.
Der Ire hatte sowohl einen Landsmann als auch eine Bierbar mit dem berühmt berüchtigten dunklen Guinness gefunden. Er kam auf die letzte Minute in die Herberge, die um zweiundzwanzig Uhr die Pforten schloss, blies mir seine Bierfahne ins Gesicht, fiel so, wie er war aufs Bett, um augenblicklich laut schnarchend einzuschlafen. Ich schlief wieder eine Nacht schlecht. Trotz Ohrstöpsel.“
Man sollte also, wenn man sich selbst auf den Jakobsweg begibt, aufpassen, dass man sein Quartier nicht unbedingt mit einem trinkfreudigen irischen Pilger teilen muss. Aber vielleicht gehört andererseits auch ein solches Erlebnis zu einer Jakobswegerfahrung dazu – wie zum Leben, welches auch nicht immer nur schön ist.
Viel Spaß beim Lesen und beim Beschäftigen mit spannenden Lebensgeschichten und bis demnächst.
Und um ganz zum Schluss noch einmal auf Diderot und sein großes Werk zurückzukommen, sei hier noch einer seiner Gedanken zu diesem intellektuellen Großprojekt hinzugefügt. Denis Diderot selbst hatte in seinem lexikalischen Beitrag zum Stichwort „Enzyklopädie“ geschrieben: Sie ziele „darauf ab, die auf der Erdoberfläche verstreuten Kenntnisse zu sammeln, und es den nach uns kommenden Menschen zu überliefern, damit die Arbeit der vergangenen Jahrhunderte nicht nutzlos für die kommenden Jahrhunderte gewesen sei“. Mit diesem Tun verband er die Hoffnung, dass „damit unsere Enkel nicht nur gebildeter, sondern gleichzeitig auch tugendhafter und glücklicher werden, und damit wir nicht sterben, ohne uns um die Menschheit verdient gemacht zu haben“. Und das gilt auch für unsere Enkel, die zumindest momentan vielleicht besser schwedisch verstehen als französisch, wenn sie wissen, was ich meine.

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