Befangene Männer, ein hübsches Mädchen und ein Ungeheuer sowie mit dem Rollstuhl um die Welt

Pinnow, 21.11.2019 (lifePR) – Es ist ein ebenso ungewöhnliches wie spannendes zwischenmenschliches Experiment, welches da im ersten der insgesamt fünf aktuellen Angeboten dieser Ausgabe beschrieben wird, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 22.11.19 – Freitag, 29.11.19) zu haben sind. Ausgangspunkt des Gegenwartsromans mit utopischer Komponente „Der sechste Sinn“ von Wolfgang Schreyer ist die Idee, ein diskret tragbares Gerät zur elektronischen Partnersuche zu konstruieren. Drei Männer tun dies und wollen es offenbar an einer ihnen gut bekannten Frau ausprobieren, für die sie sich interessieren. Doch die attraktive Vera bringt die drei Männer ihrerseits in ziemliche Verwirrung.
Zumindest überrascht von einem unerwarteten Heiratsantrag ist ein sehr schönes Mädchen im vierten Band der Nikolai-Bachnow-BücherDer Fluch des Drachenkönigs“ von Aljonna und Klaus Möckel
Außerdem empfiehlt dieser Newsletter gleich zwei Bände der Reise-Essays von Hans-Ulrich Lüdemann, der mit seinem Rollstuhl um die Welt reist – „San Francisco and so on“ (Happy Rolliday I) und „Kapstadt und so weiter“ (Happy Rolliday II).
Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Und da hat die Literatur schon immer ein gewichtiges Wort mitzureden und heute erst recht. Das Thema des heutigen Buches ist mit einem einzigen Wort beim Namen genannt – Genmanipulation.
Erstmals 2000 veröffentlichte Alexander Kröger im Eigenverlag Kröger-Vertrieb Cottbus den Science-Fiction-Roman „Saat des Himmels“. Dem E-Book liegt die 2. überarbeitete Auflage zugrunde, die 2011 im Projekte-Verlag Cornelius Halle erschienen war: Vor etwa 2000 Jahren landen Außerirdische im Nahen Osten auf der Erde und erforschen die „Zivilisierten“, die sie dort vorfinden. Sie sind sich uneins in der Frage, ob man auf diese Primitiven nicht doch ein wenig Einfluss nehmen sollte, um sie auf den rechten Weg in eine Welt des Friedens zu bringen. Die Expeditionsleitung hat jeden Eingriff strikt verboten. Aber drei von ihnen zeugen heimlich zwei von ihnen genmanipulierte Menschen. Joshua wird von einer Jungfrau geboren und ihr Mann Jossip erkennt den Sohn der Götter an. Im folgenden Textausschnitt wird eine Annäherung an die „Zivilisierten“ geschildert, die manche Überraschung mit sich bringt:
„Sie näherten sich im Schutz der Schilde dem Biomobilen, der ein Vernunftbegabter sein sollte, zu dritt – zunächst in geschlossener Reihe. VonEtali, als Verantwortliche für den Lander, musste selbstverständlich zurückbleiben; sie beobachtete außerdem von dort aus das Umfeld.
Die drei verteilten sich sternförmig in geringem Abstand um das Objekt und verständigten sich über den Flüstergenerator.
Was sie sahen, setzte sie zunächst arg in Erstaunen: Das Wesen bewegte sich langsam, suchend am Fuße des Felsens, sammelte offenbar abgestorbene Teile von Biostationären und warf sie auf einen Haufen. Auffallend, beinahe bewunderungswürdig, war die Beweglichkeit dieses Planetenbewohners, die immer wieder den Gleichgewichtssinn aufs Höchste beanspruchte.
Bei solchem Getue hieß es aufzupassen, diesem nicht in den Weg zu geraten und das Ausweichen so geräuscharm wie möglich zu vollziehen. Nicht vermeiden ließ sich, dass sich unter der Last der Körper der spärliche, niedrige Bewuchs an den Boden presste. Aber es ging ein Wind, der die Halme ohnehin bewegte. Jedenfalls schenkte der emsige Sammler dem keine Beachtung – oder er sah es einfach nicht.
Was dann weiter geschah, verwunderte die drei Beobachter aufs Äußerste: Die zahlreichen vierstelzigen Biomobilen – unweit vom Lagerplatz auf der abfallenden Ebene – rissen mit ihren Mäulern den grünen Bodenbewuchs ab und schlangen ihn mit sichtlichem Behagen in sich hinein.
Der Zivilisierte aber wählte aus seinem zusammengetragenen, mittlerweile beachtlichen Haufwerk ein starkes Stück heraus, wog es in seinem rechten, mit fünf feingliedrigen Fortsätzen bewehrten Tentakel, als sei es eine Waffe, näherte sich behutsam einem der kleineren Äser und schlug scheinbar unvermittelt mit diesem Gegenstand und aller Wucht auf dessen Kopf, worauf das kleine Wesen umstürzte und krampfend zappelnd die Stelzen in die Höhe reckte. Aus Maul und zwei darüber liegenden Kopföffnungen drang eine dickliche rote Flüssigkeit.
AusGarmi flüsterte entsetzt: „Er hat es getötet! Warum, um alles in der Welt! Da war doch keine Gefahr.“
„Still!“, forderte AmUlzo.
Was sich weiter abspielte, erforderte in der Tat alle Aufmerksamkeit.
Der Vernunftbegabte hatte plötzlich ein Werkzeug mit blitzender Klinge am Tentakel. Damit vollführte er einen Schnitt auf der Unterseite zwischen Kopf und Rumpf des Getöteten. Aus der Wunde schoss ein Strahl jener roten Körperflüssigkeit. Dann griff der Töter die Leiche an den Hinterstelzen, hob sie an, auf dass sie wohl besser leerfließen könne.
Plötzlich stieß AusGarmi einen Laut aus, unterdrückte ihn sofort. Im Bewuchs war zu sehen, dass sie in aller Eile zur Seite rollte.
Ein schwarzer, zotteliger Vierstelzer mit klaffendem Maul, darinnen gefährlich anzusehende spitze Skelettauswüchse, war, kurze, heftige Laute hervorstoßend, heran gesprungen, hätte AusGarmi beinahe gerammt, war aber, nur weniges entfernt von ihr, jäh stehen geblieben. Seine feinfadige, dichte Hautbedeckung sträubte sich, und er äugte misstrauisch umher. Dann stieß er den Vorderteil des Kopfes auf den Boden, dort wo vor wenigen Augenblicken AusGarmi gelegen hatte, sog hörbar Atmosphäre ein, sprang dann jedoch unvermittelt zu der Leiche, die unterdessen – wie es schien, routinehaft – ihrer äußeren Hülle entledigt, der Eingeweide beraubt und in Stücke zerteilt wurde. Das Zottige nahm mit einem aus dem Maul gestülpten länglichen Organ in heftiger Auf- und Niederbewegung gierig schmatzend die rote Flüssigkeit auf, die auf dem harten Boden eine Pfütze gebildet hatte.
Der Einheimische aber hängte Teile des Getöteten an ein Gestrüpp, dann machte er sich an seinem Haufwerk zu schaffen. Er wählte einen Stein, tat etwas Knäuliches darauf, holte aus einem Bündel zwei offenbar harte Gegenstände hervor und schlug sie heftig aneinander. Es stiebten Funken, und alsbald kräuselte aus dem Knäuel ein bläuliches Gas empor. Der Vernunftbegabte stieß aus spitz gehaltener Mundöffnung Atmosphäre in Richtung des gasenden Häufchens, legte dünnes Material nach, und kurz darauf züngelte eine Flamme auf. Es roch außerordentlich beißend unangenehm.
AmUlzo, der sich dort befand, wo die Wolke überwiegend hindriftete, änderte seine Lage.
„Erstaunlich“, sagte AusGarmi. „Diese Bestandteile der Biostationären sind verhältnismäßig leicht entzündlich. So einfach hätten wir es einst haben sollen. Was für ein Reichtum! Sie entstehen immer wieder neu oder wachsen. Ganze Landstriche, Kontinente sind davon bedeckt.“
Niemand antwortete. Nach wie vor spielte sich Merkwürdiges vor ihnen ab.
AmFels schnitt aus dem Gestrüpp einen Fortsatz, versah ihn mit einer Spitze, steckte darauf einen kleinen Teil der Leiche und hielt diesen in die Flamme, drehte, sodass das Feuer alle Seiten erreichte, ohne das, was er hineinhielt, zu verbrennen. Ein stechender, brenzlicher Geruch mischte sich in den beißenden.
Nach einer Weile zog der Akteur das angeschmort Tropfende an sich, schwenkte es abkühlend und – biss hinein.
AusGarmi stöhnte auf. „Meine Güte, sie verzehren Leichen!“
„Wo sind wir hingeraten!“, bekräftigte VomBergo. „Ich sag ja: Primitivlinge auf einer äußerst niedrigen Stufe.“
„Na, lebende – oder aus dem Lebenden entstandene Substanz haben unsere Vorfahren ebenfalls und ausschließlich als Energiespender genutzt“, dämpfte AmUlzo.
„Aber das ist doch etwas anderes! Wenn er Teile von den nachwachsenden Biostationären äße, wäre das normal. Deren Physiologie ist niedrig, sie empfinden nicht oder nur minimal. Aber höher entwickeltes Leben …“ Man hörte förmlich, wie AusGarmi sich ekelte.
„Vergiss nicht, dass unsere Maßstäbe hier nicht im Geringsten gelten. Schaut ihn euch an: Er schlürft ständig Atmosphäre. Sie benötigen Sauerstoff für ihren Lebensunterhalt. Das ist eine andere Spezies lebendiger Materie. Vielleicht ist der Verzehr von Leichenteilen unverzichtbar für ihr Dasein. Wir werden sicher noch eine Menge anderer Überraschungen erleben und sollten uns hüten, vorschnell zu urteilen! Nicht umsonst haben wir unseren Codex“, belehrte AmUlzo.
„Vom heimischen Computer und den spärlichen Daten aus gestaltet sich so etwas einfacher, als wenn man es erleben und ertragen muss.“ AusGarmi sprach leise. Nach einer Weile setzte sie hinzu: „Ich glaube, wir können abbrechen. Wir geraten bald auf die Dunkelseite.“
Das Beobachtungsobjekt schien seine Aktivitäten zu verlangsamen. Es hatte ein beträchtliches Stück der Leiche verzehrt und auch dem Zottligen einige Brocken hingeworfen, die dieser geschickt mit dem Maul aufgefangen und verschlungen hatte.“ Und damit zu ausführlicheren Vorstellungen der anderen Sonderangebote dieses Newsletters:
Erstmals 1987 konnte Wolfgang Schreyer im Mitteldeutschen Verlag Halle-Leipzig seinen Roman „Der sechste Sinn“ veröffentlichen – der allerdings schon einige Jahre zuvor fertig gewesen war: Um die Jahrtausendwende entwerfen drei Männer ein diskret tragbares Gerät zur elektronischen Partnersuche. Sie, die selbst nach der Richtigen suchen und sie in Vera bald zu finden glauben, wagen viel für diese Idee. Und die attraktive Vera tut ein Übriges, die Situation und die drei Männer zu verwirren. Wolfgang Schreyer, erfahrener und vielgelesener Autor zeitgeschichtlich-abenteuerlicher Bücher, hatte diesmal einen Gegenwartsroman mit utopischer Komponente verfasst. Die Geschichte einer Entdeckung, die unser Liebesleben zum Besseren wenden könnte: Mit dem Auto kann man jeden aufsuchen, per Telefon jeden sprechen, mit dem neuen Gerät jeden finden, der halbwegs zu einem passt. Ein großer Entwurf, aber Traum und Wirklichkeit kollidieren. Ehe es gelingt, ein Serienmodell zu fertigen, riskiert das Team im Selbstversuch das Chaos im eigenen Haus. Die Idee stößt auf Unverständnis, Bürokratie, ja auf Karrierismus, Ehrgeiz und Charakterschwächen der Schöpfer selbst. Das Allzumenschliche fordert seinen Preis. Das stark autobiografische, DDR-kritische Buch schrieb Wolfgang Schreyer 1980, durfte es aber, mit großem Widerwillen der zuständigen Behörden, erst 1987 beim Mitteldeutschen Verlag Halle-Leipzig veröffentlichen. Unter dem Titel „Harmo 88“ schrieb er für einen Verlag in der BRD eine Erzählung mit der brillanten Idee der Partnersuche über ein Armband mit Mikrochip. Dieser Verlag gab die Geschichte an den Playboy weiter, der sie 1978 unter dem Titel „Die Staatsmacht regelt den Verkehr“ veröffentlichte. Ein ausführliches Nachwort schildert die Repressalien, denen der Autor danach ausgesetzt war. Hier der Beginn des 1. Kapitel des „Sechsten Sinns“, das einem ebenso ausführlichen Prolog folgt:
„Die Entwicklung, die dann zur Affäre wurde, ja zum markerschütternden Skandal, fing acht Monate vorher an, in einem regnerischen Mai. Manches liegt unter Verschluss, ruht im Dunkel der Archive, doch zweifellos ist Vera Bald der Katalysator gewesen. So nennt die Chemie einen Stoff, der das Tempo einer Reaktion steigert, ohne selbst in das Endprodukt einzugehen. Viele Reaktionen finden spät statt oder nie, wenn solch eine Beigabe fehlt; da können Jahre vergehen. Fräulein Bald hat die Rolle mit Glanz gespielt, sie war kontaktfroh, aufgeschlossen, teilnahmsvoll, wie dafür geschaffen, die Atmosphäre zu erhitzen. Eine glückliche Begabung! Wohin sie auch kam, es folgten ihr stets Schwingungen der Phantasie. Um sie war jenes Knisternde, das seelische Abläufe beschleunigt: eine Empfindsamkeit für die Verheißungen des Lebens. Immer schien sie etwas zu erhoffen und diese kindhafte Bereitschaft auf andere zu übertragen. Warm spiegelte sich in ihren großen Augen all das Köstliche der Welt.
Ihr selber kam es nachträglich so vor, als habe die Sache mit dem Tag begonnen, an dem sie etwas für Professor Faust ins reine schrieb. Der Text hieß Klima für Spitzenleistungen. Nichts Bewegendes, der übliche Beitrag für die Samstagsbeilage der Bezirkszeitung, mit dem Untertitel: Grenzen gegenwärtiger Erkenntnis durchbrechen. Ganz so, wie es dann auch am Institut geschah. Aber wenn man nicht an den Zufall glaubt, hatte es schon früher angefangen. Vielleicht auf der Feier zum 8. März, dem Frauentag, als Vera Bald den Dr. Herbst geneckt und ihm erklärt hatte, hilfreich für Dienstreisende – nein, für jeden, der auf Brautschau ging – wär so ein Zeichen, ein stummes Signal wie ein Bändchen am Knopfloch oder ein Ring, an dem man einander erkenne, als jemanden, der Anschluss sucht.
Ach, Vera, hatte Herbst geseufzt, so einfach ist das nicht. Man will als Suchender ja unerkannt sein, nicht dem Spott derer ausgesetzt, die schon gefunden haben oder meinen, sie hätten es. Ein heimliches Zeichen muss her, sichtbar nur dem, der selber sucht; welch ein Problem. Mehr sagte er nicht, aber da sie Männer meist ungewöhnlich gut verstand, begriff sie dies gleich als Teil der scheuen Werbung, mit der er sie umgab. Er war Ende Dreißig, vierzehn Jahre älter als sie, seit ewig geschieden, aus seiner Sicht kam er in Frage. Ernsthaft, er war für sie zu haben… Aber sie nicht für ihn.
Im Augenblick, kurz vor Dienstschluss, stand er hinter ihr und behinderte sie. Schwer genug, den Kram des Sektionsdirektors abzutippen. Der Text schleppte sich hin, in seiner Gleichförmigkeit lag die Gefahr, ganze Sätze wegzulassen in dem unbewussten Wunsch, ihn zu verkürzen. Wenn Faust das merkte, würde er sich erregen – innerhalb der Grenzen, die der Mangel an guten Sekretärinnen seinem cholerischen Charakter zog. Wer wenig strebsam war wie Vera Bald, den schüchterte keiner ein. Schon während ihrer Lehrzeit in der Stadtbibliothek hatte sie dies erkannt und es im Stadtbauamt erprobt – die Kraft der Schwachen, laut Alexander –: Zuspätkommen, auf jeden Tadel pfeifen und erst im Büro frühstücken, wo man ihr einen Schreibtisch mit Telefon gegeben hatte, also Bedeutung, ein bisschen Macht, deren Gebrauch sie spielerisch genoss.
Ein paar Häuser weiter, im Kindergarten der Technischen Hochschule, öffnete Alexander jetzt – sie wusste es – die Tür zum Schlafsaal, um nach Anke zu sehen, ihr zuzunicken. Und prompt stand die auf, zog sich an, schlich hinaus zu dem seltsamen Vater; manchmal vergaß sie ein Kleidungsstück und weinte draußen auf der Straße, was Alexander peinlich war. Er kam immer dienstags und freitags, erst zu Anke, dann zu Vera Bald, kam und ging wie ein Naturereignis, unabwendbar, als sei das sein gutes Recht.
In immer stärkerem Maße ist es gelungen, die Aufgaben der Forschung aus den perspektivischen Anforderungen der Praxis abzuleiten und, unter Einbeziehung der Studenten, unter dem Gesichtspunkt einer konkreten Anwendung erzielter Ergebnisse zu betreiben. Fräulein Bald radierte, bei solchen Sätzen schlichen sich Fehler ein. Kaum ein Drittel des Artikels, und nun hielt auch Herbst nicht mehr an sich. „Gefasel“, rief er, hustete sich die Kehle frei und sah Fräulein Bald von der Seite an, leicht hündisch, offenbar dabei, sich mit ihr gegen Faust zu verbünden. Sie nahm die Finger von den Tasten und stellte sich vor, dass ihre Tochter jetzt Alexander zum Eckladen zog und ihn listig durch das Glas blicken ließ, damit er im Regal die Schokolade sah, um die Anke eben nicht mehr betteln sollte. Sie kannte, mit vier, doch schon ein paar Tricks. „Zeilenschinderei“, fuhr Dr. Herbst fort. „Mein Gott, ‚die Lösung fundamentaler Probleme mit dem Ziel einer Gewinnung neuer Erkenntnisse‘! Früher hieß das noch Grundlagenforschung.“
„Bitte, Werner, ich muss fertig werden.“
Doch sein Feingefühl schien dahin. „`Konzentrierter Einsatz des Forschungspotentials´, geradezu militärisch. `Interdisziplinäre Zusammenarbeit´ – stramm an der Wahrheit vorbei!“ Dr. Herbst klapperte mit der Mappe, ein gutes Zeichen. Vielleicht war ihm eingefallen, dass ja nicht Faust dies verzapft hatte, sondern Hofmann, dessen Assistent; Faust schrieb oft bloß den Namen drunter. Aber nein, Herbst blieb. „Weißt du, was das ist? Beschönigung aus Angst. Uns werden Gelder gestrichen, Planstellen, weil’s eben nicht so läuft.“
Ach, da verriet er ihr nichts Neues; nur wagte sie nicht, ihn zu bremsen. „Genau so ein Mann hat mir mal die Weichen gestellt, da oben an der Küste“, hörte sie ihn sagen. „Und der Zug fuhr aufs tote Gleis. Seitdem ist mir der Typ geläufig. Damals am Institut für Fischforschung… Ultraschall, nicht wahr. Du kannst damit Schwärme orten, man nennt es Sonar.“
Es war nicht leicht, ihm zu folgen. Herbst war ein unsicherer Erzähler, er gestikulierte, schweifte ab, teilte die Luft schlecht ein, seine Stimme belegte sich schon wieder, manchmal blieb sie ihm auch weg. Aber Vera Bald war nicht mehr so jung, dass sie so was nur komisch fand. Sie zog befangene Männer den selbstherrlichen vor. Während er sprach, spähte sie durch den Staub der Maisonne hinüber in sein Zimmer, wo das zweideutige Ding stand. Befangen war Herbst ihretwegen; das tat gut.“
Erstmals 1999 veröffentlichten Aljonna und Klaus Möckel damals noch unter dem Pseudonym Nikolai Bachnow bei der LeiV Buchhandels- und Verlagsanstalt Leipzig als Band 4 ihrer Nikolai-Bachnow-BücherDer Fluch des Drachenkönigs“: Ein Mädchen aus dem Zauberland, Telwina Wunderschön, wird zu ihrem Entsetzen und dem ihres Onkels Din Gior von einem hässlichen Drachen zur Frau begehrt. Raubald versetzt mit seinen Raubzügen nicht nur Menschen und Tiere in Angst und Schrecken, er besitzt auch magische Kräfte. Als der Scheuch, Prinzessin Betty, der Löwe und andere sich gegen ihn stellen, spricht er einen schrecklichen Fluch aus. Feuersbrünste und Überschwemmungen verwüsten von nun an das Zauberland. Wie sollen der Herrscher der Smaragdenstadt und seine Freunde mit dem Untier fertig werden und Telwina retten? Gewiss, es gibt Pet Riva, der sich ein bisschen aufs Zaubern versteht, aber er verwechselt die Formeln und bewirkt oft das Gegenteil von dem, was er erreichen will – soll man etwa ihn um Hilfe bitten? Ein verzweifelter Kampf beginnt, und obwohl der Scheuch und Din Gior vorübergehend in Riesen verwandelt werden, ist das Ende völlig ungewiss. Im „Fluch des Drachenkönigs“ geraten die bekannten Helden erneut in beklemmende Situationen, die sie jedoch, wie gewohnt, mit Witz und Tatkraft zu bewältigen wissen. Im folgenden Auszug aber macht Telwina Wunderschön zu ihrem Schrecken erstmals Bekanntschaft mit dem Ungeheuer, das sie heiraten will:
„In der Smaragdenstadt selbst wurde die Kunde von dem räuberischen Ungeheuer anfangs nicht so ernst genommen. Die Leute gingen ihrer Arbeit nach, sie hatten ihre eigenen Sorgen und hielten die Berichte aus jenen fernen Regionen für übertrieben. Ein feuerspeiender Drachen, der ganze Felder in Brand setzte und Herden auseinandertrieb – das hatte es seit mindestens hundert Jahren nicht mehr gegeben. Dann mehrten sich allerdings die Schreckensnachrichten und der Weise Scheuch beschloss, den Obersten Rat einzuberufen, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Vielleicht konnte man Karfax und die Riesenadler gewinnen, um diesen Raubald in die Schranken zu weisen.
Bevor es jedoch zur entscheidenden Beratung kam, trat ein Ereignis ein, das die Lage sehr verschlimmerte. In der Smaragdenstadt lebte ein junges Mädchen mit Namen Telwina. Sie war eine Nichte des Ersten Ministers im Land, Din Gior, und so hübsch, dass man sie Telwina Wunderschön nannte. Alle Burschen wollten sie zur Frau, doch sie hatte sich in den Bildhauer Anto verliebt, dessen Werkstatt vor den Toren der Stadt lag. Wann immer es ging, trafen sie sich und schon bald sollte Hochzeit gefeiert werden.
Manchmal, wenn Anto beschäftigt war, ging Telwina auf den Wiesen in der Nähe seiner Werkstatt spazieren. Gern lief sie auch über den Gelben Backsteinweg hinunter zum Fluss. Dort lag sie im Gras und träumte oder unterhielt sich mit dem alten Fischer Pet Riva, der ein wenig von Zauberei verstand, weil er einst Lehrling bei der guten Fee Stella gewesen war. Jeder wusste aber auch, dass man seinen Künsten nicht ganz trauen konnte, weil er so manches durcheinanderbrachte.
Raubald, der seine Flüge nach und nach weiter ausdehnte und sich seine Beute jetzt mitunter schon in der Nähe des Flusses holte, sah Telwina zum ersten Mal auf Pet Rivas altem Schiff. Es lag im Schilf, der Alte hatte seine Angel ausgeworfen und die beiden waren so ins Gespräch vertieft, dass sie den Schatten des Drachen für eine Wolke hielten.
Raubald flog weit oben, hatte aber sehr scharfe Augen. Die Schönheit Telwinas überwältigte ihn und auf einmal empfand er seine Einsamkeit doppelt stark. Noch begriff er nicht, was geschehen war, doch zu Hause, in seiner Höhle, quälte ihn das Verlangen, das Mädchen wiederzusehen. Kaum zwei Tage waren vergangen, da zog es ihn erneut zu dem Fluss in der Nähe der Smaragdenstadt.
Diesmal bemerkte ihn der Storch Klapp, der ebenfalls am Fluss wohnte und nicht der Mutigste war. Aber zugegeben, bei so einem Ungeheuer konnte man schon einen Schreck bekommen. Er verkroch sich unters Scheunendach, auf dem er sein Nest hatte, machte sich so klein wie möglich und forderte seine Frau auf, es ihm gleichzutun.
„Meine Federn sind mir zu schade“, klapperte er, „als dass ich sie diesem Unhold überlassen möchte, damit er vielleicht morgen seinen Kopf darauf bettet.“
Der Drache beachtete die Störche nicht, er hielt nach Telwina Wunderschön Ausschau. Als er sie endlich auf einem Feldweg entdeckt hatte, ließ er sich wie ein Stein fallen und plumpste, den Weizen rechts und links zu Boden drückend, vor ihr nieder.
Telwina war mächtig erschrocken. Sie wollte davonlaufen, doch ihre Füße versagten den Dienst und die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Für einen Moment hatte der Drache seine Bosheit vergessen.
„Bleib hier und hab keine Furcht“, sagte er mit einer Stimme, in die er alle ihm zur Verfügung stehende Sanftheit legte, die aber dennoch zischte und krächzte wie ein geplatztes Dampfrohr. „Ich will dich nicht fressen oder dir ein anderes Leid antun. Du bist das schönste Wesen, das ich je gesehen habe, und ich muss mit dir reden.“
„Mit mir re…reden? Warum? We…wer bist du?“
„Ich bin der Drachenkönig“, erwiderte Raubald, „hat dir noch niemand von mir erzählt? Ich bin von Gingema auserwählt, über das Zauberland zu herrschen.“
Damit wusste Telwina nichts anzufangen. Sie wollte das Tier nicht erzürnen, wandte aber ein:
„Im Zauberland gibt es doch schon alle möglichen Herrscher. Den Eisernen Holzfäller, den Tapferen Löwen, Stella, die gute Fee, und in der Smaragdenstadt den Weisen Scheuch.“
Der Drache stieß ein unzufriedenes Zischen aus.
„Smaragdenstadt? Sind das die Häuser und Türme da hinten mit den grünen Steinen an der Spitze? Ich werde die Leute dort töten oder versklaven. Ich werde dir diese Stadt mit all ihren Bewohnern zum Geschenk machen.“
„Aber weshalb denn?“, rief Telwina entsetzt. „Dort leben alle meine Freunde und Bekannten, sie haben dir nichts getan. Und was soll ich mit einer ganzen Stadt? Mir genügt das Zimmer im Haus meiner Eltern.“
Der Drache schüttelte verwundert den Kopf.
„Ein Zimmer? Nein, du hast etwas viel Besseres verdient. Sofort als ich dich sah, habe ich mich in dich verliebt und bin bereit, dich zu meiner Frau zu nehmen. Ich wohne in einer großen Höhle, die Platz für Reichtümer und Annehmlichkeiten aller Art bietet. Du kannst sie wohnlich machen, denn wir werden von dort aus das Land beherrschen.“
„Ich will kein Land beherrschen“, rief Telwina verzweifelt. „Und was soll ich in einer Höhle? Ich brauche Leben um mich, Luft und Sonne.“
Raubald wurde ärgerlich.
„Dann lasse ich dir eben ein Schloss bauen oder wir nehmen uns ein Haus in dieser Smaragdenstadt. Am besten den Palast des Weisen Scheuch, von dem du gesprochen hast. Was für ein Fürst ist das überhaupt? Glaubst du, dass er sich widersetzt?“
„Er ist kein Fürst“, sagte Telwina, „das Volk hat ihn einst zum König gewählt, weil er gut, klug und tapfer ist. Mit seinen Freunden hat er große Taten vollbracht. Es ist nicht recht, wenn du ihm seinen Palast wegnimmst, und bestimmt werden sich alle Bewohner der Stadt zur Wehr setzen.“
„Ich werde sie vernichten“, fauchte der Drache und stieß eine Wolke aus Rauch und Feuer aus. Freilich wandte er den Kopf dabei leicht zur Seite, um Telwina Wunderschön nicht zu verletzen.
Das Mädchen hatte sich etwas gefasst. Sie fragte:
„Warum willst du unbedingt mich zur Frau, du kennst mich doch gar nicht? Ein Drache wie du sollte mit einem Drachenweib zusammenleben.“
„Es gibt kein Drachenweib weit und breit“, erklärte Raubald düster, „und zu kennen brauche ich dich nicht. Mir genügt deine Schönheit.“
„Aber ich liebe dich nicht, ich liebe einen anderen. Er ist mein Bräutigam!“
Das mochte der Drachenkönig nun gar nicht hören. Wütend blähte er die Nüstern und es sah aus, als wollte er sich auf das Mädchen stürzen. Doch er riss sich zusammen.
„Ich könnte dich ergreifen und in meine Höhle schleppen, damit du mir dort zu Willen bist“, rief er. „Du sollst keinen Bräutigam außer mir haben. Begreifst du das nicht? Aber da meine Werbung vielleicht ein wenig plötzlich für dich kommt, will ich dir Zeit geben. In drei Tagen werde ich zur gleichen Zeit wieder an diesem Ort sein. Dann erwarte ich, dass du mir antwortest. Überlege gut, denn es ist eine große Ehre, die Frau des Drachenkönigs zu werden. Und vergiss nicht, dass ich in meinem Zorn schrecklich bin.“
Nach dieser Drohung erhob er sich in die Lüfte und war kurz darauf am Horizont verschwunden.“
Die beiden letzten Angebote dieses Newsletters stammen von Hans-Ulrich Lüdemann, der auch als Rollstuhlfahrer gern um die Welt reist – mit dem Flugzeug.
Erstmals 2003 erschien im Verlag als erstes seiner Happy-Rolliday-Bücher im Verlag Ulmer Manuskripte Albeck bei Ulm „San Francisco and so on“. Dazu schrieb der Autor: Es ist nach wie vor ein gewagtes Unternehmen, als Rollstuhlfahrer mit dem Flugzeug unterwegs zu sein. Und das nicht nur von Berlin nach München, sondern gleich über den Großen Teich. Aber es ist wirklich eine Frage der Organisation, sich auf so einen Trip einlassen zu können. In diesem konkreten Falle traf manch Positives zusammen: Das Wichtigste war wohl, dass unser Gastgeber in San Fran (sage niemals Frisco, dann gibt es Zanke mit Einheimischen!) ein alter Schulfreund war. Dieser war Anfang der Neunziger von seiner Reederei als Repräsentant mit Familie, Haus und Auto in die wohl schönste Stadt Kaliforniens geschickt worden. Durch diese private Anbindung haben wir in vierzehn Tagen ein Maximum sehen und erleben können, was seinen Niederschlag im vorliegenden Reise-Essay fand. Der Zusatz and so on bedeutet, dass es nicht nur um diese Reise geht – und so weiter meint, dass auch mein Leben als DDR-Schriftsteller vor und nach dem Unfall 1977 eine Rolle spielen wird. Verknüpft mit eigenen Beobachtungen und Erlebnissen im US-amerikanischen Alltag, wie er sich nicht nur bei meinem Schulkameraden und seiner Familie zeigte. Sehenswürdigkeiten zu beschreiben halte ich für weniger sinnvoll; das können Reisehandbücher wie beispielsweise der Baedeker viel besser und umfangreicher. Ein besonderes Erlebnis war allerdings der Besuch auf Jack Londons Farm bei Glen Ellen. Nicht zu vergessen der J.-L.-Bookstore – ein Buchladen mit einem Sammelsurium, was nur mit dem weltbekannten Autor irgendwie zu tun haben könnte. Ich hatte Jahre zuvor kraft Fantasie den Abenteuerroman Tödliche Jagd (Co-Autor Hans Bräunlich) geschrieben, dessen Hintergrund unter anderen Jack London und S. F. waren. Im Nachhinein bin ich zufrieden mit meiner professionellen Vorstellungskraft. Oder unser Besuch in Bodega Bay. Hier drehte Alfred Hitchcock seinen Horror-Film Die Vögel. Die Schule, in der sich die Katastrophe mit Möwen, Krähen etc. abspielte, stand noch als heruntergekommene Pension. Das wichtigste Anliegen meines Reise-Essays war jedoch am praktischen Beispiel vorzuführen, dass es auch einem hochgradig Querschnittgelähmten nicht versagt bleibt, im Rollstuhl fremde Länder auf entfernten Kontinenten zu besuchen. Aktionen wie Happy Rolliday I-IV, selbstredend mit helfenden Händen, erweitern nicht nur den Gesichtskreis, sie stärken das Selbstbewusstsein und somit auch die Gesundheit eines Behinderten. Auf Wiederlesen also im Reise-Essay Kapstadt und so weiter. Zuvor aber natürlich ein Ausschnitt aus dem Buch über die Reise nach San Francisco:
„Die Ankunft in San Francisco ist ein Augenblick fürs ganze Leben
Des Dramatikers William Saroyan Ausspruch aus eigener Anschauung überprüfen zu können – es wird noch etwas dauern. Ist das Wetter in Berlin-Tegel noch leidlich, so bleiben uns leider dank einer regenschwangeren Wolkendecke sowohl Amsterdam als auch der Kanal beim Überfliegen verborgen. Fast pünktlich 9.30 a.m. Ortszeit schwebt die Maschine über London-Heathrow ein. Statt Gott befohlen! sagt meine innere Stimme nun: Gott sei Dank! Landung und Service sind okay. Aber irgendwie muss jemand die Zeitpläne durcheinandergebracht haben. Ein Kleintransporter, der mich über eine am Heck gelegene Hebebühne aufnimmt, saust verdammich waghalsig kreuz und quer über den International Airport. Und es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich korrekt ständig auf einer linken Fahrspur unterwegs bin.
Wohl um unserem Begleiter, einem alten Herrn mit paramilitärischem Auftreten, zu zeigen, dass der Deutsche an sich zumindest im Ausland freundlich gegenüber jedermann ist, bestätige ich überflüssigerweise mit meinem eher dürftigen englischen Wortschatz die Jahrhunderte alte Legende vom regennassen Londoner Wetter. Seine Bluse strafft sich, als er auf eine gerade erst überstandene sehr viel schlechtere Witterung verweist. Nicht nur hier in Great-Britain – auf der Welt scheint alles relativ zu sein …
Da schnarrt es plötzlich aus Opas Walkie-Talkie und der Transporter beschleunigt sofort merklich. Die nächsten fünf Minuten beweisen Dörte und mir, dass der langweilige und beherrscht dröge Engländer auch anders kann: Trotz plötzlicher Hektik singt der Alte sich eins. Und kaum haben wir jenes Fahrzeug verlassen, da saust unser Betreuer mit mir durch die Gänge, dass Dörte Mühe hat zu folgen. Seine Warnrufe scheuchen die vor uns Gehenden rechts oder links zur Seite. Die große Reisetasche auf den Knien haltend, verliere ich jede Orientierung. Bewusst ist mir nur, dass der Mann immer einer bestimmten, farbig ausgelegten Linie folgt. Die unübersichtlichen Wege von beziehungsweise zu den vier Terminals und ihren Abfertigungshallen sind auf diese Weise kaum zu verfehlen. Wegen unserer Eile fällt die Zollkontrolle gewissermaßen aus. Der Gedanke an Terroristen oder Luftpiraten samt ihren viel raffinierteren Methoden einer Tarnung macht mir kurzzeitig zu schaffen.
Dann heißt es wieder: Gott befohlen! Dieses Mal für BA-Flight Number 289. Ich werde erneut durch den ausgebuchten Flieger gekarrt und der Streit um den mir genehmen Sitzplatz flammt ein zweites Mal auf. Dem Chef-Steward fällt es schwer nachzuvollziehen, dass ein Passagier allein nur mit der Schulter voran in den Restroom gelangen kann – ganz zu schweigen zwei auf einmal – meine Frau mit mir. Kurzum – in der Boeing 747 bekommen wir schneller unseren Willen. Absoluter Nutznießer ist ein junger Mann, der auf dem von mir geforderten Sitzplatz an der fensterlosen Außenwand sitzt: Er darf unbesehen in die First Class wechseln. Auch ein Vorteil für uns – der erste Platz am Mittelgang bleibt somit unbesetzt. Wir haben es also geschafft und wir sind auch geschafft. Die pantomimischen Notfall-Übungen einer engagierten Stewardess registriere ich nur noch mit gelassener Höflichkeit. Als Fischkopp halte ich es mehr mit der Lebensphilosophie alter Skipper, nach der beispielsweise bei einer Havarie die Schwimmkunst nur geeignet sei, alle Qualen vor dem Ertrinken zu verlängern.
Etwa einen halben Tag würden wir uns also in zigtausend Metern Höhe ausruhen können. Mir macht Stillsitzen nichts aus: Von zehn Uhr vormittags bis zehn Uhr abends halte ich mich in einem bequemen Ledersessel auf. In der Nähe ein Computer mit Monitor und Drucker; Bücher und Zeitungen. Nicht zu vergessen etliche Infrarot-Fernbedienungen für die verschiedensten Hi-Fi-Geräte. Ein Unterschied wird in der Boeing allerdings offenbar – bei einem Meter und vierundachtzig Zentimetern Körpergröße steht es hier nicht gut um meine Kniefreiheit.
Angenehme Unterbrechungen gibt es mehrmals durch gutes Essen und Trinken. Letzteres muss aber, wie schon beschrieben, möglichst unauffällig wieder entsorgt werden. Ansonsten schauen wir in die gut aufgemachte Highlife, Hausillustrierte von British-Airways. Weiß der Teufel, wie der Tommy das wieder hingekriegt hat – obwohl es erst Mitte April ist, dürfen wir bereits in der Mai-Nummer blättern! Informationen aus dem Cockpit kommen spärlich, und wie es sich für einen Engländer gehört – ausschließlich in seiner Muttersprache. Aber da gibt unerwartet eine Frauenstimme mit überaus korrekter deutscher Zunge ihr Flugwissen preis. Allerdings in einer Lautstärke, dass mir fast die Ohren vom Stamm fallen. Und – wieder nach einer unverständlich gemurmelten Äußerung des Flugkapitäns – das ohrenbetäubende deutsche Echo. Als jemand im Cockpit aus Mitleid mit den Passagieren abrupt die Phonzahl während der deutschen Ansage reduziert, wird mir klar: Die Stewardess spricht per Tonbandkassette zu uns!
Alles was recht ist – die Majorität an den Aktien der British Airways scheinen Leute aus Schottland zu halten. Oder sind es die den Karo-Trägern seelenverwandten Bürger der einschlägig gerühmten Stadt Sparta? Anders ist dieser rustikal anmutende Sparwille trotz einer mehrsprachigen Flugzeug-Crew wohl nicht zu erklären.
Während Dörte und ich die Zeit nutzen, um mittels Sprach-Computer und dem Spiel Hangman (analog zum Buchstaben-Rate-Spiel Aufhängen aus meiner Kindheit) englische Vokabeln zu erraten, informiert der Chefpilot mit rücksichtslos gelangweilter Kaugummi-Stimme, dass wir über Glasgow Richtung Grönland fliegen, um schließlich südwestlich nach Edmonton, Kanada abzudrehen. Nicht nur ich habe gedacht, dass eine gerade Fluglinie über den Atlantik der kürzeste Weg wäre und unsere Route über Grönland sei nur der Flugsicherheit geschuldet. Wegen des Festlands unterwegs für Notlandungen. Weit gefehlt – diese kürzeste Verbindung ergibt sich durch die Oberflächenkrümmung der Erde. Oder verhält es sich ganz anders? Ehrlich – als Captain Harald uns irgendwann bei Tische den Sachverhalt erklärt, klingt alles sehr einleuchtend. Aber wie ich jetzt beim Schreiben merke – das Wissen hat nicht lange vorgehalten.
Mitunter rumpelt es dann und wann in der Luft wie im Landrover auf einer vorpommerschen Dorfstraße. Dass einige Kunststoffplatten der Fensterwand-Verkleidung während unseres Fluges auffällig locker sitzen und demzufolge beängstigend stark vibrieren, kann nur ich sehen. Um der allgemeinen Vorfreude Willen auf Kalifornien schweige ich. Aber ehe ich es vergesse – für die, die immer alles genau wissen wollen – hier die vorgegebenen Flugdaten: London-Heathrow 10.45 a.m. mit geplanter Ankunft am selbigen Tag in San Francisco 1.35 p.m. Ortszeit. Wir fliegen also der Sonne hinterdrein. Das ist schon ein irres Gefühl: Diese riesige Entfernung und wir heben vormittags ab, um noch am gleichen Tag nachmittags anzukommen! Vorausgesetzt – meine heimlichen Stoßgebete werden erhört.“
Ein Jahr später, also erstmals 2004, veröffentlichte Hans-Ulrich Lüdemann im Verlag Ulmer Manuskripte Blaubeuren bei Ulm den zweiten Band seiner Happy-Rollidays-Bücher „Kapstadt und so weiter“: Hatten wir 1993 das Glück, dank eines Schulkameraden Kalifornien besuchen zu können, so war es Anfang 2001 meine Nichte Vera und ihr Mann Horst van Biljon, die unseren Aufenthalt in Kapstadt und Umgebung begleiteten. Zwischenzeitlich waren wir durch Reisen nach Kanada, Guernsey und Zypern erfahrene Passagiere, so dass die zwölf Stunden Flug kein Problem darstellten. Dank meiner Nichte waren wir auf dem Tafelberg, am südlichsten Punkt des Kontinents in Cap Agulhas, in der Century City, dem größten Kauf- und Spaßpark auf unserer südlichen Halbkugel. Beinahe Heilige Pflicht war für uns eine Visite auf Robben Island zu Ehren Nelson Mandelas. Die tägliche Besucherzahl ist begrenzt, um Flora und Fauna der Insel zu schützen. In seiner Biografie „Langer Weg zur Freiheit“ schildert Nelson Mandela auch seine 18 Haftjahre auf Robben Island. Nie werde ich den Besuch in der 5 qm großen Zelle oder im Steinbruch vergessen. Dieser Mann ist ein Held des 20. Jahrhunderts und niemand schäme sich der unwillkürlichen Tränen, die einem kommen, wenn ein ehemaliger Leidensgefährte jene Jahre schildert. Madiba lautet der respektheischende Clan-Name für den Sohn eines schreib- und leseunkundigen Häuptlingsberaters der Xosa und ersten schwarzen Präsidenten der Republik Südafrika. In einer Grußbotschaft zu Madiba´s 80. Geburtstag hieß es: „Ich glaube, dass niemals mehr eine Nation in einem einzigen Mann die Verwirklichung aller Träume und Hoffnungen sehen wird, wie das bei Nelson Mandela der Fall ist.“ Durch meine Verwandtschaft (drei Nichten; ein Neffe) und deren Freunde erfuhren wir viel über die aktuellen gesellschaftlichen Zustände. Das vorliegende Essay ist die kritische Sicht eines Außenstehenden, was sowohl Schwarzen als auch Weißen nicht immer gefallen wird. Zwanzig Jahre ohne Apartheid – die Aussagen von Riefaat Hattas sind bedenklich: er könne, hervorgerufen durch die täglichen seelischen Belastungen keine zwischenmenschlichen Beziehungen aufrecht erhalten. Viele seiner schwarzen Kameraden seien arbeitslos. Oder hätten Drecksjobs. Riefaat selbst lebt vom Toilettenreinigen. Beispielhaft für ein heute noch gültiges Resümee will ich ihn zitieren: „Und dann siehst du im Fernsehen, wie all die Mbekis und Winnie Mandelas, die doch schon im Parlament sitzen, immer noch mehr Ehren bekommen. Warum erhalten meine Kameraden nichts …“ Sei es wie es sei: eines Tages wird das sozialpolitische Vermächtnis Nelson Mandelas allen seinen Landsleuten zugute kommen. Dass dieses sich auch global erfüllen mag, der Gedanke begründet ein weiteres Motiv zum Schreiben – darüber hinaus möchte ich anderen Mut machen, sich trotz starker Behinderung die Welt anzusehen. AUF WEITERLESEN also im Reise-Essay „Florida und so on“. Aber natürlich geht es jetzt erstmal Richtung Kaptstadt, wobei in dem folgenden Textauszug auch ein paar alte Geschichten aus der Zeit kurz nach der Wende in Erinnerung gerufen werden:
„Etwa gegen 18:15 passierten wir den Äquator zwischen Kinshasa und Lagos. Mit einer halben Stunde Verzug meldete der Herr Flugkapitän diesen Sachverhalt. Dass er bei seiner Durchsage kaum verständlich nuschelte, war nur ein weiterer unfreundlicher Akt. Ansonsten verging die Zeit zwischen Mahlzeiten, Gesprächen und erwartungsvollem Träumen relativ schnell. Ich las weder ein Buch noch in Zeitungen, geschweige denn sah ich mir im Bordkino einen in die Jahre gekommenen Film an. Dennoch fühlte ich mich erstaunlich frisch, als wir nach zwölf Stunden um Mitternacht auf dem International Airport Cape Town landeten. In München hatte Schneematsch gelegen – hier zeigte das Thermometer etwa 20 Grad über Null. Nach einer herzlichen Begrüßung – auch wenn es unwahrscheinlich klingen mag, ich erkannte auf Anhieb nach dreiundvierzig Jahren meine Nichte wieder – wurde unser Gepäck in einen VW-Bus verstaut. Kombi nennt man hierzulande ein solches Fahrzeug. Knapp dreißig Minuten später parkten wir vor Veras Ferienhäuschen in Strand, einem kleinen Ort an der False Bay. Drei Zimmer, Küche und Bad auf modernstem Stand. Garage angrenzend und ein kleiner Rasen hinterm Haus – unser Domizil für die nächsten zwei Wochen. Die Studien am Kap der Guten Hoffnung konnten also beginnen.
Eine erste Kalamität sah nicht nur mich ziemlich ratlos: Mein absolut notwendiges Sitzkissen für den Rollstuhl war verschwunden. Vera versprach, sich darum zu kümmern. Da es aufgrund der geografischen Lage Kapstadts zu Berlin keinen Jetlag gibt, saßen wir nach kurzem Nachtschlaf auf der von einer Mauer umgebenden Grünfläche hinterm Haus, um ausgiebig zu frühstücken. Genauer gesagt: Wir waren dazu willens, aber ständige Sturmböen mit Spitzen um etwa acht Windstärken wirbelten alles durcheinander. Doris Cerealien flogen vom Teller, bevor die Milch alles zu einem zähflüssigen Brei aufgehen ließ. Wer sich vom Stuhl erhob, tat gut daran, seine Sitzschale aus Plast festzuhalten. Andernfalls war ein kurzer Sprint angesagt.
Jetzt begriffen wir, warum Seefahrer auch den Begriff Kap der Winde für diesen Landstrich geprägt hatten. Andererseits wären Tagestemperaturen um 27 Grad für uns wenig angenehm gewesen. Fortan zeigte sich der Himmel ab zehn Uhr morgens bis zur abrupt einbrechenden Dunkelheit wolkenlos und computerblau. Dieser Name für ein ganz spezielles Firmament kam mir spontan 1993 während unseres Aufenthaltes in Kalifornien über die Lippen – er entspricht in etwa dem Blau im weltbekannten Windows-System. Im Übrigen fassten sich die Einheimischen an den Kopf – bei dem schlechten Wetter würde es keinem Captonian einfallen, im Freien zu frühstücken! Ganz zu schweigen davon, hier ausführlich und in Ruhe unsere Touren für die nächsten Tage besprechen zu wollen.
Als wir uns einig waren, lehnte ich mich im Rollstuhl zurück und wandte das Gesicht der Sonne zu. Mich beschäftigte die Frage, ob ich irgendwann etwas über diese Reise zu veröffentlichen gedachte. Der Zeitpunkt irgendwann wollte nichts besagen; happy rolliday über unsere Reise nach San Francisco war ja auch erst zwei Jahre später erschienen. Wenn ich an die fast kriminellen Umstände vor und nach der Veröffentlichung dachte, bekam ich trotz südafrikanischer Sonne eine Gänsehaut. Nein, so etwas musste ich mir nicht noch einmal antun.
Spätestens ab 1993 war der Name Jutta Vogel (Vor- und Nachname geändert, da durch Geldrückforderungen möglicherweise noch Gerichtsverfahren anhängig sind) und ihr JOTVAU Verlag plötzlich in aller Munde gewesen. Eine professionell arbeitende PR-Agentur hätte diese Werbekampagne nicht effektvoller aufziehen können: Die umtriebige ostdeutsche Verlegerin Jutta Vogel stand in den Spalten der Tagespresse, die ehemalige Tierzüchterin bzw. LPG-Vorsitzende produzierte sich in Talkshows, die selbst ernannte Büchernärrin parlierte an den Mikrofonen der Rundfunkanstalten. Ihre üppige Erscheinung, gepaart mit einer gewissen schlagfertigen Schnoddrigkeit schien den Leuten zu gefallen. Letzteres nutzten böswillige Moderatoren mitunter auch, um die Powerfrau des Ostens vorzuführen. Ein Umstand, den sie in ihrer Unbedarftheit leider nicht oder höchst selten mitbekam.
Nichtsdestoweniger witterten etliche DDR-Autoren quasi Morgenluft, weil Jutta Vogel sich ganz bewusst als ostdeutsche Verlegerin darstellte. Unsere Verlage waren mittlerweile auf dem Büchermarkt eliminiert oder an einen ehemals westlichen Konkurrenten für die berühmt-berüchtigte symbolische Mark verscherbelt worden – plötzlich bot sich für uns Schriftsteller eine neue Chance. Da war jemand mit heimatlichem Stallgeruch, gezeugt aus den gleichen Lebenserfahrungen. So kam es, dass die Post mitunter an einem Tag zehn bis zwanzig mehr oder weniger umfangreiche Manuskripte im jotvau Verlag ablieferte: Mit den besten Grüßen und noch viel größeren Hoffnungen. Das alles war mit einer Dreifrauenfirma gar nicht zu realisieren. Einiges wurde gedruckt, darunter auch meine Bücher happy rolliday und alfred Jude dreyfus Der nicht vollendete Justizmord. Ich bot darüber hinaus gehend meine Hilfe an, weil eine Berufsanfängerin mit Enthusiasmus allein im Buchhandel keine Geschäfte machen kann.
Seltsame Dinge taten sich in der Folgezeit: Da rief mich eines Tages die Witwe des Schriftstellers Klaus Beuchler an. Ich möge diese Belästigung am Telefon vielmals entschuldigen; im jotvau Verlag habe man ihr gesagt, ich bräuchte für das Lektorat eines nachgelassenen Manuskripts ihres Mannes viel Zeit und möchte nicht gestört werden. Nun aber seien zwei Jahre vergangen und sie hätte doch gern erfahren … Was selten vorkommt – ich war sprachlos und stocksauer zugleich. Weder lag Klaus Beuchlers unveröffentlichte Arbeit bei mir zu Hause, noch hatte ich davon gehört! Als ich mich bei Jutta Vogel ob dieser Praktiken beschwerte, war jener Text angeblich auch noch verloren gegangen. Ich gab der Witwe schließlich den Tipp, über Jutta Vogels Rechtsbeistand Dr. Glücksmann darauf zu dringen, dass das Manuskript umgehend wieder herbeigeschafft wird. Was seltsamerweise auch relativ kurzfristig geschah.“
Bereits diese beiden kurzen Auszüge dürften auf die Reise-Essays von Hans-Ulrich Lüdemann neugierig gemacht haben, der auch immer wieder auf sein vielleicht wichtigstes Anliegen hinweist – „am praktischen Beispiel vorzuführen, dass es auch einem hochgradig Querschnittgelähmten nicht versagt bleibt, im Rollstuhl fremde Länder auf entfernten Kontinenten zu besuchen“. Und auch das ist ihm ausgezeichnet gelungen.
Eine Empfehlung wert sind aber auch der SF-Roman von Alexander Kröger und die märchenhafte Geschichte aus dem Zauberland von Aljonna und Klaus Möckel. Hoffen wir, dass es Telwina Wunderschön gemeinsam mit ihren Freunden gelingt, sich der ebenso ungewollten wie aufdringlichen Bewerbung des Drachenkönigs zu erwehren. Aber auch wenn es ein Märchen ist, scheint es am Anfang keineswegs so klar zu sein, dass alles gut ausgeht …
Viel Spaß beim Lesen und Mitfiebern, auch dieses Mal noch weiter einen schönen, möglichst goldenen Herbst und bis demnächst.

Unternehmen: EDITION digital Pekrul & Sohn GbR


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