Ein Pferd und eine Fee, Genosse Klariklaro sowie 3200 Gramm Glück – Fünf E-Books von Freitag bis Freitag zum Sonderpreis

Pinnow, 20.12.2019 (lifePR) – Wieviel wiegt eigentlich Glück? Manchmal reichen auch schon dreitausendzweihundert Gramm. Soviel jedenfalls wiegt der kleine Junge von Friederike und Benny, von denen im letzten der insgesamt fünf aktuellen Angebote dieser Ausgabe die Rede ist, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 20.12.19 – Freitag, 27.12.19) zu haben sind. Von Domenico, Friederike und Benny erzählt Christa Grasmeyer in „Friederike und ihr Kind“. Allerdings haben die jungen Eltern ein Problem. Sie sind beide erst fünfzehn. Werden sie es dennoch schaffen? Und wer hilft ihnen dabei?
In „Gegenwelten“ von Johannes Helm teilen andere Schriftsteller ihre Gedanken zu  Bildern des früheren Psychologieprofessors mit.
Das Reifen eines jungen Mannes bei der Armee – das ist das Thema in „Wiesenpieper. Die lustig-traurige Geschichte eines Pechvogels“ von Wolfgang Held.
Ebenfalls von Wolfgang Held stammt der gleichfalls bei der NVA spielende Roman „Härtetest“.
Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Und da hat die Literatur schon immer ein gewichtiges Wort mitzureden und heute erst recht. In dieser Woche stellen wir ein Buch vor, das sich bereits vor einigen Jahren mit einem Thema befasste, das heute erst recht ziemlich heftig und teils äußerst kontrovers diskutiert wird – Klima und Klimawandel. Wer sind die Verursacher? Wir alle? Und vor allem, wie kann der drohende Klimawandel aufgehalten werden? Und was passiert eigentlich, wenn die Selberrettung der Menschheit nicht gelingen sollte?
Erstmals 2011 veröffentlichte Klaus Möckel als Eigenproduktion der EDITION digital „Tornado – Die tödlichen Rüssel. Ein fantastischer Roman“: Im Küstenland Hahl vollzieht sich eine gewaltige Umgestaltung. Brachliegende Strände sollen für den Tourismus erschlossen, Hotels und Vergnügungszentren erbaut werden. Probleme bereitet noch das unwirtliche Klima, doch eine geniale Lösung scheint gefunden: Vulkane sollen angezapft und mit ihrer Glut eine warme Meeresströmung bis in die Bucht vor Hahl geführt werden. Der Journalist Vangrin erhält das Angebot, dieses Projekt mit seinen Reportagen zu begleiten. Da er in letzter Zeit privat wie beruflich einige Niederlagen einstecken musste, sieht er in dem Auftrag eine neue Chance. Zumal das Angebot vom Manager des Baukonzerns kommt, einem früheren Freund und Mitstudenten. Das gigantische Vorhaben, das tief in die Natur eingreift, stößt nicht nur auf Zustimmung. Während die lokale Wirtschaft, die Sex- und Unterhaltungsbranche von hohen Gewinnen träumt und manche jungen Leute Aufstiegsmöglichkeiten erhoffen, befürchten die Küstenfischer das Ausbleiben der Fischschwärme, die Umweltschützer Verschmutzung und Zerstörung der Natur. Das Anheizen des Meeres birgt Gefahren, die nur schwer abzuschätzen sind. Der Journalist gerät in einen Konflikt, weil sich über der See erste „Rüssel“, kleine Tornados, bilden. Seine Lage wird noch schwieriger, als er sich in die Freundin seines Auftraggebers verliebt. Mit dem Fortschreiten des Projekts, dem Bau immer neuer Hotels, aber auch Industrieanlagen spitzt sich die Situation zu. Der Konzern will seine Ziele unbedingt erreichen, die Gegner rufen zu Widerstand und Sabotage auf. Auch Vangrin muss letztlich erkennen, dass er nicht neutral bleiben kann. „TORNADO“ ist ein Roman voller Spannung und Konflikte. Liebe, Hass und Hoffnung beschwören dramatische Situationen herauf. Unaufhaltsam treibt die Handlung einer Katastrophe entgegen. Ein zerstörerischer Wirbelsturm, der das Meer aufwühlt und an Land alles mit sich reißt, stellt die Akteure auf eine letzte harte Probe. Im folgenden Ausschnitt aus dem dritten Kapitel des spannenden Buches wird ein Generationenkonflikt deutlich sichtbar:
„Martens schob die Schüssel zurück, nahm einen langen Zug aus dem Weinkrug und wischte sich mit dem Handtuch, das ihm als Serviette diente, den Mund ab. Er war zufrieden, denn der Fang war gut gewesen, die anstrengenden Tage auf See hatten sich gelohnt. Als er jedoch nach der Zeitung griff, auf die er seit mehr als dreißig Jahren abonniert war, nach dem „Sozialen Boten“, verfinsterte sich seine Miene. „Jetzt ist es so weit“, sagte er, „sie eröffnen das erste Strandhotel.“
„Ob nun heute oder nächste Woche“, erwiderte seine Frau, „das macht keinen Unterschied. Sie eröffnen jetzt sowieso eins nach dem anderen.“
Sie war, im Gegensatz zu ihrem klobigen Mann, klein und mager, aber genauso zäh. Ihre Sprechweise war lakonisch.
„Sie werden den Fischfang kaputtmachen“, fuhr er fort, „das Land und das Meer mit Lärm überziehen, mit Gestank.“
Sie kannte diese Reden. „Mit der Ruhe hier wird es bald vorbei sein“, stimmte sie zu.
„Ihr mit eurer Ruhe“, mischte sich Aib, die neunzehnjährige Tochter, ein. Sie war längst mit dem Essen fertig, hatte sich in eine Ecke des Raumes zurückgezogen und blätterte in einer Illustrierten. „Kelborn meint…“ Sie verstummte, denn dieser Name war für den Vater ein rotes Tuch. Kelborn, ihr Freund, arbeitete zwar im Augenblick noch im Dorf als Fischverkäufer, lebte jedoch vor allem für sein Hobby, die Musik. Sobald das große Touristengeschäft losging, wollte er seinen Beruf an den Nagel hängen und in einer Band spielen.
„Na, was meint Kelborn?“
„Ach, du verstehst ihn ja doch nicht.“ Die Tochter versuchte auszuweichen.
„Dein Kelborn wird sich noch umgucken“, sagte der Vater. „Er glaubt, er gewinnt beim großen Glücksspiel, aber den Kuchen essen die andern.“
„Kelborn meint, was ihr Ruhe nennt, ist nur Stillstand und Langeweile“, vollendete die Tochter nun trotzig.
Der Vater wollte zu einer heftigen Erwiderung ansetzen, doch die Mutter kam ihm zuvor. „Wir arbeiten“, sagte sie sachlich. „Wenn das alle tun würden, ginge es auch so voran, ohne den Touristenrummel.“
„Alle? Und die vielen, die keine Arbeit finden?“
„Wer ernsthaft sucht, kriegt schon was“, erwiderte ihre Mutter.
„Ein Leben lang schuften, und andere kassieren“, maulte Aib.
„Du kannst dich wohl kaum beschweren“, sagte der Vater, „du hast immer gehabt, was du brauchtest.“
Die Tochter warf ärgerlich die Zeitschrift hin und erhob sich. „Ihr seid altmodisch und werdet uns nie verstehn. Na, egal, es geht sowieso nicht nach euch.“ Sie lief aus dem Raum.
Martens schlug wütend mit der Faust auf den Tisch. „Stillstand… altmodisch… ausgerechnet wir. Und wer hat den Kredit aufgenommen, um den Kahn zu modernisieren? Nach wem ist die Dame bloß geraten!“
„Lass sie ihre Erfahrungen machen, dann kommt sie wieder zu sich“, sagte die Frau.
„Mit diesem… Kelborn?“
Die Frau zuckte die Schultern und wandte sich dem Panogerät zu. Es war Zeit für die Abendnachrichten.
Aib rannte in ihr Zimmer, hielt es dort aber nicht aus. Weder das Schallbord noch die Rhythmenbox beruhigten sie. Sie war unzufrieden mit sich und der Welt. Im Grunde mochte sie ihre Eltern, die ständige Zankerei tat ihr leid. Doch wenn es um Silberstrand ging, und das war in der letzten Zeit immer häufiger der Fall, konnte sie sich nicht zurückhalten. Da geschah endlich etwas Aufregendes in dieser verschlafenen Gegend, eröffneten sich viele neue Möglichkeiten, aber die Eltern waren dagegen. Hatten tausend Einwände, stemmten sich. Vater befürchtete, in fünf bis sechs Jahren könnten wegen der erhöhten Wassertemperatur die Fischschwärme ausbleiben, die von Norden bis vor die Bucht zogen; er hatte einen Artikel darüber gelesen. Er nahm auch an, dass Kolonnen von Touristenflitzern und Motordrachen die See zerpflügen würden. Na wenn schon, dachte Aib, dann soll er seinen Kutter verkaufen und eine Dschibbschule aufmachen. Mit Seeschlitten über die Wellen zu springen, fand sie großartig. Es brachte Geld, und sie würde gern die Ausleihe übernehmen.
Freilich, Kelborn wäre nicht einverstanden, er wollte, sobald er sich als E-Orgler einen Namen gemacht hatte, ganz von hier weg, hinüber zum Kontinent. Sie würde ihn nicht halten können, das war klar. Folgte sie ihm aber, bedeutete das den Bruch mit ihren Eltern. Mit Erbitterung stellten sie sich gegen alles, was von jenseits der Meerenge kam. Besonders für den Vater wäre die Übersiedlung, ja schon der vorübergehende Weggang, ein Verrat.
Zum Glück war es noch nicht so weit, Kelborn musste auf seine Chance warten. Manchmal wünschte sie ihm Erfolg und manchmal auch wieder nicht. Jetzt allerdings wollte sie, dass er es den Eltern bewies. Er war in Hahl, um Freunde zu treffen, die ihm weiterhelfen konnten. Es wäre zu schön, wenn er in einer Hookband mitmachen könnte. Und sei’s vorerst nur zur Probe.
Aib verließ das Haus, sie war aufgeregt, die frische Luft würde ihr gut tun. Das Dorf lag ausgestorben da, mäßig von Punktlampen erhellt – man hatte sie erst im vorigen Jahr angebracht. Auch aus den Fischerhäusern drang Licht und vorn, in den Fenstern des „Seeigel“, tanzten bunte Reflexe. Laute Musik ertönte, ein Wettbewerb, bei dem die besten Amateure einen Preis erhielten.“ Und damit zu den ausführlicheren Vorstellungen der anderen Sonderangebote dieses Newsletters:
Erstmals 2001 erschien im Schweriner Verlag Stock & Stein der Band „Gegenwelten“ von Johannes Helm – mit Beiträgen von Ralph Giordano, Helga Schütz, Jürgen Borchert, Ulrich Schacht und Helga Schubert: Dies ist ein Buch voller Gegensätze: Der jetzt 86-jährige frühere Uniprofessor Johannes Helm legt hier keine Abhandlung über sein früheres Fach, die Psychologie, vor, sondern nach „Malgründen“, „Ellis Himmel“ und „Seh ich Raben, ruf ich, Brüder“ wiederum eine Sammlung seiner Bilder mit den unendlichen mecklenburgischen Himmeln. Manchmal ist ein winziger Mensch auf dem Bild, aber auch dieser Einsame scheint in sich zu ruhen, etwas Unsichtbares ist bei ihm, vielleicht wir als Betrachter? Anders als bei den vorigen Büchern stammen die Texte diesmal nicht vom Maler selbst, sondern er hat andere Schriftsteller um Texte zu seinen Bildern gebeten. So vereinigen sich ganz unterschiedliche Eindrücke und Thesen: Der fast gleichaltrige Ralph Giordano findet Bilder seiner Kindheit; Helga Schütz denkt die Personage der Bilder weiter, die ihren Alltag poetisch verändert; Jürgen Borchert versenkt sich ganz in die Märchenhaftigkeit eines einzigen Bildes und macht ein Rätsel daraus; Ulrich Schacht entdeckt die Unabhängigkeit dieser Kunst von den wechselnden Gesellschaftsordnungen; Helga Schubert spiegelt die Atmosphäre der Bilder und die Atmosphäre, in der sie entstehen, denn sie teilt seit Jahrzehnten sein Leben. Als einen dieser Texte greifen wir den märchen- und rätselhaften Beitrag des Schweriner Schriftstellers Jürgen Borchert zu einem Bild von Johannes Helm heraus, der inzwischen übrigens 92 Jahre alt ist und noch immer malt:
„DIE GESCHLOSSENE TÜR ZU DEM HAUS AUF DEM HÜGEL IN DEM BILD
Das gefleckte Pferd hebt den Kopf so hoch, dass er eine Linie bildet mit dem Hals des Tieres mit der schwarzen Mähne. Es schaut wie gebannt auf die Tür. Wartet es auf jemanden, der aus ihr heraustritt? Der sie öffnet und dann heraustritt aus dem kleinen weißen Haus mit dem schwarzen Dach? Mit ein paar Sprüngen könnte das Pferd den Hügel hinauf sein, wenn einer herausträte, um es zu locken. Dann spränge es den kleinen kahlen Hügel hinauf zu der schwarzen Tür in dem weißen Haus, das da oben steht zwischen den Birkenstämmen, die keine Kronen haben wie die gestorbenen Moorbirken in den Tümpeln, aber diese Birken stehen nicht in einem Tümpel, sondern auf dem Hügel, der sonst so ganz kahl ist, dass man zwischen den Stämmen der Birken ohne Kronen die Erde sehen kann, aus der der Hügel besteht oder gemacht ist.
Wer wohl in dem Haus wohnt? Vielleicht niemand, denn es hat gar keine Fenster. Oder aber die Fenster sind nicht zu sehen. Man sieht ja nur die Wand mit der Tür und den fensterlosen Giebel. So mögen ja noch Fenster sein in der uns nicht sichtbaren Rückwand oder in dem uns nicht sichtbaren anderen Giebel. Vielleicht wohnt gar niemand in dem Haus, denn es geht ja auch kein Weg hinauf zu der Tür, die immerfort geschlossen bleibt, solange das Pferd vom Fuße des Hügels auch hinausstarren mag.
Oder das Haus dient dem Angler, der, nicht weit von dem Pferd, ihm aber abgewandt, an dem Tümpel sitzt. Er könnte sein Gerät in dem Haus verwahren: die Angel, den Eimer. Er könnte, wenn er des Angelns müde geworden ist, auf den Hügel steigen und die Tür aufschließen und sein Gerät verwahren.
Oder es wohnt ein schönes Mädchen in dem Haus mit der geschlossenen Tür. Eine Fee wird es sein! Sie braucht keinen ausgetretenen Weg, um auf den Hügel zu gelangen. Sie schwebt hinauf und hinab, und manchmal schenkt sie dem Pferd Zuckerstücke und steigt auf seinen Rücken und fliegt mit ihm davon. Deshalb steht das Pferd so stumm und wartend und starrt immer auf die Tür, aus der die Fee treten wird, um es mit Zuckerstücken zu füttern und mit ihm davonzufliegen, über den Hügel und das Haus hinweg und auf den dunklen Waldsaum zu, der hinter dem Hügel und hinter der Wiese die Erde vom Himmel trennt. Die Wolken ziehen auch schon dorthin, und gleich, gleich wird die Fee mit dem Pferd ihnen folgen, hinter den Waldsaum, hinter dem das Wunderland liegt.
Aber der Angler? Er hat einen Hut auf dem Kopf, und den Kopf hält er gesenkt, und seine nackten Beine schauen aus den Hosen hervor unterm Knie. Er hält sie ins Wasser. Sein Gesicht ist nur ein heller kleiner Fleck, und seine Hände sind ebenso helle kleine Flecke und seine nackten Beine auch. Er sieht vor sich hin. Hinter ihm, einen kleinen Steinwurf weit, steht das Pferd. Er wendet sich nicht um. Er wird es nicht bemerken, wenn die Fee aus dem Haus tritt und dem Pferd den Zucker gibt und dann mit ihm davonfliegt über den Hügel weg und über die Wiese, mit den Wolken auf den Waldsaum zu. Nichts wird er bemerken.
Stumm wird er sitzen, die Füße im Wasser, den Kopf gesenkt. Später, wenn er des Angelns müde geworden ist, wird er hinaufgehen zu dem kleinen Haus zwischen den Moorbirken auf dem Hügel und wird sein Gerät verwahren. Er wird nicht bemerken, dass eine Fee in dem Haus wohnt. Er wird auch nicht bemerken, dass das Pferd nicht mehr da ist. Er wird die Tür verschließen und den Hügel hinabgehen und über den Koppeldraht steigen und auf den Feldweg treten. Dann wird er sich mit der linken Hand an dem kahlen, krummen, verzweigten Birkenstamm stützen und mit der rechten den Sand zwischen den Zehen seiner nackten Füße herausklauben. Vielleicht wird er sich dann die Stiefel anziehen, die am Fuß des kahlen Birkenstammes versteckt sind, und dann wird er nach links aus dem Bild gehen in den leeren Raum, in den der Feldweg hinter dem Birkenstamm führt, und wird verschwinden. Und weil auch das Pferd verschwunden ist, wird alles ganz leer sein, wenn die Nacht herabfällt.
Morgen beginnt das Märchen neu. Vielleicht kommt der Angler dann geritten mit dem Pferd. Und während er seine Füße ins Wasser stellt und einen frischen Wurm auf den Haken zieht, schaut das Pferd nach der geschlossenen Tür zu dem Haus auf dem Hügel in dem Bild und wartet auf die Fee.
So könnte es sein. Das Rätsel ist gemalt. Träume die Lösung!“
Erstmals 1998 veröffentlichte Wolfgang Held im Kinderbuchverlag Berlin „Wiesenpieper. Die lustig-traurige Geschichte eines Pechvogels“: Felix Ritter aus Bruselfeld scheint seinen Spitznamen aus frühesten Kindertagen zu Recht zu tragen. Er hat das Pech gepachtet und spielt ungewollt den Dorfclown. Doch dann muss der junge Mann, den alle nur Wiesenpieper rufen, seinen Grundwehrdienst ableisten. Er traut seinen Augen nicht, als seine alte verwaschene Jeanshose zum Abschied ganz oben an der Kirchturmspitze hängt. Felix tröstet sich: Das Kasernengelände ist groß, dort kennt ihn und den verhassten Spitznamen Wiesenpieper niemand. Wirklich niemand? Mit viel Humor schildert der Autor, wie der Tollpatsch Wiesenpieper zu einem selbstbewussten jungen Mann heranreift. Das spannende Buch entstand 1988 nach dem DEFA-Film von 1983 in der Regie von Hans Knötzsch, für den Wolfgang Held das Drehbuch geschrieben hatte. Hier der Anfang des 3. Kapitels, in dem Wiesenpieper schon bei der „Fahne“ ist:
„DAS 3. KAPITEL
berichtet von einem Klariklaro-Mann, von Felix Ritters Wasserspielen, einem waghalsigen Sprung und wie sich neues Unheil zusammenbraut.
Elf Tage später hatte Felix Ritter den peinlichen Zwischenfall im Zugabteil längst vergessen. Der Angeber Bruno und dessen Begleiter waren ihm nur noch einmal vor dem Bahnhof begegnet, kurz vor der Abfahrt mit dem Bus zur Dienststelle. Bald darauf war der junge Bruselfelder inmitten einer Schar weiterer Ankömmlinge durch das Kasernentor marschiert, vorüber an einem Wachposten, dem ein ganz merkwürdiges Grinsen unter der Nase gehangen hatte.
Ein hoher Drahtzaun sicherte die Wohnblocks, die Stabs- und Küchengebäude sowie die Hallen für alle schweren Waffen, Fahrzeuge und Geräte des mot. Schützenregiments. Bewaffnete Posten sicherten entlang des Zaunes bei Tag und Nacht zuverlässig diese kleine Soldatenstadt.
Ein Kulturhaus mit Kinosaal, Bibliothek und vielen Hobbyräumen gehörte ebenso zur Dienststelle wie mehrere Sportplätze, eine Turnhalle und viele Fernseh-, Billard-, Schach- oder Tischtenniszimmer. Sogar eine Kegelbahn fehlte nicht.
Der besondere Stolz des Kommandeurs galt einem großflächigen Aquarienkeller mit vierunddreißig Bassins und zweiundvierzig verschiedenen Zierfischarten. Zudem gab es dort ein Terrarium, in dem drei wohlgenährte, schillernde Riesenschlangen von Soldaten in der Freizeit liebevoll umsorgt wurden.
Die Größe des Kasernenbereiches mit all den Häusern und Hallen, den Plätzen, Straßen, Wegen und kleinen Parkanlagen hatte Felix‘ banges Befürchten hinsichtlich unerwünschter Begegnungen mit der Lästerzunge Bruno bald zerstreut. Ihm war sehr schnell klar geworden, dass in dieser Umgebung zwei einander nicht sonderlich gutgesinnte Typen unbekümmert monatelang umhertraben konnten, ohne dass einer dem anderen dabei jemals ins Blickfeld geraten musste.
Das Plagewort Wiesenpieper schien also tatsächlich am Kasernentor gestoppt worden zu sein.
Oder nicht? Lag der Spitzname nur irgendwo heimtückisch auf der Lauer?
Für Felix blieb in der neuen Umgebung vom ersten Vormittag an kein Raum zum Nachdenken über erduldeten Spott und durchlittenes Missgeschick. Nahezu stündlich widerfuhr ihm nun Ungewohntes, beginnend mit dem Empfang der Soldatenkleidung und der dazugehörenden, ulkig-altfränkisch geschnittenen Hose bis zum Erlernen der hohen Kunst des scharfkantigen, faltenlosen Bettenbaues. Befremdliche Pflichten und strenge Regeln zwängten ihn eng ein und erlaubten keinen Augenblick beschaulichen Sinnierens irgendwo an einem stillen Plätzchen. Der Dienstplan schrieb auf die Minute genau das Geschehen vom Wecken früh sechs Uhr bis zum Zapfenstreich pünktlich zweiundzwanzig Uhr vor. Er lernte dabei schnell, dass das Soldatsein keine vergnügliche Abwechslung ist, kein unterhaltsames Spiel mit der Möglichkeit, kurzerhand auszusteigen, wenn man keinen Spaß mehr daran findet.
Soldatengehorsam, das ist wie bittere Medizin, war dem jungen Bruselfelder klar geworden. Einsicht in das Notwendige macht keinen Schluck davon süß!
„Mal alle Lauscher auf Empfang stellen!“, hatte Unteroffizier Jungmann, der Gruppenführer, den sechs Bewohnern der Stube 4 des dritten Zuges der zweiten Kompanie befohlen, zu denen Felix Ritter gehörte. „Ihr seid hier in diese Kaserne gekommen, weil euch für eine bemessene Zeit die wichtigste, verantwortungsvollste und härteste Aufgabe übertragen wurde, die es im Leben eines Bürgers unserer Republik überhaupt gibt, klariklaro? Ihr sollt unser Land schützen! Das ist schwerste Männerarbeit! Alle Leute zwischen Kap Arkona und dem Inselsberg verlassen sich darauf, dass der Frieden einen sicheren Schild hat, der auch dort, wo ihr nun steht, selbst im schlimmsten Sturm und Hagelschlag kein Loch bekommen kann, klariklaro? Das schafft ihr freilich nur mit eiserner Disziplin, unbedingtem Gehorsam und als starke Asse im militärischen Können. Also ist Ausbildung nötig und euer Einsatz gefordert. Volle Pulle, klariklaro? Und wenn das mal einer allein nicht total in den Griff kriegt, dann packen wir den Brocken gemeinsam. Es kann vorkommen, dass einer aus unserer Gruppe mal vom dicken Hund umgeschmissen wird, aber liegen bleibt mir keiner, klariklaro?“
Jenes letzte, nervstechende Lieblingswort des Unteroffiziers gehörte ebenso unverwechselbar zu ihm wie seine Vorliebe für grüne Gummibonbons. Schon nach der ersten Woche wusste Felix, dass ihn dieses „Klariklaro“ noch im Rentenalter aus dem Schlaf schrecken und ihm manche schönen Träume verderben würde. Zuweilen freilich klang es in seinen Ohren auch wie wunderfeine Musik. So beispielsweise einmal auf dem Exerzierplatz, wo den Neuen militärischer Gleichschritt, sportlich straffe Körperhaltung und diszipliniertes, gemeinschaftliches Handeln beigebracht wurde.
Der dritte Zug der zweiten Kompanie übte Wendungen in der Bewegung. Im Gleichschritt trommelten achtzehn Stiefelpaare knirschenden Takt. Soldat Ritter zeigte, dass aus Bruselfeld keine krummbuckeligen Schlapphänse und bleifüßigen Schlurfgänger kamen. Er marschierte aufrecht, schaute frei geradeaus über die Schultern seines Vordermannes und schwenkte die Fäuste im Trittrhythmus bis zur Koppelhöhe.
Niemand konnte ihm ansehen, dass in seiner Brust ein kleines Zittern nistete.
Wann stolpere ich und lasse im Hinstürzen den ganzen Zug durcheinanderpurzeln? ging es ihm bänglich durch den Sinn. Wann trete ich aus Versehen dem Jungen vor mir auf die Ferse, dass der losbrüllt und eine Prügelei anfängt? Wann schlägt es zu, mein dreimal verdammtes Wiesenpieperpech?
Nichts passierte!
„Die Knie durchdrücken!“, donnerte die Stimme des kommandierenden Unteroffiziers Jungmann über den Platz. „Hier bewegen sich die Schützen des dritten Zuges und keine Plüschtiere! Das ist hier keine Tangomeisterschaft! Keine Übung für Anschleicher! Sehr gut die Soldaten Kröpke, Helfrich und Ritter! So muss das aussehen, klariklaro?!“
Das Lob ließ Felix sofort einen halben Zentimeter wachsen, zumal er merkte, wie vor und neben ihm die Schritte fester und die Armschwünge kräftiger wurden. Ich bin das gute Beispiel, jubelte er innerlich. Zum ersten Mal in meinem Leben sagt einer so was … Zum allerersten Mal!
Und dabei sollte es nicht bleiben!
Dem nächsten Lob, das der Unteroffizier mit dem ihm eigenen schrulligen Zungenschlenker krönte, gingen allerdings erst einmal vier gepfefferte Rüffel voraus. Drei davon trafen die ganze Gruppe. So sprangen die sechs Bewohner der Stube 4 morgens nach dem schrillen Getriller der Signalpfeife und dem geschmetterten „Nachtruhe beenden! Raustreten zum Frühsport!“ des Unteroffiziers vom Dienst ihrem Vorgesetzten nicht wieselflink genug aus den Betten. Sie erschienen dann, wie Jungmann ebenso lautstark wie ätzend urteilte, im Tempo doppelseitig amputierter Sumpfschildkröten zum Frühsport.
Ein paar Tage später bemängelte der Gruppenführer die ausnahmslos schlecht geputzten Stiefel seiner Unterstellten und ließ die Genossen nach einem mehrminütigen Donnerwetter und einem schneidenden „Klariklaro?“ noch am gleichen Abend in der Freizeit so lange bürsten und polieren, bis das gesamte Schuhzeug der Gruppe im spiegelnden Glanz schaufensterreif strahlte.
Nur wenige Tage darauf folgte eine diesmal sogar mit vier peitschenden „Klariklaros“ gespickte Standpauke, nachdem der Kompaniechef während des Stubendurchgangs bei den Soldaten der Gruppe Jungmann vergeblich nach wenigstens einem tadellos eingerichteten Spind gesucht hatte.
Überall Verstöße gegen die militärische Schrankordnung!
Einer der Stubenbewohner hatte die Uniformen nicht im Fach für Oberbekleidung auf der rechten Schrankseite vorschriftsmäßig mit der Vorderseite nach links und nicht in der angeordneten Reihenfolge aufgehängt, bei zwei anderen Genossen zeigten die Öffnungen der Kleiderbügelhaken nach vorn anstatt ordnungsgemäß zur Rückwand des Schrankes, zwei Soldaten hatten offensichtlich ihre Tuchuniformen vor dem Weghängen nicht gründlich ausgebürstet, und in Felix‘ Schrank fand der Kompaniechef zum Entsetzen des dabeistehenden Gruppenführers ganz hinten im Fach für Speisegeschirr und Lebensmittel ein paar glücklicherweise wenigstens noch frisch-weiße, unbenutzte Fußlappen.
Das Wortdonnerwetter dauerte siebeneinhalb Minuten!“
Das zweite, in der NVA spielende Buch von Wolfgang Held trägt den Titel „Härtetest“ und erschien erstmals 1978 im Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik: Der Zufall hat sechs junge Menschen für länger als ein Jahr zusammengeführt. Unter ihnen den Baumaschinisten Andreas, den Oberschüler Egon und Heinz, der bisher in einer Melkerbrigade gearbeitet hat. Alle tragen die Uniform der NVA, gehören einem mot. Schützenregiment an und wohnen auf derselben Stube. Ihre Dienstzeit hat eben erst begonnen. Mancher steht noch mit einem Bein im Zivilleben, und jeder hat seine eigenen Probleme. Andreas zum Beispiel mit seiner Frau. Doris erwartet ein Kind und möchte ihren Mann lieber heute als morgen wieder bei sich haben. Doch der trägt sich mit dem Gedanken, länger als achtzehn Monate bei der Fahne zu bleiben. Unaufhaltsam steuert die junge Ehe in eine Krise. Andreas muss unbedingt vierundzwanzig Stunden nach Hause fahren, um Doris vor einem nie wieder gutzumachenden Schritt zu bewahren. Gerade will er um Urlaub bitten, da heult in den Kasernen die Alarmsirene. Das Regiment rückt zu einer Übung aus, die das Letzte von den Soldaten fordert. Andreas steht zwischen militärischer Pflichterfüllung und persönlichem Zwang. Wie soll er sich verhalten? Der Fünfundzwanzigkilometermarsch wird für ihn und seine Stubenkameraden zu einer nicht enden wollenden Bewährungsprobe. Das wegen der spannenden Wiedergabe der Probleme junger Leute auch heute interessante Buch wurde 1978 vom Fernsehen der DDR verfilmt. Im folgenden Ausschnitt haben Andreas und Doris etwas Wichtiges miteinander zu bereden – am Kasernenzaun:
„Ein Kuss. Der Zaun schneidet ihr und ihm Waffelmuster ins Gesicht, aber sie spüren es nicht. Das zärtliche Spiel ihrer Hände ersetzt die Umarmung. Endlich löst sich Doris aus dem roten Nebel, in dem jeder Gedanke versinkt. Es fällt ihr schwer. Sie ist benommen und außer Atem.
„Ich … Ich verstehe dich nicht, Andy“, sagt sie stockend.
Er berührt mit seinen Lippen sanft ihre Finger. „Dreiundfünfzig Tage“, sagt er. „Du, das war schwer ohne dich.“
„Hör doch mal zu! Du darfst nicht unterschreiben, verstehst du?“
„Ich liebe dich, Doris!“
„Geh hin und sag ihnen, dass es voreilig war, dass du es dir anders überlegt hast. Sag ihnen, was du willst, aber tu es nicht!“
„Sei doch vernünftig, Doris …“
„Du, Andy, du musst jetzt vernünftig sein!“ Sie umklammert seine Hände in den Drahtmaschen. Die Zärtlichkeit ist versickert. Ihre Erregung sitzt tief. Sie fürchtet sich und verrät es mit jeder Silbe. „Soldat auf Zeit, als ob das unbedingt nötig ist. Heutzutage! Die ganze Welt spricht von Frieden, von Abrüstung, und du … Und ich? Was du vorhast, das heißt doch für mich so viel wie immer allein sein, und das für Jahre!“
„Bitte, Doris“, sagt Andreas so behutsam, wie er nur kann. Vom Lesen ihres Briefes, der vor zwei Tagen gekommen ist, bis zu diesem Augenblick hat er die ganze Zeit gehofft, dass sie sich ihren hitzigen Einspruch gegen seinen Entschluss noch einmal überlegt. Aber nun ist alles noch viel schlimmer als vorher. Dabei haben wir doch schon über das Längerdienen gesprochen, denkt er, es ist noch gar nicht so lange her. Aber anscheinend hat sie es nicht ernst genommen.
„Ich werde hier gebraucht, Doris“, sagt er. „Leutnant Winter ist ziemlich sicher, dass ich alle Voraussetzungen mitbringe, die für den Soldatenberuf nötig sind. Und die Genossen in meiner Parteigruppe haben mir ebenfalls Mut gemacht.“
„Warum ausgerechnet du?“, fragt sie und schaut ihn an. Ihre graugrünen Katzenaugen mit dem Goldstaubflimmer können kalt sein wie Kiesel im Gletscherwasser. „Du hast eine Frau, hast deinen Beruf als Baumaschinist und einen Platz, auf dem du gebraucht wirst. – Gibt’s nicht genug Ledige für die Armee?“
Weshalb begreift sie mich nicht, denkt Andreas und fühlt sich auf einmal müde wie nach einer schlaflosen Nacht. Er sieht hinüber zu den Kasernenblocks. „Von den Unteroffizieren und Offizieren da drüben sind die meisten verheiratet“, sagt er. „Sie haben Frauen und Kinder und sicher auch einen Zivilberuf, wenn sie nicht gleich nach dem Abi …“
„Verstehst du nicht, dass du alles kaputtmachen würdest?“, unterbricht ihn Doris erneut. Sie beherrscht sich jetzt, ist nicht mehr so heftig wie vorhin. „Schau dich doch um, Andy. Lange Trennung ist Gift für Ehen. Ohne Ausnahme. Die Beckers – geschieden! Evi und Gerd – geschieden! Und bei deinem Bruder ist es auch bald so weit, wenn er nicht schnell mit der Außenmontage aufhört.“
„Aber Mädchen, es gibt doch Hunderte von Gegenbeispielen. Tausende!“
„Ja“, sagt Doris ruhig, „deine Eltern zum Beispiel oder meine. Zwanzig Jahre und mehr verheiratet. Glücklich! Aber weißt du auch, weshalb? Weil sie beieinander sind! Den Tag für die Arbeit, doch die Abende, die Wochenenden, die Feiertage gehören ihnen. Die lassen sie sich nicht wegnehmen. Das sind die Stunden, in denen eine Ehe zusammenwächst.“
„Aber Doris …“
„Glück gedeiht nur gemeinsam, da kannst du sagen, was du willst!“
„Aber ich will doch nicht zur Wega fliegen.“
„Jedenfalls für mich ist Glück nicht anders denkbar.“
„Gegen Sehnsucht und Trennung gibt es immer noch Fahrkarten. Andere müssen auch warten.“
„Und ziemlich lange, wenn Männer wie du, die neue Häuser bauen sollen, für Jahre zur Armee gehn!“
Jetzt wird sie mir gleich erzählen, denkt Andreas Jungmann, dass zu Hause in der Südstadt abends der Kran stillsteht, weil sie in der zweiten Schicht für meinen Platz oben in der Kanzel noch keinen anderen haben. Jetzt wird sie sagen, dass bewaffneter Schutz und Frieden große Worte sind für Leute, die immer noch zwischen abrissreifen Mauern hausen müssen oder zu viert in einer Hinterhauswohnung ohne fließendes Wasser und das Klo auf dem Hof. Baustellen für Wohnungen, wird sie sagen, das sind Kampfabschnitte, und der Platz dort ist mindestens ebenso wichtig wie der in einem Panzer, hinter einem Maschinengewehr oder in einer MiG. Und ich kann ihr nicht einmal widersprechen. Ich habe nur Worte. Große Worte, gewichtig wie Granitblöcke: Verantwortung. Pflicht. Notwendigkeit …
„Das ist doch Stabüstunde“, sagt Doris Jungmann, genau wie er es erwartet hat. Um den in ihrem schmalen Gesicht ein wenig zu groß wirkenden Mund breitet sich ein Zug von Bitterkeit aus. „Sprüche sind das!“
„Und du bist unsachlich, Doris!“, fährt Andreas sie verärgert an. Im nächsten Moment blickt er besorgt zum Postenturm hinauf, aber dort bleibt es still. Eine Weile stehen sie einander stumm diesseits und jenseits des Zaunes gegenüber. Ihre Hände sind von den Drahtmaschen geglitten. Doris bricht endlich das Schweigen, Ihre Stimme klingt überraschend sanft und zärtlich.
„Du hast recht, Andy“, sagt sie. „Wir müssen sachlich sein. Du und ich. – Du willst den Frieden schützen. Die Heimat, die Zukunft, die Wiesen und die Felder. Ich weiß, dass es dir damit ernst ist, aber wenn unser Baby im Zahnfieber schreit – du wirst nicht da sein! Wenn es die ersten Schritte macht – du wirst es nicht halten! Und wenn es erst sprechen kann, wird es immer am ersten Urlaubstag Angst vor dir haben und Onkel zu dir sagen.“
Andreas Jungmann traut seinen Ohren nicht. Er will ihr begreiflich machen, dass er sie missverstanden hat. Doch er schluckt nur und bringt keine Silbe über die Lippen. Doris beobachtet ihn. Ihre Augen glitzern. Sie spürt, dass ihr die Überraschung gelungen ist, „Du siehst nicht gerade aus wie einer, der sich freut, Vater zu werden“, sagt sie.
„Vater, das ist doch …“ Er begreift die Neuigkeit nur allmählich. Dann zieht ein großes, glückliches Staunen über sein Gesicht. „Mensch, Doris! Ein Kind?“
Sie nickt und lächelt. „Ein Kind, das dich braucht, Andy. Deshalb musst du mir versprechen, dass du dir das mit dem Längerdienen noch einmal überlegst. Gib mir dein Wort darauf, bitte. Jetzt gleich!“
Andreas kann es immer noch nicht fassen. „Mädchen, ein Kind! Wissen sie es zu Haus schon?“
„Dein Ehrenwort, Andy, sonst wird das Kind nicht geboren.“
„Was soll das heißen?“
„Du verstehst mich ganz richtig.“
Stille. Andreas starrt seine Frau an. Sie weicht seinem Blick nicht aus. „Ich bin angemeldet“, erklärt sie. In ihrer Stimme ist nicht die kleinste Unsicherheit. Nichts deutet ihre Furcht vor der Stunde an, in der diese Entscheidung unwiderruflich werden könnte. „Übermorgen um acht Uhr im Kreiskrankenhaus. Der Arzt sagt, nächste Woche kann ich schon wieder arbeiten.“
„Das darfst du nicht machen!“ Andreas erkennt, dass Doris genau weiß, was sie sagt. Seine Stimme klingt unsicher. „Dazu hast du kein Recht, Doris.“
„Wer sonst?“
„Es ist mein Kind genauso wie dein Kind!“
Doris schüttelt den Kopf. „Eben nicht, Andy. Jedenfalls nicht, wenn du das wahr machst mit dem Längerdienen.“
„Bitte, Doris, das ist doch …“
„Eine nüchterne Tatsache. Dein Kind wäre es nur an ein paar Wochenenden im Jahr oder während des Urlaubs. Ein richtiger Vater ist jeden Tag da. Oder wenigstens fast jeden Tag.“
So geht das nicht, denkt Andreas. Mit einem Zaun zwischen uns und einem Posten, der eine Menge Ärger kriegen kann, wenn wir nicht bald aus seinem Bereich verschwinden. Ich brauche Zeit und einen Platz, an dem wir in Ruhe reden können, jetzt geht es gar nicht darum, ob sie mit dem Längerdienen einverstanden ist. Jetzt ist erst einmal das Kind wichtig.
„Am Sonnabend kriege ich Ausgang“, sagt er. „Wir müssen das alles besprechen. Gründlich und vernünftig, nicht zwischen Zaun und Posten. Ich hole dich vom Mittagszug ab.“
Doris schluckt. Sie will jetzt hart und kalt bleiben, und das gelingt ihr auch, aber in ihrer Brust krampft sich etwas zusammen und schmerzt wie eine Wunde.
„Gib mir dein Ehrenwort, dass du keinen Tag länger als achtzehn Monate bleibst, und ich werde am Sonnabend mit dem Mittagszug kommen. Oder ich liege im Krankenhaus.“
„Mach doch keinen Unsinn, Mädchen. Lass uns erst einmal miteinander reden …“
Sie fällt ihm ins Wort: „Reden! Du willst nicht reden, Andreas, du willst mich rumkriegen.“ Sie merkt, wie ihr das Weinen hochsteigt. Aber er soll keine Tränen sehen. Nicht noch einmal wie damals in der Abschiedsstunde. – Mit einem Kind ist alles anders, denkt sie. So ein Kind lebt und wächst und bindet, es braucht beide, die Mutter genauso wie den Vater. Erst ein Kind macht aus einem Ehepaar eine Familie … Eine Familie!
„Du musst wissen, was dir mehr wert ist“, sagt sie. „Eine Familie oder das dort drüben.“ Sie tritt zurück und deutet flüchtig zu den Kasernen hin. „Du kannst mich ja anrufen. Im Kaufhaus. Bis morgen Abend. Ich muss jetzt gehen.“
„Warte noch, Doris, ich lasse dich so nicht weg!“
„Tschüs, Andy!“ Sie schaut ihn an und hebt die Hand. „Ich wünsche mir sehr, dass du anrufst, Andreas … Sehr!“ Sie schwenkt die Hand ein wenig, wendet sich um und geht. Andreas krallt die Finger in die Maschen.
„Doris!“, ruft er laut. „Doris, hör doch! Am Sonnabend! Ich warte am Bahnhof! Ich warte!“
Doris blickt sich nicht um. Sie hat Angst, dass sie dann umkehren und alles zurücknehmen könnte. Sie geht schneller. Das dichte, schulterlange Haar weht ihr ins Gesicht.
„Nun ist aber Sense, Mensch!“, schreit der Posten vom Turm herab Andreas an. „Weg da vom Zaun!“
Andreas Jungmann beachtet die Aufforderung nicht gleich. Er schaut seiner Frau nach, bis sie hinter dem Ackerhügel verschwunden ist, erst dann dreht er sich um und geht auf die Kasernenblocks zu.
„Scheißspiel!“, brummt der Posten, der auf seinem Turm die junge Frau noch sehen kann und das weiße Tuch, das sie sich jetzt vor das Gesicht hält.“
Erstmals 1988 veröffentlichte Christa Grasmeyer im Verlag Neues Leben Berlin „Friederike und ihr Kind“: Eine gute Mutter will sie sein, und Benny versucht als Vater auch sein Bestes. Aber sie sind beide erst fünfzehn und hätten nicht gedacht, dass es so schwierig werden würde. Friederike will die 9. Klasse nicht wiederholen und die Mutter soll ihr das Baby auch nicht abnehmen, es ist ja ihr Kind. Und Benny möchte nicht immer nur bei Freundin und Kind hocken. Er hat sich schon bei der Seereederei beworben und segelt so gern mit seinem Freund auf dem Schweriner See. Wir treffen Friederike, die junge Mutter, kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes:
„Die Hebamme jedoch ist offenbar der Meinung, ein Mensch habe sich, sobald er geboren ist, unverzüglich den Anforderungen des Lebens zu stellen. Sie rüttelt das Kind wach. Aus einer Flasche schüttet sie etwas Flüssigkeit zum Verreiben in Friederikes Hände und in ihre eigenen, und sie bestreicht Friederikes Brust damit. Dann drückt sie das Gesicht des Kindes gegen die Brust, und weil es noch nicht weiß, dass es den Mund aufmachen muss, klopft sie ihm auf den Po, bis es schreit. Da reißt es natürlich den Mund auf. Als es die Brustwarze bemerkt, verstummt es überrascht und beginnt zu saugen.
Friederike spürt ein noch nie empfundenes, lustvoll ziehendes Gefühl in der Brust. Sie nimmt die Brille ab und legt den freien Arm über ihr Gesicht. Die Hebamme sieht dem Kind eine Weile zu und erzählt, wie groß und wie schwer es sei, und warum Friederike sich mit dem Stillen immer recht viel Mühe geben müsse.
Friederike ist froh, als die Hebamme sie wieder allein lässt. Alles hat sie gelesen, was sie in der Bibliothek an entsprechender Literatur hat finden können. Ganz genau hat sie sich informiert, wie eine Geburt verläuft, und über das Stillen weiß sie auch Bescheid, und trotzdem ist sie nun so aufgewühlt und überwältigt, als hätten die Erlebnisse der letzten Stunden sie völlig unvorbereitet getroffen, als hätte sie sozusagen aus heiterem Himmel, ohne jede Vorankündigung, ein Kind gekriegt.
Sie bewundert ihr Kind. Anscheinend kann es viel besser damit fertig werden, dass es plötzlich und ohne jede Vorankündigung aus seinem gewohnten Dasein gerissen worden ist. Es saugt energisch, es hält die Fäustchen geballt, und zwischen seinen Brauen steht eine kleine Falte, die dem Gesicht einen drolligen Ausdruck von Entschlossenheit verleiht. Vielleicht müht es sich vergeblich, weil noch gar keine Milch kommt, aber selbst dieser erste Misserfolg seines Lebens macht ihm nichts aus. Nach einiger Zeit sinkt es zufrieden in den Schlaf zurück.
Die Hebamme bringt das Telefon. Sie nimmt Friederike das Kind ab und trägt es zum Glaskasten unter die Wärmestrahler.
„Benny!“, ruft Friederike atemlos.
Die Stimme ihrer Mutter antwortet: „Ich bin’s, Fritzchen. Wie geht es dir?“
„Gut. Wo ist Benny?“
Sie horcht, bis Bennys brüchige Jungenstimme „Hallo“ sagt. Auch ihm scheint vor Spannung die Luft wegzubleiben.
„Benny!“ Sie fasst den Hörer mit beiden Händen. „Benny, wir haben einen Sohn. Unser Domenico ist da.“
„Super!“, schreit er.
„Ich hab ihn eben gestillt“, sagt sie hastig, denn sie fürchtet, man würde ihr das Telefon nicht lange lassen, und sie hat Benny doch so viel zu erzählen. Sie verheddert sich und redet alles durcheinander, vom Stillen, von den Wehen, von Domenicos erstaunlicher Lernfähigkeit, vom Arzt, der selten ein so schönes Kind wie Domenico gesehen habe, und immer wieder von den Schmerzen. „Kein Mensch kann sich solche Schmerzen vorstellen.“
„Ich hab’s aber versucht“, wirft Benny ein. „Ich hab mir zwei Finger in die Mundwinkel gehakt und die Lippen breitgezerrt. Ich wollte wissen, wie das ist, wenn eine kleine Öffnung riesengroß aufgerissen wird, also wenn ich zum Beispiel einen Fußball durch den Mund zwängen müsste.“
„Ja“, sagt Friederike. „Der Vergleich mit dem Fußball stimmt ungefähr. Ich musste hinterher genäht werden.“
„Mit Nadeln ins Fleisch gestochen?“
Im Hintergrund werden Fragen laut. Friederike hört, wie Benny antwortet: „Ein Junge“, und wie ihre Mutter die Neuigkeit weitergibt: „Ein Junge, Dieter, ein Junge!“
„Man müsste Embryonen im Reagenzglas aufziehen“, fährt Benny fort. „Bestimmt wird das später mal gemacht. Dann gehen Vater und Mutter hin und gucken zu, wie aus dem hässlichen, qualligen Wesen nach und nach ihr Kind wird.“
„Das würde mir, glaub ich, nicht gefallen. Nein, ich hätte unseren Domenico nicht wie eine Topfpflanze aus der Gärtnerei holen wollen.“
„Ich meine auch nicht, wie eine Topfpflanze. Ich meine eher ein Gefäß wie ein Aquarium, das könnte sogar in der Wohnung stehen …“
Er wird unterbrochen. Die Mutter hat ihm den Hörer weggenommen. Sie will nun endlich sachliche Informationen erhalten. Wieso ist denn Friederike mit Nadeln gestochen worden? „Aha, ein Dammriss. Ja, das kommt häufig vor. Und der Junge, ist er gesund? Wie viel wiegt er?“
„Dreitausendzweihundert Gramm. Ich hab ihn eben schon gestillt!“
„Gratuliere, mein Fritzchen. Wir freuen uns. Wir kommen nachher zur Besuchsstunde.“
„Aber Benny auch.“
„Natürlich“, sagt die Mutter.
Das Gespräch hat Friederike angestrengt, ihr ist heiß geworden. Ihre Hände zittern, als sie sich wäscht. Die Hebamme hat eine Schüssel mit Wasser gebracht und gefragt, ob sie ihr helfen solle. Das hat Friederike abgelehnt. Was andere Frauen können, will sie ebenfalls können. Sie zieht ihr Hemd aus und wäscht sich das Gesicht, den Hals und die Arme.
Dann liegt sie auf einer fahrbaren Trage. Das Bett, in dem sie entbunden hat, wird frisch bezogen. Domenico ist bereits fort, eine Schwester hat ihn abgeholt. In dem Glaskasten unter den Wärmestrahlern schreit ein Kind, das noch jünger ist als Domenico.
Friederike hat ihre Armbanduhr wieder umgebunden und stellt fest, dass es drei Uhr am Nachmittag ist. Früh am Morgen hat sie zu Hause im Bett etwas Blut gesehen. Da hat die Mutter gesagt: „Es hat gezeichnet.“ Und als der Vater mit seinem Taxi von den Nachtfahrten kam, hat er Friederike und die Mutter zur Klinik gefahren. Sie berechnet die Zeit. Sie hat sieben Stunden gebraucht, um ihr Kind zur Welt zu bringen.
Sie wird auf der Trage durch die Flure zur Station geschoben. Im Zimmer sind drei Betten, oder vielmehr sechs, die Körbchen der Kinder eingerechnet. Für Friederike ist das mittlere der drei Betten bereit.
Sie grüßt freundlich und fängt gleich an, ihr langes Haar zu kämmen und zu flechten, denn sie will beschäftigt sein unter den prüfenden Blicken von links und rechts. So unbefangen wie möglich erzählt sie, dass ihr Sohn dort in dem Körbchen dreitausendzweihundert Gramm wiege und Domenico heißen solle.
Die Frau, die im Bett an der Wand liegt, beobachtet sie stumm. Friederike schätzt, dass sie vielleicht dreißig sein könnte. Die andere, im Bett am Fenster, ist jünger, auch lebhafter. Sie steht auf, zieht sich einen Bademantel über und begutachtet Friederikes Kind, und sie holt ihr eigenes Kind aus dem Körbchen und zeigt es Friederike. Dann steht sie da, mit dem Kind im Arm, und sieht Friederike an.
„Sag mal, wie alt bist du eigentlich?“
Friederike erwidert den Blick durch die großen Brillengläser. „Fünfzehn“, antwortet sie.
Und mit dieser Altersangabe ist noch einmal das Problem umrissen, das die beiden jungen Leute, Friederike und Benny, haben. Sie sind jung, sehr jung. Und das gilt sogar für jene Zeiten, als man in der damaligen DDR oft sehr jung geheiratet und ebenfalls sehr jung Kinder bekommen hatte. Aber schon mit fünfzehn? Werden es Friederike und Benny trotzdem schaffen? Und wer hilft ihnen dabei, für sich und für ihren kleinen Jungen zu sorgen, der übrigens einen seinerzeit recht ungewöhnlichen Vornamen hat?
Viel Vergnügen beim Lesen und Begleiten der jungen Familie, weiter eine schöne Adventszeit und bis demnächst.

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